Test und Technik
Sanfter Bösewicht
30.11.2005 00:00
Mit der Griso 1100 bringt Moto Guzzi ein spielerisch zu fahrendes Power-Naked-Bike mit hohem Spassfaktor und zeitgemässem Techno-Design auf den Markt. Ein überaus konkurrenzfähiges Motorrad, das breite Massen anzusprechen vermag, aber dennoch eine waschechte Guzzi geblieben ist.
Mit der Lancierung der Breva V 1100 im Frühjahr 2005 ist Moto Guzzi der erste Schritt zum Comeback in den Markt für «mehrheitsfähige» Motorräder gelungen. Die Breva ging weg wie heisse Brötchen. Jetzt doppelt der Traditionshersteller mit Sitz am Comer See mit der Griso nach. Mit ihrem bullig aggressiven Erscheinungsbild folgt sie am ehesten dem aktuellen Trend der bösen Power-Naked-Bikes und spricht dabei eindeutig eine junge, eine sportlich orientierte Klientel an.
Urbanes Alltagsbike
Wer auf (nicht in!) der Griso Platz nimmt, sitzt aufrecht, mit leicht nach vorne geneigtem Oberkörper. Einmal kurz den Anlasser betätigt, und schon wummert der seine Leistung stets kontrollierbar und linear entfaltende V2 los. Los gehts...
Bereits nach wenigen Metern (und jeweils ab 1500 Umdrehungen) fühlt man sich auf der Griso pudelwohl. Erstaunlich, wie sanft und kultiviert der V2 ans Werk geht. Im Stadtverkehr zirkelt man unbekümmert durch Kreisel und enge Gässchen, als hätte man nie etwas anderes gemacht, und man geniesst die staunenden Stadtgesichter.
Der Flow-Effekt
Alltagsqualitäten hat sie allemal, die Griso. Ihre Stärken weiss sie aber insbesondere auf den Land- und Passstrassen überzeugend an den Tag zu legen. Dank des überaus gelungenen Kompromisses aus Handling und Stabilität findet man sich schnell in einem Flow-Effekt, einer Art Trance wieder: Kurven aller erdenklichen Radien anpeilen, präzises Anbremsen ohne Aufstellmoment, Einlegen, spurtreues Kurvenfahren und Herausbeschleunigen ohne Unter- oder Übersteuern alles geschieht fast wie von selbst. Fahrgenuss pur!
Bremsen: Nicht zu aggressiv
Eine tolle Lösung wurde auch bei den Bremsen erreicht. Jene im Vorderrad verwöhnen den Fahrer mit einem sehr präzisen Druckpunkt und guter Dosierbarkeit. Die 282er-Bremsscheibe im Hinterrad ist nichts für Grobmotoriker: Sie lässt sich sehr fein dosieren und verzögert zur vollsten Zufriedenheit.
Nach all dem Lob bleiben dennoch zwei Punkte anzukreiden: Die doch verhältnismässig markanten Lastwechselreaktionen erfordern in engen Haarnadelkurven ein gefühlvolles Händchen. Zweitens scheint uns der Metzeler Rennsport, ein vorzüglicher Reifen für beherztes Angasen auf Rennpisten, für ein Alltagsmotorrad nun doch etwas gewagt. Dies insbesondere in Anbetracht des geringen Negativprofilanteils und der im Vergleich zu einem Tourensport-Reifen längeren Warmlaufphase.
Die Griso ist ab sofort in den Farben Rot und Schwarz erhältlich. Stil, Tradition und Sportsgeist haben ihren berechtigten Preis: Fr. 18'950.- (inkl. MwSt., zuzüglich Fr. 120.- LSVA).
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