Test und Technik

Gestreichelt von der Seidenpranke

Fahrtest: Suzuki GSF 1250 Bandit

13.03.2007 00:00

Test: Die Kühlrippen werden am Motor der Suzuki Bandit 1250 nur wenige vermissen. Denn erstens sieht die Version mit Wasserkühlung ganz cool aus. Und zweitens drückt der dicke Reihenvierzylinder ganz gewaltig!


Power ohne Ende: neue Suzuki Bandit 1250 mit Wasserkühlung und elektrischer Einspritzung. Und natürlich ohne Kühlrippen..

Es ist ein Turm mit mächtigen Zinnen, der da aus dem fast schon zierlichen Stahlrahmen der Suzuki Bandit 1250 ragt. Hell silberfarben lackiert und ohne von Schläuchen verunziert zu werden, ist das Triebwerk der neuen Bandit ein Blickfang. Da hat man sich in Hamamatsu wirklich Mühe gegeben, uns den Abschied von den feinen Kühlrippen der bisherigen Bandits zu erleichtern.

Verschärfte Abgasvorschriften
Zur Erklärung: Seit ihrer Erfindung 1996 trug die Suzuki Bandit 1200 wie auch ihr kleines Pendant einen Motor mit Luft-/Ölkühlung und den dazugehörenden Kühlrippen. Dieser Antrieb ging auf die mächtige GSX-R 1100 zurück. Mit den per 2007 verschärften Abgasvorschriften (Euro3) sah sich Suzuki gezwungen, den vom Fahrtwind gekühlten Vierzylinder ins Töffmuseum zu schicken.

Allrounder
Anders als es ihr Name vermuten liesse, war die einst GSF 1200 genannte Suzuki nie ein ganz böser Streetfighter. Ihr Charme lag vielmehr in ihrem Breitband-Appeal, sowohl was die Käuferschaft wie den Einsatzzweck betraf. Böse also war sie nie, aber Respekt erheischend schon. Immerhin stand eine 1200 in der Bezeichnung.

Starke Hubraumvergrösserung
Und nun sogar 1250. In Wahrheit ist das Plus sogar grösser, wuchs doch das Motorvolumen dank mehr Hub von 1157 auf 1255 cm3 an. Gleichzeitig hat Suzuki das Triebwerk tüchtig modernisiert. Nicht nur durchziehen nun Wasserleitungen den Motorblock. Die Gemischaufbereitung findet in Vergasern nun mittels Kraftstoffeinspritzung statt, und am anderen Ende der Verbrennung reinigt ein 3-Wege-Katalysator die Abgase. Die Ventile werden statt von Schlepphebeln neu von Tassenstösseln geöffnet. Nur am Grundprinzip der mittig zwischen Zylinder 2 und 3 verlaufenden Steuerkette hat sich nichts geändert.

Grosses Foto der Bandit

Kühlrippen ade
Romantiker werden bedauern, dass die 26 schmucken Kühlrippen auf dem Altar der Moderne geschlachtet wurden. Doch ansonsten gibts keinen Grund, dem alten, gewiss nicht schlechten Triebwerk eine Träne nachzuweinen. Ganz einfach deshalb, weil der neue Motor in fast jeder Disziplin besser geworden ist.

Spitzenleistung ist nicht alles
Ausser bei der Spitzenleistung. Die bleibt, wohl aus Rücksicht auf deutsche Versicherungsklassen, unverändert bei 98 PS. Doch dieser Wert interessiert für Naked Bikes sowieso herzlich wenig, zumal dann, wenn der Druck in so dicken Schnitten serviert wird wie bei der neuen Bandit. Von 2600 (!) bis 7500/min stehen stets mindestens 10mkg am Hinterrad bereit.

Toller Motor
Praktisch ab Standgas sendet der Reihenvierer seine Druckwellen Richtung Hinterrad. Dabei agiert er äusserst kultiviert. Erstens bleiben die Vibrationen stets im Hintergrund. Und zweitens nimmt man den Koloss problemlos weich ans Gas: Die Einspritzanlage mit Doppeldrosselklappen reagiert auf Lastwechsel so geschmeidig, dass man die Vergaser der alten Bandit keine Sekunde vermisst.Top das Kaltstartverhalten: Auch bei 0 Grad springt der Motor beim kürzesten Druck auf den Anlasser an und verzichtet darauf, im Kaltlauf mit hohen Drehzahlen zu nerven.

