Test und Technik

Attacke der Kampf-Hornisse

Testbericht: Honda CB 600 F Hornet

20.02.2007 00:00

Die kleine Hornet CB 600 F von Honda hat eine grosse Aufgabe. Sie muss Ein- und Aufsteigern ebenso behagen wie entschlossenen «Streetfightern». Der erste Eindruck: Sie kanns immer noch. Mit etwas verschobenem Fähigkeitsprofil.


Schönes, rasantes Naked Bike von Honda: CB 600 F Hornet.

Bei dieser Nässe würden Hornissen gar nicht fliegen! Wir sind in der Algarve, seit Monaten warten die Leute hier vergeblich auf Regen. Doch pünktlich zur Präsentation der neuen Honda CB600F Hornet kommt er! Aus dem Staub auf den Strassen macht er Pampe. Er verwandelt die Strasse in eine Rutschbahn und Hondas Neuheit schon nach wenigen Metern Fahrt in einen unansehnlichen Mistkäfer.

Auf Anhieb wohl..
 An sich wäre es für Hornissen die Zeit, «am Schärme» zu bleiben, die Flügel zu pflegen und den Gifttank aufzufüllen. Doch Ausreden sind fehl am Platz; es gilt, den Tag zu nutzen. Schliesslich hat sich Honda Mühe gegeben, die neue Hornet für die Anforderungen von heute fit zu machen – ohne indes die alten Hornissen-Ideale zu verraten. Ideale, die da sind: ein hübsches, kleines Motorrad, das so einfach zu bedienen ist, dass sich auch weniger Geübte auf Anhieb wohl fühlen, das aber trotzdem genug «Pfupf im Füdle» hat, um in der Hand des kundigen Piloten richtig zustechen zu können, wenn Ärger im Anflug ist.
  

Erfüllt Wünsche...
  Schon die erste Hornet von 1998 erfüllte die Wünsche aktiver Kurvenbrenner – für Einsteiger war sie damals aber vielleicht doch zu nervös, in Schräglage mit origineller Linienwahl stets für einen kurzen Herzstillstand gut! Im Laufe der Jahre hat Honda die kleine Hornet (es gibt auch eine 900er, die Honda derzeit aber ziemlich unbeachtet im Programm weiterlaufen lässt) in ihrem Verhalten etwas beruhigt, ohne am Äusseren viel zu ändern.

Blick auf die Konkurrenz
  Für 2007 nun hat Honda an beidem Hand angelegt, an der Technik und der Optik. Schliesslich hat die Mittelklasse-Naked-Konkurrenz einiges zu bieten, sei es die scharfe Yamaha FZ-6, die starke Suzuki GSR 600 oder die «Grünen» von Kawasaki, die bei gleichem Preisniveau gar mit längeren Spiessen (sprich mehr Hubraum: Z 750) kämpfen.

Woher kommmt der Motor?
  Die Entwickler der neuen Hornet gingen gleich vor wie ihre Vorgänger 1998: Zuerst stibitzten sie bei den Kollegen aus der Supersport-Abteilung den modernsten, stärksten Motor, jenen aus der brandneuen CBR 600 RR Und steckten den Kraftwürfel wie einst in einen eigens konstruierten Rahmen, der einfacher gebaut und damit kostengünstiger ist als das Edelteil der CBR.


  Gut für Menschen zwischen 160 - 180 cm
  Wir kommen später auf ein paar Techniktricks zurück, wollen aber für einen ersten Eindruck schon mal einige Meter auf rutschigem Asphalt riskieren. Schnell wird klar, dass bisherige Hornet-Fans aufatmen können: Die Neue ist als Hornisse auf Anhieb wiederzuerkennen. Sie ist von kompakter Bauweise, bietet für Leute bis gut 1,80 m dennoch genügend Platz, erleichtert aber dennoch dank tiefem Sitz das Leben und Stehen der Kleingewachsenen. Leicht ist sie weiterhin, mit ABS
wiegt die Hornet 3 kg mehr als zuvor ohne.

