Test und Technik

Test Kawasaki VN 1700 Classic

Fahrbericht VN 1700 Classic

21.07.2009 00:00

Mit der VN1700 Classic, welche die 1600er-Version ablöst, bringt Kawasaki den ersten Cruiser mit elektronischem Gasgriff. «Cruise by wire» müsste man das wohl nennen. Text: Markus Schmid Bilder: James Wright, Wout Meppelink


Easy Cruising mit der neuen Kawasaki VN 1700 Classic,

Vor mir zwischen dem mächtigen Lenkergeweih hängt der gewaltige Scheinwerfertopf. Beidseitig in dieser verchromten Riesenschüssel siehst du an deinem unteren Gesichtsfeldrand die Alleebäume vorbeiwischen. Zwischen ihnen zieht sich das Asphaltband bis zum Horizont dahin.

Der Horizont ist aber nicht die rote Wüste Arizonas, sondern ein Geländehuckel im Hinterland von Béziers in Südfrankreich. Und das lauteste an diesem Riesen-Cruiser ist nicht das gedämpfte Bollern aus den zwei Auspufftöpfen – natürlich heavily chromed –, sondern das scherbelnde Kratzen der klappbaren Trittbretter, wenn sie eine Kurve aus der Nähe sehen. Aber keine Angst: Das kostet nicht gleich neue Bretter, sondern nur die von unten angeschraubten Schleifer aus Alu-Guss.

Schräglagenfreiheit

Wem nach diesem akustischen Warnsignal immer noch nach mehr Schräglage zumute ist – oder wenn eine Bodenwelle dazukommt –, dem setzen die Trittbrettträger und dann rechts der Auspufftopf auf.
So, damit ist das Thema Schräg­lage erledigt. Crusiser sind schliesslich nicht zum Kurvenfräsen, sondern zum Geradeausbummeln und Geniessen gebaut, und das gelingt mit der neuen VN1700 Classic perfekt.

Komfort

Weit fassen die Fäuste die Lenkerarmaturen, der breite, nicht allzu weich gepolsterte Sattel lässt Gross und Klein Raum, um die optimale Distanz zu diesem Geweih zu finden. Breit stellst du die Stiefel auf besagte Trittbretter – für die Sozia gibts normale Rasten – , lässig gebeugt liegen die Knie am mächtigen 20-Liter-Tank, der längere Etappen zulässt, als sie der Durchschnitts-Cruiser-Pilot normalerweise am Stück fährt.

Handhebel mit schön gelöster Winkeleinstellung per Alu-Schraub­rädchen, Fussbremspedal, Schalt­wippe, alles währschafte Metallarbeit, wie man es von einem Konzern, der eigentlich Kawasaki Heavy Industries heisst, nicht anders erwartet. Dabei auch wertig gemacht, nur wenige Teile sind aus schnödem Plastik, und alles erstrahlt in holdem Glanz, entweder in Chrom oder in Schwarz.

Werbevideo von Kawasaki zur neuen 1700er-Cruiser-Linie:

Der V2-Mocken

Währschaft ist auch der V-Twin unter dem Tank. Er mutiert mit einem um 9mm längeren Hub von der knapp kurzhubigen Ausführung in der VN1600 zu einer leicht langhubigen Auslegung. Vor allem aber legt er so fast 150 cm3 Hubraum auf exakt 1700 cm3 zu. Damit steigt auch die Maximal­leistung um 7 PS auf 74 Mustangs, und das Drehmoment wächst um 8 auf 135Nm.

Getriebe

So ist genug Dampf vorhanden, um in Kombination mit dem trotz Wippe sauber schaltbaren Sechsganggetriebe anständig voranzukommen. Der letzte Gang ist als deutlich längerer Overdrive ausgelegt, bringt also nicht Spitzengeschwindigkeit, sondern passt genau, um bei Schweizer Autobahntempo lässig mit mittlerer Drehzahl dahinzuwummern.

V-2

Druck liefert der 55-Grad-V2 sowohl aus dem Drehzahlkeller wie auch über den ganzen Drehzahlbereich ohne Verschlucker und Rappeln, egal, wie unsensibel der Pilot die Drosselklappen aufreisst. Damit der Krafteinsatz noch direkter wirkt, hat man den Ruckdämpfer in der Kupplung weggelassen.

Der Twin hängt präzise am Gas, eindeutig das Verdienst des Drive-by-wire-Systems, das die zwei Drosselklappen vollelektronisch steuert. Die zwei Gaszüge betätigen zwar eine Welle unten am Drosselklappengehäuse, diese liefert aber lediglich Daten zu Öffnungsgeschwindigkeit und -winkel an das Motormanagement, welches elektronisch die Drosselklappen, die Einspritzdüsen und den Zündzeitpunkt steuert. Ausser verbesserten Kaltstarteigenschaften und optimierter Gasannahme bietet dieses System vor allem eines: Es senkt Emissionen und Verbrauch. Dies ist auch der Grund dafür, dass der Euro-4-kompatible 1700er den 1600er ablöst: Der schaffte nur Euro 2.

Das Drosselklappengehäuse:

Bremsen mit allen Mitteln

Druck muss der V-Twin auch liefern, weil die Classic vollgetankt satte 345 Kilo auf die Waage bringt. Inklusive der zulässigen Zuladung von 180 Kilo muss er also über eine halbe Tonne beschleunigen. Und die will auch gebremst sein. Diese Aufgabe verrichtet die 300-mm-Doppelscheibenbremse im Vorderrad zwar klaglos, es ist aber wie bei jedem der generell hecklastig ausgelegten Cruiser äusserst sinnvoll, per Pedal mit der gleich dimensionierten hinteren Scheibenbremse mitzubremsen. Beide Bremsen sprechen genügend fein an und sind einwandfrei dosierbar.

