Test und Technik

Fahrtest: Kawasaki Versys

Schwarzwaldtest für Kawasaki Versys


 

19.04.2007 00:00

Im grossen MSS-Mittelklasse-Tourer-Vergleich (BMW F 800 ST, Kawasaki Versys, Suzuki DL 650, Honda Deauville - erhältlich im MSS-Heft 10/2007) ging es ins Kurvenparadies: 3 Tage lang Schwarzwald und Vogesen. Hier musste die Kawasaki Versys inklusive Koffersystem zeigen, was sie draufhat. Haupterkenntnis: ein superagiles Fahrgerät mit einem tollen Reihenzweizylinder-Motor. Allerdings eignet sie sich nicht für kleine Fahrer…


Toller Motor und ein superagiles Fahrwerk: Kurvenschlängeln macht einfach Spass mit der neuen Kawasaki Versys.

Auf dem Col de la Schlucht im Elsass ist die Versys klar der Star unter den Motos. Die französischen Biker streichen wie verliebte Kater um die schöne, orange Maschine herum, betrachten sie von allen Seiten, man sieht ihnen an, dass sie „la nouvelle Kawasaki“ gerne selbst einmal Probe fahren würden.


Vom Design her kommt sie sofort gut an…erstaunlicherweise ist die Versys sogar eines jener Motorräder, die einen in Natura gefälliger dünken als auf  Fotos.


Dass sie zudem auch bei den Betrachter Gelüste weckt, zeigt der spätere Ampeltest in Bern. Ich rolle langsam an der  Kreuzung aus, da hält neben mir eine gewaltige 7.4 Liter-Corvette aus den siebziger Jahren. Ein Cabriolet mit einem beleibteren Kahlkopf  am Steuer und einer schwarzmähnigen Beifahrerin. Der Corvettefahrer blickt hinüber, sieht meine Versys und fängt sofort an, sich in „Position“ zu bringen: Seitenblick zur Ampel, Seitenblick zu mir, eine Hand am Schaltknauf, schnelle Gasstösse dazwischen produzierend. Grün. Er prescht wild mit dumpfem Getöse voran. Soll ich ihm folgen? Den würde ich locker in den Sack stecken…nein, heute nicht…die Versys ist extrem agil und für ein Mittelklassebike sehr spurtstark...aber nötig hat sie solche Ampelspielchen nicht.

Doch nun zum Test:

Motor-Herkunft
Wassergekühlte Reihenzweizylindermotoren sind wieder gross in Mode. Kein Wunder, vereinen sie doch gleich ein paar Vorteile auf sich: zum einen sind sie im allgemeinen bei tiefen Drehzahlen vibrationsarmer als V-2-Motoren (oben hinaus schütteln sie dann aber doch stärker – ausser es wird eine Ausgleichswelle montiert,  wie dies bei der Versys der Fall ist – dann herrscht Ruhe im Gebälk), zudem lassen sie sich im Vergleich mit V2-Motoren relativ günstig produzieren. Leistungsmässig stehen sie den tradtionellen V-2 absolut in nichts nach. Soundtechnisch gesehen hängen sie die „Vaus“ sowieso ab….Der Versys-Motor kommt aus dem ER-6-Regal von Kawasaki und hat sich in den ER-6 Schwestern (6n und 6f) bestens bewährt.


Kraft, Drehzahl
Mit 64 PS bei 8000 /min und 61 Nm bei 6800 /min steht die Versys ausgezeichnet im Futter. Für eine 650 ccm-Maschine hat sie sogar einen richtig guten Durchzug. Im Prinzip ist sie eigentlich schon bei 3000 /min fahrbar, abgehen tut die „Kawa-Post“ allerdings erst ab etwa 4500 /min. Lustvoll dreht sie dann hoch bis etwa 7500-8000 /min, darüber lässt die Kraft spürbar nach.

Fahrwerk
Ich darf die Kawa als einer der ersten im Kurvengewirr fahren, und zwar abwärts. Allerdings habe ich da schon nach kurzer Zeit ein schlechtes Gefühl. Die Gabel wippt wie eine „Gi-Gampfe“ hin und her, was das harte Anbremsen schwierig macht. Ganz klar: die Gabel ist hier falsch eingestellt. Mit einem Schraubenzieher lässt sich die Auswärtsdämpfung des vorderen Federbeins problemlos einstellen…und siehe da…auf einmal nimmt die Versys Vernunft an. Plötzlich lässt sie sich auch abwärts…zack-zack… in die engsten Kurven werfen.
Ich bin hellauf begeistert, denn schon lange habe ich kein solches hyperagiles Motorrad mehr gefahren. Man würde es ihr nicht geben, dieser vom äusseren Erscheinungsbild her so hochbeinigen Reiseenduro – aber sie ist wirklich ein versatiles Motorrrad – gebaut für alle Arten von Strassen, für jede Fahrgelegenheit. Das hintere Federbein brauchte nicht verstellt zu werden, es arbeitete gut und unauffällig - obwohl es optisch sehr auffällig zur Schau gestellt wird.
Toll ist vor allem, dass sie auf der Autobahn relativ ruhig und gerade in der Bahn liegt – in Kurven hingegen zum flinken Wiesel wird…