Schnell fahrbar selbst in tiefen Drehzahlen
Hat es der Fahrer nicht grad richtig eilig, reichen mit der 1250er Drehzahlen auf dem Niveau eines Auto-Benziners. Nur wers richtig eilig hat, benötigt die obere Drehzahlhälfte – die rote Zone beginnt übrigens schon bei 9500/min (bei der 1200er warens noch 11'000/min). 

Kupplung/Getriebe
Auf gutem Niveau funktionieren die Gangwechsel. Die Hydraulikkupplung braucht zwar etwas Handkraft, die Gänge hingegen rutschen fast widerstandslos und präzise – wenn auch in den kleinen Stufen nicht immer leise – rein. Die Gesamtübersetzung der Bandit 1250 ist lang. Doch die Drehmomentberge verkraften das. Auf der Landstrasse wird man oft die Gänge 3 und 4 einsetzen, auf der Autobahn geniesst man im «Overdrive» das tiefe Drehzahlniveau (angezeigte 4200/min bei Tacho 130). Selbst eine Verkleidung (die um 450 Franken teurere S hätte immerhin eine Halbschale) vermisst man bei diesem Tempo nicht: Der Wind strömt den Fahrer ohne Verwirbelungen sauber an. Ganz gemütlich.

Grosses Foto: Fahrfoto

Chassis

Der Stahlrohrrahmen unterscheidet sich optisch in nichts von jenem der 1200er. Die Unterzüge sind etwas solider, sodass sich laut Suzuki die Steifigkeit des Chassis um zehn Prozent erhöht hat. Spürbar straffer abgestimmt sind die Federelemente, vor allem in der ersten Bandit-Generation noch zu Recht als Schlaffis gescholten.

Berechenbares Handling
Das Resultat ist ein Fahrverhalten, das die alten Tugenden der Bandit (ein neutrales, auch für weniger Erfahrene berechenbares Handling) mit einem gehörigen Schuss Dynamik kombiniert. Die Bandit 1250 reagiert direkter, bleibt beim Gasgeben stabiler als ihre Vorgängerin.

Komfort, Sitzposition

Trotzdem leidet der Komfort kaum, auch dank des (nicht zu) weichen Gestühls. Die Sitzbank ist übrigens in der Höhe um 20 mm verstellbar. Bei 168 cm Körperkürze passt mir die tiefere Stellung ausgezeichnet. Ein Kurvenwiesel hingegen ist die schwere Suzuki nicht geworden. Dagegen sprechen der lange Radstand, üppiger Nachlauf und die Pfunde. Zudem ist der Lenker nicht allzu breit.

Tiefer Schwerpunkt

Interessant: Trotz der Vierteltonne  Lebendgewicht wirkt die Bandit 1250 keineswegs einschüchternd. Sie trägt ihr Gewicht tief, die ganze Maschine kommt relativ flach daher, sodass selbst Schiebeübungen keinen Angstschweiss verursachen. Und auch auf den serienmässigen Hauptständer (bravo!) lässt sich das Trumm ohne grosse Anstrengung hieven.

Langstreckentauglich
Überhaupt hat Suzuki hier ein ordentliches Wohlfühlpaket geschnürt. Die Sitzbank ist straff genug für längere Strecken, der Übergang zum Tank ist etwas unrund, aber o.k. Die Fussrasten sind für die Fahrt auf der Landstrasse gut platziert, erst im Autobahn-Winddruck würde man sie sich für bessere Abstützung weiter hinten wünschen.

Sozius
Nicht ganz so feudal reist es sich in der zweiten Reihe. Der Sitz ist zwar ebenso gut, und mit dem Haltegriff kann man leben, weil er zwar nur hinten, dafür aber gross ist. Für langbeinige Personen hingegen sind die Rasten zu hoch angebracht.