Entspannte Sitzposition
  Wir fahren auf den ersten Metern wie ein Fahrschüler in Lektion 1. Denn zum rutschigen Untergrund kommen die praktisch jungfräulichen Reifen, auf denen noch das Konservierungsmittel glänzt. Nur gut, versteht man sich mit der Hornet auf Anhieb. Man sitzt entspannt, mit sportlichem Kniewinkel, aber recht aufrechtem Oberkörper am nicht zu breiten Rohrlenker. Beim Herantasten an die maximal 5° Schräglage verhält sich die Hornet komplett neutral, beim Schritttempo im Stadtverkehr lässt sie sich einfach dirigieren. Die CB 600 F Hornet war und ist (auch) ein Fahrschulmotorrad.


  Modifiziertes RR-Triebwerk
  Eines mit allerhand Pep allerdings. Denn der Motor ist von der allermodernsten Sorte, parallel mit jenem der neuen CBR 600 RR entwickelt, mit anderen Nockenwellen und überarbeiteten Einspritzkurven auf gleichmässiges Drehmoment ausgelegt. In der Spitzenleistung «fehlen» zur Supersportlerin 18 PS, doch die vermisst man in einem Naked Bike kaum, zumal die Hornet deutlich kürzer übersetzt ist.

Drehzahlen?
  Wichtig sind vielmehr gute Manieren beim Rumtrudeln mit tiefen Drehzahlen. Das beherrscht der kleine Vierzylinder bestens, 2000/min selbst in den grossen Gängen steckt der Antrieb ohne zu ruckeln weg. Von dort bis 6000/min kann man im Verkehr mitschwimmen, 6000 bis 9000/min reichen für Landstrassenspass und Überholmanöver. Ist man hingegen mit Kollegen auf der schweren Kavallerie unterwegs, wird man die feurige Reserve bis zum Begrenzer (bei 14??000/min gemäss Anzeige) abrufen müssen, um am Kurvenausgang nicht abgehängt zu werden.

Zusätzlicher Druck oben raus
  Laut Honda bietet der Hornet-Antrieb im Vergleich zum Vorgängermodell zwischen 3000 und 9000/min etwas mehr Schub. Auf der Testfahrt, die am Nachmittag doch noch auf teils trockenem Asphalt stattfand, beeindruckte aber fast eher der zusätzliche Druck im Bereich der Maximalleistung (12'000/min).

Auspuff
  Ob tieftourig oder im Rock-’n’-Roll-Modus, stets erfolgt der Krafteinsatz bei Lastwechseln zwar direkt, aber nie harsch. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der diffizilen Abstimmung der Einspritzanlagen für die nun zwingende Euro-3-Norm.
  Die Zwänge der Abgasvorschriften erforderten nicht nur den Ersatz des Vergasers, sondern auch eine komplett neue Abgasführung. Die Auspuffkrümmer verlaufen schräg nach rechts unten, wo sie – so scheint es – in einen Endschalldämpfer-Stummel münden. Die optische Täuschung ist Honda gelungen: Denn in der Realität machen die Abgase zuerst den «Umweg» durch einen massiven Vorschalldämpfer unter dem Motor, wo sie der geregelte Katalysator bis deutlich unter die gesetzlichen Grenzwerte säubert. Erst dann können sie nach einer zweiten 180°-Wende über den Endtopf entfleuchen.

Toller Motor
  In fast allen Bereichen ist der neue Motor also besser – und erst noch mit vollerem Sound – als das zwischen 1998 und 2006 nur leicht modifizierte Triebwerk. Allerdings läuft der Vierzylinder nun deutlich rauer. Bis 5000/min säuselt er noch angenehm, bis 7000/min ists noch problemlos, doch in der oberen Drehzahlhälfte werden die Vibrationen an Händen, Füssen und im Schritt doch ziemlich nervig. Bei Tacho 130 im sechsten Gang bleibt man mit etwa 6800/min gerade noch unter der problematischen Marke.