Komfort
Karin (sie misst 1.60 Meter) hat die Versys auch ausprobiert. Sie mag das Motorrad vom Fahrwerk und Motor her…aber es ist Unsinn, Menschen kleinerer Körpergrösse 840 mm Sitzhöhe zuzumuten - sie schafft es gerade mit den Fussspitzen an den Boden. Also: die Versys ist etwas für mittelgrosse bis sehr grosse Menschen und nicht für kleine. Denn Zehenspitzeln an der Ampel macht unsicher und ist dem Fahrvergnügen abträglich. Zu probieren wäre die tiefere Sitzbank, wobei man allerdings keine Wunder erwarten darf…
Ich (1.86 Meter gross) bin hingegen absolut zufrieden mit der engen Sitzbank, ihrer Höhe und dem hochbauenden Lenker. Wie ein Dreieck presst sich der Tank zwischen meine Schenkel, mit winzigen Bewegungen der Schultern und der Arme lässt sich der breite Lenker steuern. Verdikt: Sehr bequem…und vermutlich kommt ein Teil der Agilität der Versys durch die gute Sitzposition zustande.

Windschutz
Für kleinere Fahrer ist der Windschutz der kleinen Orginal-Verkleidungsscheibe optimal. Wie er für grössere Fahrer ist, weiss ich nicht, denn Kawasaki Schweiz stellt uns als Testmotorrad eine Versys mit Zusatzscheibe (siehe Fotos) zur Verfügung. Und beim Testmotorrad war der Windschutz, in Anbetracht der kleinen Grösse der Scheibe, recht gut. Die Zweiteilung der Scheibe bewirkt offenbar eine Umleitung des Windstromes, jedenfalls spürte ich ab Tempo 110 die Wucht des Windes weniger am Helm als vielmehr in der Halsgegend. Da mein Hals viel weniger breit als mein Helm ist (gottlob ist dem so) – empfand ich das als recht guten Kompromiss. Kurzzeitig jage ich die Versys sogar auf Tempo 150 km/h hoch – und empfinde die Windturbulenzen immer noch nicht als allzuschlimm.

Getriebe
Die Kraftübertragung des Getriebes ist gut, trotzdem würde ich das Getriebe nicht als Meisterleistung betiteln. Die Lastwechselreaktionen sind nämlich etwas ausgeprägter als bei den drei anderen Testbikes. Zudem war meiner Meinung nach zwischen erstem Gang und Leergang ein Loch – so dass ich unzählige Male versehentlich beim Hochbeschleunigen in den Leergang kickte. Allerdings war ich im Vierer-Testteam der einzige, dem solches auffiel, infolgedessen kann es auch nur auf Einbildung beruhen.

Bremsen
Ein kontroverses Kapitel bei der Versys. Anfänglich fand ich, dass die Bremsen der Versys lasch seien. Dänu war gleicher Meinung, Tobias genau entgegengesetzter. Mit mehr Fahrkilometer mit der Versys kam im zum Schluss, dass die Versys nur im langsamen Tempo lasch bremst…bei schnellen Anbremsungen vor Kurven etc. aber ausgezeichnet ihren „Mann steht“. Unser Testmotorrad war ohne ABS – allfällige Interessenten tun aber gut daran, das Motorrad mit dem Antiblockiersystem (Aufpreis: 800 Franken) zu kaufen. Und das nicht nur aus Sicherheitsgründen….wer seine Versys in ein paar Jahren wieder verkaufen möchte, muss eventuell bei Modellen ohne ABS mit starken Preiszerfällen rechnen…

Ausstattung
Dass unserere Test-Versys beim Bordwerkzeug anstatt einem normalen Schraubenzieher zwei Kreuzschraubenzieher mit sich führt („Victorinox“ rettete wieder einmal bei der Einstellung der Gabel), kann unter der Kategorie „Montags-Ausrüstung“ verbucht werden. Gleiches gilt für den Seitenständer der Test-Versys – unser war verbogen, weshalb die Versys sich auf den Fotos wie eine „Harakiri-125er“ unnatürlich zur Seite neigt. Serien-Versys stehen jedoch relativ aufrecht und sind leicht zu besteigen. Sie ist gut und komplett ausgestattet - beispielsweise auch mit verstellbaren Handhebeln.

Koffer
Zusammen mit den Koffern an der BMW F 800 gehörten die Koffer an der Versys zu den Testsiegern: sie liessen uns nie im Stich, ihre Bedienung gab keine Rätsel auf und die Koffer fügten sich optisch recht harmonisch ins Gesamtbild der Versys. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass die Versys mit Koffer eine Breite von 90 Zentimetern einnimmt…womit man das Vorbeimogeln bei Autobahnstaus getrost vergessen kann. Wäre ja auch schade um die hübschen Koffer…

Cockpit
Das Cockpit wird beherrscht von einem riesigen, weissen Drehzahlmesser. Wirklich nötig hat’s die Versys eigentlich nicht, so schnell wie ein 600er-Supersportler dreht sie dann doch nicht hoch. Aber das unterstreicht natürlich ihre „sportlich-agile“ Ausrichtung. Für Geschwindigkeit etc. gibt’s eine Digitalanzeige.