ABS
Bestimmt im Sinn der angepeilten Kundschaft ist die Ausstattung mit ABS. Der Schweizer Importeur verzichtet darauf, die Version «ohne» überhaupt noch anzubieten. Das lassen wir uns bieten, da der Preis der Maschine auch mit ABS sehr erträglich bleibt und das System sehr fein regelt – man muss sich schon konzentrieren, um überhaupt festzustellen, dass die Antiblockierhilfe arbeitet. Die Bremsen selber sind, bei mittlerer Handkraft, so problemlos dosierbar, dass dieses ABS wohl nur selten Arbeit kriegt.


Punktebewertung: SUZUKI BANDIT 1250
(sehr gut = 5 Punkte; schlecht = 1 Punkt)

In der Stadt                     3 Punkte
Auf grosser Tour            4 Punkte
Sportlich fahren              3 Punkte
Zu zweit unterwegs         3 Punkte 
Emotionen                      4 Punkte



Fazit
Die neue Bandit hat trotz des Verlusts der Kühlrippen gewonnen. Suzuki hat einen Schuss Sportlichkeit hinzugefügt, ohne die guten Umgangsformen oder die Alltagstauglichkeit zu opfern. Richtig Laune macht der mächtige und doch sehr kultivierte Motor. Damit kommt die Bandit an meine bisherige Favoritin in diesem Segment, die Honda CB?1300, heran. Und das zum Schnäppchenpreis!

Grosses Foto: Fahrfoto



Technische Daten

Motor 

Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter. Zwei oben liegende, über Zahnkette gesteuerte Nockenwellen, vier von Tassenstösseln aktivierte Ventile pro Zylinder. Ventilwinkel total 32°, Ventil-ø: E 31 mm, A 27 mm. Eine Ausgleichswelle. Elektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung (1 Düse und 2 Drosselklappen pro Zylinder) und elektronischer CDI-Zündung. Nasssumpfschmierung. E-Starter.

Grosses Foto: Motor


Bohrung×Hub  79×64 mm
Gesamthubraum  1255 cm3
Drosselklappen-ø ø 36 mm
Verdichtungsverhältnis  10,5 : 1
Leistungsdaten ab Werk
max. Leistung   98 PS (72 kW)  bei  7500/min
max. Drehmoment  11,0 mkg (108 Nm) bei  3700/min


Kraftübertragung 

Zahnradprimärantrieb. Hydraulische Mehrscheiben- Nasskupplung. Sechsganggetriebe. Endantrieb über Dichtringkette.

Grosses Foto in voller Fahrt


Fahrwerk 

Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen. Vorn ölgedämpfte Telegabel, in der Federvorspannung einstellbar. Hinten Kastenschwinge aus Leichtmetallguss. In der Vorspannung einstellbares Zentralfederbein mit Hebelumlenkung.
Gabelinnenrohr-ø 43 mm
Federweg vorn/hinten 130/125 mm
Räder  Alu-Gussräder. Schlauchlose Radialreifen (Testmotorrad: Michelin Pilot Road).
Reifendimension vorn  120/70 ZR 17
hinten  180/55 ZR 17
Bremsen  Vorn zwei halb schwimmend gelagerte Stahlscheiben mit Vierkolbenzangen. Hinten Einzelscheibe mit Zweikolbenzange. ?
Bremsscheiben-ø vorn 320 mm
hinten 220 mm

Abmessungen und Gewichte


Radstand  1485 mm
Lenkkopfwinkel  64,7°
Nachlauf  104 mm
Lenkerbreite innen/aussen  485/670 mm
Sitzhöhe  790/810 mm
Tankinhalt/dav. Reserve  19,0/4,0 l
Testverbrauch/100 km 6,1 l
Trockengewicht  222 (S: 225) kg
Leergewicht fahrfertig voll get.  251 (254) kg
zul. Gesamtgewicht  475 kg


Preis 

Fr. 12'955.–, inkl. MwSt. und NK (S: Fr. 13'395.–). Erhältlich ab sofort in Rot, Schwarz und Blau.


CH-Import, Info  Frankonia AG
Hohlstrasse 612, 8010 Zürich
Tel. 044 431 65 11, www.suzuki.ch


Videos:

1. Youtube-Video von MOTO SPORT SCHWEIZ zur neuen 1250er Bandit.

2. Bandit-Präsentation bei der Intermot in Köln 2006. Youtube-Video.

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