Test und Technik

Italo Sportster

Fahrbericht Moto Guzzi Bellagio

21.05.2007 00:00

Moto Guzzi hat bestehende Komponenten aus ihrem Programm neu kombiniert und mit der Bellagio eine ansprechende Mischung aus Cruiser und Roadster designt. So bietet sie die italienische Alternative zur Sportster aus den USA.

Bellagio, ein schmucker Badeort am Lago di Como, ist umgeben von kurvigen Strässchen, die zum gemütlichen Cruisen, aber auch zum zügigen Swingen einladen. Die Moto Guzzi Bellagio strahlt, wie der Ort nach dem sie benannt ist, italienisches Flair und Tradition aus. Sie ist zum Flanieren an der Seepromenade genauso geeignet wie fürs zügige Auskundschaften der umliegenden kurvigen Bergstrassen. Mit der Namensgebung unterstreicht Guzzi gleichzeitig die enge Verbundenheit mit ihrem Herkunftsgebiet.
Die Moto-Guzzi-California-Modelle Stone und Titanium wurden nur bis 2004 produziert, seither fehlte in der Modellpalette der Italiener ein Cruiser. Mit der neuen Bellagio machten sie sich in dem Segment, das von den Harley-Davidson mit den Sportstern dominiert wird, wieder stark.

«Neuer» Mittelklasse-Motor
Im neusten Wurf aus Mandello (I) kommt erstmals ein 940er-Motor  zum Einsatz. Zugegeben, von Grund auf neu ist der Motor natürlich nicht, doch das ist bei einer Traditionsmarke auch kein Problem. Der für Moto Guzzi typische, quer eingebaute 90°-V2 der 850er-Modelle wurde aufgebohrt und hat so neu 936 cm3 Hubraum. Das traditionelle, luftgekühlte Aggregat mit je einer unten liegenden Nockenwelle und zwei über Stössel, Stossstangen und Kipphebel betätigten Ventilen pro Zylinder kommt mit 75 PS auf dieselbe Spitzenleistung wie der in der California eingesetzte 1100er, ist aber deutlich kurzhubiger ausgelegt. Das macht den eingespritzten 940er im Vergleich zum 1100er drehfreudiger, spontaner und damit sportlicher.
Klassisch-sportlich ist nicht nur der Motor, sondern das ganze Erscheinungsbild der Bellagio: Speichenräder, Rundlampe, breiter Dragbar-Lenker, schöner Tropfentank, edler Ledersattel, kurzes Heck und zwei links geführte, übereinander angeordnete Auspufftöpfe. Das Ganze wurde noch in bösem, aber doch schickem Mattschwarz lackiert und sorgt so für einen edlen Auftritt.

Pur und unkompliziert
Auf der breiten Sitzbank mit ausgeprägter Mulde fühlt man sich gleich wohl. Die Sitzhöhe ist angenehm niedrig, sodass der voll getankt immerhin rund 260 kg schwere, puristische Klassiker gut balanciert und rangiert werden kann. Mit dem breiten Lenker in der Hand sitzt man aufrecht hinter dem übersichtlichen Tacho mit digitaler Infozentrale.

Kupplungs- und Bremshebel auf die Spannweite meiner Hände angepasst, werfe ich per Knopfdruck den Motor an. Sofort äussert sich der klassische V2 mit kultiviertem Pulsieren und sattem Pochen. Für den Guzzi-Laien überraschend, provoziert im Stand die längs rotierende Kurbelwelle bei jedem Gasstoss in eine leichte Kippbewegung nach links. Störend ist dies allerdings nicht.

Gemütlich beginne ich die Comersee-Tour in der Ortschaft Bellagio (I), die der neuen Guzzi den Namen gab. Lässig promeniere ich mit dem Cruiser durch den Hafen und geniesse die wohltuenden Vibrationen, die bequeme Sitzbank und die entspannte Haltung auf der urchigen Italienerin. Meine Knie finden gerade noch knapp hinter den beiden Zylindern Platz. Fahrer über 180 cm dürften die Zylinder jedoch mit den Beinen berühren, falls sie diese nicht weit spreizen.

Ausgangs Ort drehe ich den Gasgriff erstmals richtig auf und bin überrascht, wie kraftvoll die 940er bereits aus niedrigen Drehzahlen losspurtet und untermalt von sattem, sportlichem Ballern bis zur Nenndrehzahl von 7200/min gleichmässig Power nachlegt. Die Leis¬tung ist keine Wucht, aber für sportliches Cruisen mehr als ausreichend. Besonders beeindruckend ist, wie tieftourig und damit auch schaltfaul die Bellagio bewegt werden kann. Ab 60 km/h kann problemlos die ¬sechste Stufe des sauber schaltbaren Getriebes verwendet werden. Der einst typische «Lifteffekt» des Kardanantriebs bei Lastwechseln ist kaum mehr spürbar.

