Test und Technik

Test Kawasaki VN 1700 Voyager

Fahrbericht Kawasaki VN 1700

07.08.2009 00:00

Mit der VN1700 Voyager schickt Kawasaki einen perfekten Klon der Harley E-Glide Ultra Classic auf die Reise, und auch der dicke Kawa-Dampfer verfügt – neben einem Kombi-ABS – über Drive-by-wire! Text: Markus Schmid Bilder: Two Snap, Wout Meppelink


Hier fühlt sie die Kawasaki VN 1700 Voyager wohl: leicht kurvige, sanfte Landstrassen, viel Raum und Platz...auf Reisen halt.

Luxus-Cruiser-Fans, die von ihrer Holden als Aufforderung zur Ausfahrt am liebsten den Freddy-Quinn-Klassiker «Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reisen…» hören würden, kann jetzt auch von Kawasaki geholfen werden. Die VN1700 Voyager ist exakt nach dem Vorbild der Harley E-Glide Ultra Classic gestrickt, nur ist sie mit einem Preis von knapp 27500 Franken happige 8000 Fränkli günstiger als das Vorbild. Auf der Kommandobrücke fehlt es trotzdem an nichts.

Effektiv gegen Wind + Wetter

Hoch ragt die Windschutzscheibe aus der lenkerfesten Riesenverkleidung auf. Sie schützt zusammen mit den Beinschildern, in welche eine von Hand in vier Positionen verstellbare Klappe integriert ist, sehr effektiv vor Wind und Wetter. In die Verkleidung sind aussen die Zusatzscheinwerfer und innen die Soundanlage sowie die Rundinstrumente integriert, alles im Stil der amerikanischen Strassenkreuzer der Sechzigerjahre.

Alle Funktionen am Lenker

Am Gott sei Dank ausladenden Lenker – mit ihm lässt sich der vollgetankt gut 400 kg schwere Dampfer mit angemessenem Kraftaufwand dirigieren – finden sich neben üblichen Funktionen die Tasten für Tempomat und Displaysteuerung (rechts) und die Bedienung der Soundanlage (links). Willkommen also auf der Kommandobrücke, Herr Kapitän!

Linker LenkerRechter Lenker

Was geht? Und was nicht?

Damit das Thema gleich abgehakt ist: Mit solchen Kreuzfahrt-Luxusyachten wird nur so am Pier angelegt – pardon, parkiert –, dass man beim Wegfahren möglichst wenig Lenkeinschlag benötigt und vor allem direkt nach vorne freie Bahn hat. Übungen wie Rangieren im Stand, womöglich noch auf seitlich abfallendem, eventuell sogar unebenem Terrain, oder sogar Rückwärtsschieben sollte man nur sehr erfahrenen Bikern oder Kranzschwingern überlassen.

Das offizielle Werbevideo von Kawasaki zur VN 1700-Serie:

Immer sicherer Stand

Denn hat man dem Koloss erst einmal ein paar Grad Schräglage erlaubt, ziehen seine Pfunde ihn unerbittlich weiter runter. Nichts für Spargeltarzane mit schmächtigen Oberarmen! Aber das geht einem mit allen Konkurrenzmodellen genau gleich. Immerhin fallen Höhe und Breite der Sitzbanknase so aus, dass auch Kapitäne mit Körperlängen leicht unter 1 Meter 80 in der Ebene noch beidseitig sicheren Stand erreichen.

Erfahrene Biker ab etwa 45 Jahren

So, damit sind die Einschränkungen aufgezählt. Die Kawasaki-Leute sind sich ihrer sehr wohl bewusst. Ihr Kundenprofil für die Voyager lautetet: erfahrene Biker ab etwa 45 Jahren. Na also. 

Masse ohne Schrecken

Einmal mit gut Dauerlauftempo unterwegs, verliert der Umgang mit so viel Masse ihren Schrecken. Die Lenkkräfte sind zwar hoch, aber dank der langen Hebel am Lenker und einer gutmütigen Lenkgeometrie stellt sich schnell Vertrauen ein. Logischer­weise ist das Geradeausfahren irgendwo zwischen Bummeltempo 30 und Landstrassenspeeds um 100 die Domäne solcher Maschinen im vollen Ornat und macht ihren Reiz aus.

Wie im offenen V-8-Cabrio

Auf zwei Rädern im moderat eingedämmten Fahrtwind dahingleiten wie in einem offenen V8-Cabrio – nur eben auf zwei Rädern – heisst die Devise, «Jufle» ist nicht angesagt, sondern genüssliches Gondeln.
Obwohl die VN1700 Voyager – in bestimmtem Rahmen – auch anders kann. Wir wollen jetzt nicht den Eindruck vorgaukeln, dass sie ein verkappter Kurvenwetzer wäre, beileibe nicht.