Abstimmung passt

Mit so viel geballter Masse wird aus dem lässigen Cruisen auf Strassen minderer Ordnung bei zu weicher Abstimmung oder unpassender Fahrwerksgeometrie schnell ein hüpfendes, pumpendes Herumeiern. Nicht so auf der VN1700.

Lenkgeometrie

Die erfolgreich auf Stabilität ausgelegte Lenkgeometrie, die dicken Reifen und eben die pure Masse verlangen zwar trotz günstigen Hebeln am ausladenden Geweih deutliche Lenkkräfte nicht nur am Kurveneingang, sondern besonders auch, um die Fuhre in Wechselkurven von der einen Schräglage in die andere zu hieven, aber die Stabilität auch in Schräglage und über Wellen ist erstaunlich. Erst über harte Absätze und richtig löchrigen Belag wirds irgendwann unbequem. Aber in solchem Gelände schalten lässige Cruiser-Treiber eh auf gemütlich.

Was noch?

Genau: Was begehrt das Cruiser-Herz noch mehr? «Long and low» kommt die Kawasaki daher, breitschultrig. Sie liefert perfekt über das mo­derne Drive-by-wire-System kontrollierbaren Dampf und bietet ein für dieses Segment schon fast dynamisch abgestimmtes Fahrwerk, dazu gute Bremsen. Auch die Ergonomie stimmt. Das alles gibts bei ihr zu einem für diese Hubraumkategorie sehr angenehmen Preis in diesem Reigen der V2-Pötte nach US-Vorbild.

Und genau bei diesem Stichwort liegt der einzige Haken: Wessen Hirn vor dem Kauf schon H.-D.-gebrandet ist, der wird sich auch von der Kawasaki VN1700 nicht umstimmen lassen. Wer einfach einen perfekt funktionierenden Cruiser will, egal, welcher Markenname nun auf dem Bidon prangt, der ist mit der Kawasaki gut bedient und kann mit ihr die «good times» rollen lassen.

Fazit

Die neue VN1700 Classic sieht zwar nicht komplett anders aus als die Vorgängerin, aber wenn man die beiden nebeneinander stellt, sieht man, dass die Stilisten erfolgreich gearbeitet haben: Sie wirkt noch wertiger. Und der V2-Motor ist merklich stärker und noch kultivierter geworden und bietet so uneingeschränktes Cruiser-Feeling.

Kawasaki VN 1700 Classic an der Swiss-Moto 2009 - zusammen mit Kawasaki-Hostesse Alexandra:



Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt  3 Punkte
Auf grosser Tour  3 Punkte
Sportlich fahren  2 Punkte
Zu zweit unterwegs  3 Punkte
Emotionen  3 Punkte



Technische Daten Kawasaki VN1700 Classic

Motor

BauartFlüssigkeitsgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 55°, Kurbelwelle quer, 2 Ausgleichswellen
Ventilsteuerung eine oben liegende Nockenwelle und 4 Ventile pro Zylinder.
Bohrung x Hub102×104 mm
Hubraum1700 ccm
Verdichtung9,5:1
GemischaufbereitungElektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung (1 Düse pro Zylinder) und elektronischer Zündung, Drive-by-wire-System
Drosselklappen-Durchmesser42 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass
SchmierungNasssumpfschmierung mit Ölkühler
Auspuffanlage
StarterE-Starter

Leistungsdaten

Max. Leistung 74 PS (55 kW) bei 5000/min
Max. Drehmoment13,7 mkg (135 Nm) bei 2750/min
V-max.-

Kraftübertragung

Kupplung Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Nasskupplung.
GängeSechsganggetriebe
EndantriebEndantrieb über Zahnriemen

Fahrwerk

RahmenDoppelschleifen-Stahlrohrrahmen
Federung vornekonv. Telegabel
Gabelinnenrohr-Durchmesser43-mm
Federung hintenhinten Stahl-Zweiarmschwinge mit Stereofederbeinen, Auswärtsdämpfung vierstufig, Federvorspannung stufenlos regulierbar
Federweg vorn/hinten140 mm / 80 mm

Räder

RädertypLeichtmetallgussräder. Schlauchlose Radialreifen Dunlop D404.
Felgendimension vorn
Felgendimension hinten
Reifendimension vorn130/90 H 16
Reifendimension hinten170/70 H 16

Bremsen

Bremse vornVorn zwei Stahlscheiben (300 mm) mit Vierkolbenzangen.
Bremse hintenHinten Einzelscheibe (300 mm) mit Zweikolbenzange
ABSNein, nicht bei der Classic (nur die Schwester VN 1700 Voyager ist mit einem ABS-Bremssystem ausgestattet)

Abmessungen und Gewichte

Radstand1665 mm
Lenkkopfwinkel60°
Nachlauf169 mm

Leergewicht fahrfertig vollgetankt

Gesamtgewicht

345 kg

525 kg

Sitzhöhe720 mm
Tankinhalt (davon Reserve)20,0 l

Farben

Schwarz
x
x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 17990.–, inkl. MwSt. und NK.
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überCH-Import, Info Fibag AG, Lischmatt 17 4624 Härkingen, Tel. 062 285 62 00

Sonstiges, Bemerkungen

BemerkungNicht mit 34 PS erhältlich

Konkurrenten

Harleys:

Suzuki Intruder C 1800 (und C 1800 RT)
Triumph Thunderbird 1600
Victory Hammer/Kingpin/8-Ball
Yamaha XV 1900 A Midnight Star



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