Handlicher Cruiser
Die Guzzi zeigt sich für ihr Gewicht verblüffend handlich, lässt sich willig in Kurven legen und ohne grösseren Aufwand durch Wechselkurven lenken. Mit gleicher Leichtigkeit sind dank des samtigen Charakters des V2 auch enge Spitzkehren zu meistern. Un¬ebenheiten werden vom einstellbaren Fahrwerk sauber plattgemacht und dringen kaum bis zum Fahrer durch. Der Italo-Cruiser legt einen unkomplizierten, gutmütigen Charakter an den Tag und lädt zum relaxten Kurvenschwingen ein. Auch bei zügigeren Ausfahrten bietet die Guzzi stets genügend Schräglagenfreiheit.

Allerdings hat sie in engen Kehren ab einer gewissen Schräglage die Tendenz, weiter einzuklappen als gewünscht. Ansonsten lässt sich die Bellagio abgesehen von den Bremsen, die für harte Bremsmanöver vergleichsweise viel Handkraft verlangen, nichts zuschulden kommen.

Die Moto Guzzi Bellagio ist ein faszinierendes Charakterbike mit viel Charme in schönem Outfit. Die neue Auslegung des klassischen V2 passt ausgezeichnet dazu. Die edle, rustikale und doch radikale Ausstrahlung kann im Custom-Bereich eigentlich nur mit jener der Sportster von Harley-Davidson verglichen werden.

Zu dieser wollen die Italiener auch eine echte Alternative bieten, und zwar nicht nur auf dem europäischen Markt, sondern speziell auch in Amerika. Dort konnte Guzzi im vergangenen Jahr ihren Umsatz verdoppeln. Die Motorradschmiede vom Comersee kommt seit der Übernahme durch Piaggio Ende 2004 immer besser in Schwung und blickt auf ein äusserst erfolgreiches 2006 zurück. Erstmals wurde die Marke von 10  000 verkauften Motorrädern geknackt, was gegenüber dem Vorjahr einer Steigerung um 46 % entspricht. Faszinierende Charakterbikes wie die Bellagio dürften für weitere derartige Erfolgsmeldungen sorgen, sofern dem nicht der verleichsweise hohe Preis im Wege steht.


Technische Daten Moto Guzzi Bellagio

Motor 
Luftgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 90°, Kurbelwelle längs liegend. Pro Zylinder betätigt eine unten liegende Nockenwelle über Stössel, Stösselstangen und Kipphebel zwei Ventile. Elektronische Doppelzündung und Benzineinspritzung von Magneti Marelli mit je einer Multipoint-Düse pro Zylinder. 2-1-2-Auspuffanlage mit 3-Wege-Katalysator, Nasssumpfschmierung. Elektrostarter.

Bohrung × Hub 
95 × 66 mm

Gesamthubraum 
936 cm3

Verdichtungsverhältnis
10:1

Leistungsdaten ab Werk
max. Leistung 75 PS (55 kW) bei 7200/min
max. Drehmoment 8,0 mkg (78 Nm) bei 6000/min

Kraftübertragung 
Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Trockenenkupplung. Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, Endantrieb über rechts liegende Kardanwelle.

Fahrwerk 
Doppelschleifen-Rohrrahmen aus Stahl. Vorne Teleskopgabel von Marzocchi in Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbar. Hinten Alu-Einarm¬schwinge. Über Hebel¬umlenkung progressiv angelenktes Zentralfederbein. In Federbasis und Auswärtsdämpfung einstellbar.

Gabelinnenrohr-ø 
45 mm

Federweg  
vorne140 mm
hinten 120 mm

Räder 
Speichenräder Leichtmetall von Excel. Schlauchlose Radialreifen Metzeler Roadtec Z6.

Felgendimension
vorne 3.50 × 18
hinten 5.50 × 17

Reifendimension
vorne 120/70-ZR18
hinten 180/55-ZR17

Bremsen 
Brembo. Vorne Doppelscheibenbremse mit gelochten, halb schwimmend gelagerten Stahlscheiben und Doppelkolbenzangen. Hinten fix montierte gelochte Scheibe mit Doppelkolbenzange.

Bremsscheiben-ø
vorn 320 mm
hinten 282 mm

Abmessungen und Gewichte
Radstand 1570 mm
Lenkkopfwinkel 62°
Nachlauf 165 mm
Sitzhöhe 780 mm
Tankinhalt/dav. Res. 19 l/4 l
Trockengewicht (Werk) 224 kg
zul. Gesamtgewicht 447 kg

Preis 
Fr. 18  770.– inkl. MwSt. und NK. Lieferbar ab Ende Mai in Mattschwarz. Keine 34-PS-Version lieferbar.

CH-Import, Info  Mohag AG
Bernerstrasse Nord 202, 8048 Zürich
Tel. 044 434 86 86
Fax 044 434 86 06

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