Verbrauch
Ein sehr erfreuliches Kapitel. Wir fuhren ziemlich zügig, dazu kamen Vollbebackung mit zwei Koffern und zuweilen einer Gepäckrolle, zudem eine längere Autobahnfahrt im Soziusbetrieb. Und was konsumierte sie? Gerade einmal 4.6 Liter auf 100 Kilometer. Bravo! Das ist nicht nur politisch korrekt, sondern freut auch noch das Portemonnaie.

Sound
Den Auspuff unter dem Motor wollte mir anfänglich optisch nicht so gefallen (die Krümmer sind allerdings hübsch)…doch gegen den Sound lässt sich nichts sagen. Zusammen mit der BMW hatte die Versys bestimmt den besten Sound. Vor allem über 4000 /min geht’s richtig los, dann kreischt die Versys bis in hohe Drehzahlen hinein. Schön…

Preis/Leistung
11'190 Franken will Kawasaki für die Versys, 800 Franken mehr kostet die ABS-Version. Das ist nicht zuviel für ein extrem agiles Fahrgerät mit hohem Spassfaktor.

Fazit
Im 650-er-Sektor ist Kawaski mit den ER-6-Schwestern schon sehr gut aufgestellt. Neu kommt 2007 nun auch noch die tolle Versys hinzu…da dürfte Kawasaki Schweiz einige Motorräder davon verkaufen. Verblüfft hat mich vor allem, wie die Kawa trotz massivem Enduro-Erscheinungsbild sehr agil um die Kurven flitzte – so macht Motorradfahren richtig Spass. Trotz 840 mm Sitzhöhe würde ich die Versys sogar einen grossgewachsenen Einsteiger empfehlen…sie bereitet einem einfach viel Fahrvergnügen bei keinerlei „heimtückischen“ Seiten. Wer gerne auf Tour geht, darf die voluminösen Koffer getrost ordern – sie haben sich als unproblematisch und praktisch erwiesen. Last - but not least – müssen auch noch ihre gemässigten Trinksitten hervorgehoben werden. Mit einem 19 Liter-Tank kommt man so theoretisch auf über 400 Kilometer Reichweite…


Technische Daten

Motor
Flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Zweizylinder-Reihenmotor, Kurbelwelle querliegend. Zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen. Vier Ventile pro Zylinder. Eine Ausgleichswelle. Digitales Motormanagement mit elektronischer Kraftstoffeinspritzung. Zwei Drosselklappen pro Zylinder. Halbtrockensumpfschmierung.

BohrungxHub: 83x60 mm
Gesamthubraum: 649 ccm
Verdichtung: 10.6:1
Drosselklappendurchmesser: 38 mm

Leistungsdaten ab Werk
Max Leistung: 64 PS bei 8000 /min
Max. Drehmoment: 61 Nm bei 6800 /min

Kraftübertragung
Primärantrieb über Zahnräder. Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe. Endantrieb über links liegende Dichtringkette.

Fahrwerk
Stahlrohr-Brückenrahmen, Motor mittragend. Vorne Upside-Down-Telegabel, in Federbasis und Auswärtsdämfung einstellbar. Aussermittig angebrachtes, direkt angelenktes Monofederbein, in Federbasis und Auswärtsdämpfung einstellbar.
Federweg vorn: 150 mm
Federweg hinten: 145 mm

Räder
6-Speichen-Alufelgen. Schlauchloses Radialreifen Dunlop D 221.
Reifendimension vorn: 120/70-ZR 17
Reifendimension hinten: 160/60-ZR 17

Bremsen
Tokico. Hydraulisch betätigt. Vorne Zweischeibenbremsen mit Doppelkolbenzangen, hinten eine Scheibe, Einkolbenzange. ABS optional.
Bremsscheibe vorn: 300 mm
Bremsscheibe hinten: 220 mm

Abmessungen, Gewichte
Radstand: 1415 mm
Lenkkopfwinkel: 65 Grad
Nachlauf: 108 mm
Sitzhöhe unbelastet: 840 mm
Tankinhalt: 19 Liter
Testverbrauch: 4.6-4.9 Liter pro 100 km
Leergewicht, fahrfertig vollgetankt: 209 Kilogramm
Zul. Gesamtgewicht: 389 Kilogramm

Preis
Ohne ABS: 11'190.- Franken
Mit ABS: 11'990.- Franken

Farben: Orange, Silber und Schwarz

Drosselung: 25kw/34-PS-Version erhältlich

CH-Import
Fibag AG, 5745 Safenwil, Tel. 062 788 85 55, www.kawasaki.ch


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