Sehr präzise und handlich
  Beim frohen Treiben im Kurvengeschlängel ist einem das Kribbeln in den Extremitäten dann aber egal. Hier gilt die Aufmerksamkeit der richtigen Linie und den schnellen Schräglagenwechseln. Die Hornet hatte bislang ihre Konkurrenzvorteile in der überragenden Handlichkeit – nun kommt noch eine Extradosis Präzision und Stabilität dazu. Letzteres liegt womöglich gerade an der komplett neuen Motor-Auspuff-Kombination. Der Motor ist kompakter, die Auspuffanlage deutlich näher am Schwerpunkt angebracht. Massenzentralisierung heisst das Stichwort.

Rahmen
  Ebenfalls hilfreich ist der Rahmen. Wie zuvor setzt hier Honda auf einen einfach aufgebauten Einrohr-Rückgratrahmen, der statt aus Stahl nun aus drei geschweissten Alugussteilen besteht. Das Ensemble ist um 16 Prozent steifer als der Stahlrahmen, während die neu gezeichnete Alu-Schwinge gar um über die Hälfte an Seiten- und Torsionsfestigkeit zugelegt haben soll.

Stabil aber zuweilen nicht sehr komfortabel
  In den nicht allzu schnellen Bögen im Hinterland von Faro lässt es die CB 600 F jedenfalls nie an Stabilität vermissen. Dazu tragen auch die recht straffen, nur hinten in der Vorspannung einstellbaren Federelemente bei. Beim Überfliegen von Bodenwellen in Schräglage gerät die Gabel allerdings öfter leicht ins Stuckern, während das Heck perfekt stabil bleibt. Dafür gibts hinten eine gewisse Komforteinbusse, wenn die Piste mit Schlaglöchern garniert ist. Alles in allem ein Fahrwerk, das mehr als bei der bisherigen Hornet die sportiven Anliegen befriedigt.


In der Schweiz stets mit ABS
Perfekt funktionierten die Bremsen, doch wollen wir darüber nicht mehr sagen, denn in der Schweiz wird die einfache Zweikolben-Bremsanlage gar nicht erhältlich sein! Honda Suisse holt nämlich lediglich die Version mit ABS und Kombi-Bremse ins Land, die vorn und hinten mit Dreikolben-Bremssätteln funktioniert.

Preis/Leistung
  Mit 102 PS ist die neue Honda Hornet das stärkste der 600er-Naked-Bikes. Da ist mit ABS ein Preis von knapp 12'000 Franken sehr konkurrenzfähig. Gespart hat Honda nicht im Kern, sondern an der Peripherie des Motorrades. So ist der Kupplungshebel nicht einstellbar, Bremsleitungen oder Rückspiegel sind günstige Massenware, das Federbein wird vom Hinterrad voll gesabbert (den Schutz gibts gegen Aufpreis). Der Freak wird hier Hand anlegen, der Normalverbraucher wird es kaum bemerken und sich übers ABS freuen.

Ziel erreicht
  Ein Entwicklungsziel sei gewesen, sagt Honda, dass der Kunde stolz sei auf  seine neue Hornet. Das dürfte gelingen. Denn ohne den kleinen Flitzer zu revolutionieren, ist Honda etwas Neues gelungen. Das Styling hat von «hübsch» zu «knackig» gewechselt, hauptsächlich durchs neue Gesicht mit der kantigen Maske und dem kurzen, tief verlegten Endschalldämpfer. Das Motorrad ist eine Spur sportlicher geworden, ohne an Einsteigerfreundlichkeit und Alltagstauglichkeit viel einzubüssen. Für Honda kann die Saison beginnen. 

