Menschen und Politik
Biker-Protest
26.05.2003 00:00
Die Töfffahrer-Demo hat die kühnsten Erwartungen übertroffen: trotz schlechtem Wetter 35 000 Teilnehmende, eine Superstimmung auf den Autobahnen, ein total friedlicher Auftritt in Bern. Die BikerInnen des Landes haben Stärke demonstriert und für Aufsehen gesorgt.
Man war sich ja bis zuletzt nicht sicher: Wie viele Motorradfahrerinnen und -fahrer nehmen den Weg nach Bern unter die Räder? Wie viele bleiben zu Hause, wenn das Wetter nicht mitspielt? 20 000 Biker war die meistgehörte Zahl vor der Demo, falls überhaupt jemand eine Schätzung wagte. Am Samstag, dem 17. Mai 2003, einem meteorologisch trüben Tag, waren es gewaltige 35 000, offiziell von der Polizei geschätzt. Bei Sonnenschein wären es 40 000 oder mehr geworden.
Doch was sagen abstrakte Zahlen? Man muss sie schon gesehen und gehört haben, diese Tausende von Bikes und Bikern auf ihrer - zunehmend langsameren - Fahrt Richtung Bern. Wer auf einer der Autobahnbrücken um die Bundesstadt stand und den nicht enden wollenden Strom beobachtete, fühlte es bis in die Magengegend: Hier ist etwas Besonderes im Gange. Eine in dieser Form einmalige Demonstration der Stärke. Und der wohl grösste Motorrad-Event, den es in der Schweiz je gegeben hat. Wenn die Biker, ansonsten eher Individualisten, zu sehr provoziert werden, können sie zusammenstehen.
Petition deponiert
Das war schon zuvor bewiesen worden. Bei der Bundeskanzlei waren 209 986 Unterschriften gegen die Diskriminierung von Töfffahrern durch «Vision Zero» eingereicht worden!
Mit der Demo wollten wir Biker zeigen, dass man um uns nicht herum kommt, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Das ist gelungen. Zuerst auf den Strassen: Überall im Land versammelten sich die Piloten. Teils in kleinen Gruppen, zu Dutzenden, andernorts bereits als Hundertschaften. Dann gings über Landstrassen Richtung Autobahn.
Auf der Autobahn fing das Vergnügen dann richtig an! Nicht dass uns Tempo 80 besonders gefiel. Doch für einmal musste dies sein. Um allen, die auch noch unterwegs waren, zu zeigen, wie es sein könnte, wenn die Motorräder auf 80 kastriert würden.
Ausgerastet
Bald waren die Kolonnen so enorm, dass Autobahneinfahrten vorübergehend dicht wurden, wie uns beispielsweise von der Raststätte Würenlos oder aus Düdingen reportiert wurde. Gefahren wurde 80, je nach Temperament der Biker-Gruppen auf einer Spur oder dann eben auf beiden Gassen. Die Blockadefahrt wurde meist aber flexibel gehandhabt. Ein Automobilist rastete dennoch aus: Auf der Rückfahrt auf der A 1 überholte er auf der Ausfahrtspur Oensingen und dann auf dem Pannenstreifen mit rund 140 km/h, riss seinen Wagen dann über die rechte gleich auf die linke Spur und schoss so einen Motorradfahrer mit Sozius ab! Folge: Mittelschwer verletzte Biker.
Der Fahrer des blauen Audi S3 (mit Zürcher Kennzeichen) beging Fahrerflucht. Ist wohl besser so, eine Diskussion mit hundert erzürnten Bikern hätte für ihn wohl kaum gesundheitsfördernd geendet Bis Redaktionsschluss war der Automobilist flüchtig, doch dank der Zeugenaussagen (Überrollkäfig im S3, sechsstelliges Kennzeichen, beginnend mit einer 4, gelochte Heckschürzen) müsste der Kerl zu kriegen sein.
Friedlich, diszipliniert
Ansonsten gings aber meist oberfriedlich zu und her. Auch ein Indiz dafür: Wenn Biker andere Biker oder Passanten am Strassenrand und auf Brücken grüssten, war das mit einem Winken oder mit dem Victory-Zeichen, nicht mit der Faust.
Sehr geordnet ging die Parkplatzzuweisung auf dem Ausstellungsgelände im Norden Berns vonstatten. Motorradclubs der Region hatten über 100 Helfer im Einsatz, Polizisten vor Ort waren positiv erstaunt. Auch Peter Manzanares, der den Ordnungsdienst koordinierte, sprach von einem gelungenen Einsatz.
Dann endlich der Marsch Richtung Bundeshaus. Die gepflästerten Gassen der Berner Altstadt füllten sich im Nu. Der Strom der Marschierenden sollte über eine Stunde anhalten, und bald wars eine Demo in zwei Richtungen: Viele machten sich auf den Rückweg, während andere noch zum Bundesplatz strömten. Alle hatten vor dem Bundeshaus einfach nicht Platz!
Dort formulierten Redner, ob Importeursverbands-Präsident Rolf Wildberger, ob Caroline Birrer (IG-Motorrad), ob FMS-Präsident Jean-Pierre Dubosson, was uns allen ganz mächtig stinkt: Wir lehnen zusätzliche Einschränkungen für unser Hobby ab, und ganz besonders die diskriminierenden, wie sie die «Experten» von der BfU vorschlagen. Kein Tempo 80, kein spezielles Alkilimit, keine Erhöhung des Alterslimits von 16 auf 18.
Nützt die tolle Demo etwas? Roland Fuchs, Demo-Koordinator von Pro Moto: «Ich bin kein Prophet, doch ich glaube, dass der grosse Aufmarsch und die Petition den zuständigen Leuten in Bern zu denken gibt.»
Es geht weiter
Mit der Demo ist der Kampf natürlich längst nicht beendet. Und damit auch unsere Berichterstattung nicht. Demnächst im MSS: Wer diskutiert bei «Vision Zero» mit? Und wer entscheidet?
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