Viel bequemer als auf der Voyager kann man per Töff nicht reisen:

Bodenfreiheit beschränkt

Dazu ist die Bodenfreiheit unter den Trittbrettern zu beschränkt. Aber in jenen Schräglagen, welche die Floorboards mit darunter verschraubten Schleifern zulassen, gibts nichts zu reklamieren. Da gibts keine Schaukel- oder Pendelbewegungen, welche die Besatzung beunruhigen würden, der Dampfer zieht unbeirrt seine Spur. Nur ein metallisches Kratzen meldet das Erreichen der maximalen Schräglage.

Nicht üppige Zuladung

Wer die mögliche Zuladung von 172kg ausschöpft – was unserer Meinung nach nicht gerade üppig bemessen ist, wenn man davon ausgeht, dass ausser der Holden auf dem gut gepols­terten Sozius auch in den bauchigen Seitenkoffern und im Topcase noch ein paar Kilos mitgeschleppt werden – der ist dann allerdings froh, dass sich die hinteren Stereofederbeine per Luftpumpe in der Vorspannung anheben lassen. Kawasaki gibt dazu zwar keine Empfehlung heraus, ausser dass die Normaleinstellung bei 0 (null) bar Überdruck liege. Wir raten aber, den Druck mittels einer hundskommunen Velopumpe in Zehntel-bar-Schritten zu steigern.

Sinnvollerweise lassen sich parallel dazu auch die Auswärts­däpferkräfte in vier Stufen anheben, alles gut zugänglich oben am Federbeinkopf hinter den Deckeln der Seitenkoffer.

Koffer

Zum Thema Koffervolumen gibts momentan noch keine Angaben, aber im Topcase finden zwei Integralhelme Platz.

Drive-by-wire und Kombi-ABS

Stoisch ist der Geradeauslauf, selbst bei dem teils extrem böigen Wind im Hinterland des südfranzösischen Windsurf-Mekkas Béziers. Trotz dem weit ausladenden Verkleidungsoberteil mit den integrierten Zusatzscheinwerfern liess sich die Fuhre auch von happigen «Rafales» nie vom Kurs abbringen. Sicher ein Verdienst der mit gewaltigen 170 mm Nachlauf extrem auf Stabilität ausgerichteten Lenkgeometrie.

Keine Verschlucker

Stoisch geht die Voyager auch mit nervösen Gasgriffbefehlen um, kein Verschlucker ist ihr zu entlocken, immer liefert sie adäquaten Vorschub. Das rührt daher, dass die Gaszüge lediglich die Elektronik unter dem Tank betätigen, diese stellt dann aufgrund des Gasbefehls und der üblichen dazu notwendigen Daten per Stellmotor die Drosselklappen auf den idealen Öffnungswinkel ein. Kombiniert hat man das Ganze mit einem Tempomaten, der ab dem dritten von sechs Gängen – der sechste ist als Overdrive ausgelegt – im Tempobereich zwischen 47 km/h und 137 km/h funktioniert. Sehr bequem auf langen Autobahnetappen.

Drosselklappenkörper der Voyager:

Kombi-ABS

Ein weiteres Highlight, das aber nicht dem Komfort, sondern der Sicherheit dient, ist das Kombi-ABS. Egal, ob ausschliesslich mit Vorderbremse, nur mit Hinterbremse oder mit beiden gebremst wird, errechnet die Elektronik in Abhängigkeit vom Fahrtempo die ideale Bremskraftverteilung.

Ausschliesslich mit ABS

Bei der Testfahrt funktionierte der Blockierverhinderer sowohl auf trockenem wie nassem Belag einwandfrei im selben Rahmen wie vergleichbare Systeme auf vergleichbaren Modellen. Im EU-Raum gibts die Voyager zwar auch ohne ABS, in der Schweiz bietet sie der Importeur jedoch ausschliesslich mit ABS an.

iPod dazu

Für Zögernde hat Kawasaki einen Kaufentschlussbeschleuniger parat: Zu den ersten 400 in Europa verkauften Voyagers gibts einen iPod nano, 8GB, dazu.

Die schlanke Schwester

Nun, schlank ist relativ zu verstehen, vollschlank würde den Punkt in Bezug auf die VN1700 Classic Tourer präziser treffen. Technisch ist sie mit der Voyager identisch, bis auf das fehlende ABS-System, die wegen des geringeren Gewichts um 2 mm schlankere Telegabel und die Karosserie.

Windschutzscheibe und seitliche Abweiser an den Gabelrohren bieten relativ guten Windschutz, die serienmässigen Koffer einiges an Packvolumen. Dabei wirkt die Classic Tourer wesentlich leichter und weniger kopflastig als die Voyager, abwohl sie mit 378 kg vollgetankt nur gerade 28 kg schlanker ist als diese inklusive des 4 kg wiegenden ABS. Übrigens verfügt auch die Classic Tourer über einen Tempomaten. Sie steht für 21490 Franken (inkl. NK) beim Händler.