AUF EINEN BLICK - Bewertung (bei maximaler Note = 5)

In der Stadt                              Note 4
Auf grosser Tour                      Note 3
Sportlich fahren                        Note 4
Zu zweit unterwegs                   Note 3
Emotionen                                Note 4

Fazit
Typisch für ein Motorrad dieser Hubraumklasse, hat die 600er-Hornet zwei Gesichter: In der unteren Drehzahlhälfte ist sie handzahm wie ein Fahrschulmotorrad. Zwirbelt man den topmodernen Antrieb in hohe Drehzahlen, wird sie zum Sportgerät. Diesen Spagat zwischen Einsteiger- und Expertengerät meistert sie nun durch etwas mehr Sportlichkeit bei Motor wie Fahrwerk noch ein bisschen besser als ihre Vorgängerinnen. Nur die starken Vibrationen nerven.



  TECHNISCHE DATEN


 Motor

Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, Kurbelwelle quer. Zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder. Ventilwinkel total 23,5° (E 11,5°, A 12°). Elektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung (je 2 Düsen pro Zylinder) und elektronischer CDI-Zündung. 4-2-1-Auspuffanlage mit 3-Wege-Katalysator. Nasssumpfschmierung mit Ölkühler. E-Starter.

Hubraum

 Gesamthubraum  599 cm3
 Drosselklappen-ø 36 mm
 Verdichtungsverhältnis  12,0:1

Leistungsdaten Werk 

max. Leistung   102 PS (75 kW) 
bei  12'000/min
max. Drehmoment  6,5 mkg (63,5 Nm)
bei  10'500/min


Kraftübertragung 

Zahnradprimärantrieb, gerade verzahnt. Per Seilzug betätigte Mehrscheiben-Nasskupplung. Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe. Endantrieb über links liegende Dichtringkette.

Fahrwerk 

Einrohr-Rückgratrahmen aus Aluguss. Motor mittragend. Vorn ölgedämpfte Upside-down-Telegabel von Showa. Hinten Kastenschwinge aus Alu. Das Zentralfederbein von Showa ist in der Vorspannung einstellbar. 
  Gabelinnenrohr-ø 41 mm
  Federweg vorn 120 mm
  hinten 128 mm
  Räder  Gussräder aus Leichtmetall. Schlauchlose Radialreifen (Testmaschine: Bridgestone BT 012).
  Felgendimension vorn  MT 3.50×17
  hinten  MT 5.50×17
  Reifendimension vorn  120/70 ZR 17
  hinten  180/55 ZR 17 
 

Bremsen

Kombi-ABS. Bremsen  Nissin. Vorn zwei halb schwimmend gelagerte Stahlscheiben mit Dreikolbenzangen. Hinten Einzelscheibe mit Zweikolbenzange.
  Bremsscheiben-ø vorn 296 mm
  hinten 240 mm


Abmessungen und Gewichte

Radstand  1435 mm 
Lenkkopfwinkel  65° 
Nachlauf  99 mm 
Sitzhöhe  800 mm 
Tankinhalt/davon Reserve  19,0/4,0 l

Trockengewicht  177 kg
Leergewicht fahrfertig voll getankt  203 kg
zul. Gesamtgewicht  386 kg

Preis

Fr. 11'990.–, inkl. MwSt. und NK. Farben Gelb, Rot, Blau und Schwarz. Erhältlich ab März. Auch mit 25 kW/34 PS.

Kontakt


 CH-Import, Info  Honda Suisse SA, Route des Moulières 10, 1214 Vernier-Genève. Tel. 022 939 09 09, Fax 022 939 09 95

Internet: www.hondasuisse.ch/de/moto

Hier gehts zur grossen Fotogallery der Hornet

Youtube-Videos: 1. Präsentation der Hornet an der Intermot   2. Hornet im spanischen TV   3. Erste Fahrt mit der Hornet (besonders hübsches Video)



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