VN-Modelle für den Haushalt

Mit der VN-1700-Reihe hat Kawa­saki nicht nur beim Motor ein Brikett nachgelegt, sondern man hat auch beim Fahrwerk Nägel mit Köpfen gemacht: Keine schaukelnde Sänfte mit zu weicher Abstimmung, sondern ein vernünftig fahrbarer Landstrassenkompromiss ist das Resultat. 

Wem der dicke Fulldresser-Voyager eine Nummer zu üppig ist, der greift zur Classic Tourer, auf der der Wetterschutz auch nicht wesentlich schlechter ausfällt. Einziger wirklicher Nachteil ist der Wegfall des ABS-Systems.

Voyager (links), daneben der Classic Tourer

  

Auch jene finden im Kawasaki-Modellprogramm Hilfe, die einen lieben Menschen im Umfeld dazu überzeugen, anstatt auf dem Sozius mitzufahren, selbst das Billett zu machen: Die VN900 eignet sich dazu ideal und ist gegen Aufpreis ebenfalls in Tourer-Ornat zu haben.
VN-Modelle also für den ganzen Haushalt, dann gibts wenigstens kein Gstürm über Marken-Clichés.

Fazit

Der neue Fulldresser von Kawasaki bietet unter der klassischen Schale mit ABS und Drive-by-wire moderne Technik, die Fahrkomfort und Sicherheit verbessert. Daneben erfüllten die Japaner perfekt die Vorgaben, die von einer nicht genannt sein wollenden Marke aus den USA definiert werden.



Weitere Detailfotos:

Cockpit:

Geöffnetes Topcase:

Der Motor:

Topcase

Geöffneter Seitenkoffer:

Bordsteckdose:

Windschutz Seite rechts mit Lautsprecher, Staufach und Bordsteckdose:

Und Windabweise links:

Die markante Front der Voyager:

Viel Licht am Heck:



Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt2 Punkte
Auf grosser Tour5 Punkte
Sportlich fahren1 Punkte
Zu zweit unterwegs5 Punkte
Emotionen3 Punkte



Technische Daten Kawasaki VN 1700 Voyager

Motor

BauartFlüssigkeitsgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 55°, Kurbelwelle quer, 2 Ausgleichswellen.
VentilsteuerungJe eine oben liegende Nockenwelle und 4 Ventile pro Zylinder.
Bohrung x Hub102×104 mm
Hubraum1700 ccm
Verdichtung9,5:1
GemischaufbereitungElektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung (1 Düse pro Zylinder) und elektronischer Zündung, Drive-by-wire-System.
Drosselklappen-Durchmesser42 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass-
SchmierungNasssumpfschmierung mit Ölkühler.
Auspuffanlage
StarterE-Starter.

Leistungsdaten

Max. Leistung 73 PS (54 kW) bei 5000/min
Max. Drehmoment13,9 mkg (136 Nm) bei 2750/min
V-max.-

Kraftübertragung

KupplungZahnradprimärtrieb. Hydraulische Nasskupplung.
GängeSechsganggetriebe.
EndantriebEndantrieb über Zahnriemen.

Fahrwerk

RahmenDoppelschleifen-Stahlrohrrahmen,
Federung vornekonv. Telegabel
Gabelinnenrohr-Durchmesser45-mm
Federung hintenhinten Stahl-Zweiarmschwinge mit Stereofederbeinen, Auswärtsdämpfung vierstufig, Federvorspannung stufenlos regulierbar,
Federweg vorn/hinten140 mm / 80 mm.

Räder

RädertypLeichtmetallgussräder. Schlauchlose Radialreifen Dunlop Exedra.
Felgendimension vorn
Felgendimension hinten
Reifendimension vorn130/90 H 16
Reifendimension hinten170/70 H 16

Bremsen

Bremse vornVorn 2 Stahlscheiben (300 mm) mit Vierkolbenzangen
Bremse hintenhinten 1 Scheibe (300 mm), Zweikolbenzange
ABSKombi-ABS (in der Schweiz serienmässig).

Abmessungen und Gewichte

Radstand1665 mm
Lenkkopfwinkel60°
Nachlauf177 mm

Leergewicht fahrfertig vollgetankt  (inkl. ABS)

zul. Gesamtgewicht

406 kg

578 kg

Sitzhöhe730 mm
Tankinhalt (davon Reserve)20,0 l

Farben

Silbern
x
x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 27490.–, inkl. ABS MwSt. und NK
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überFibag AG, Lischmatt 17 4624 Härkingen, Tel. 062 285 62 00

Sonstiges, Bemerkungen

Bemerkungnicht mit 34 PS erhältlich

Konkurrenten

BMW K 1200 LT
Honda Goldwing
Harley-Davidson E-Glide
Triumph Rocket III Touring



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