Auf Achse

Motorrad-Pässefahren: Furkapass

Mit dem Töff über den Furka

22.05.2007 00:00

Er ist zwar nicht der höchste Schweizer Alpenpass – aber ganz sicher ist er einer der eindrücklichsten: der Furkapass. Abgeschiedenheit, höllisch enge Kurven und der Ausblick auf die Gotthardregion und den (schwindenden Rhonegletscher) machen den Pass zu einem Töffziel erster Klasse. Aber bitte nur unter der Woche – am Sonntag ist fertig lustig.


Wer Zeit hat, soll ruhig rüber zur alten Dampflokomotive gehen - das gehört bei einer touristischen Furkaüberquerung einfach dazu.

Wer mit dem Töff über die Pässe knattert, will neben einem tollen Ausblick auf die Bergwelt auch Kurvenaction geniessen. Will heissen – schnelle Beschleunigung und Schräglage. Und daher empfehle ich, den Furka von der Urnerseite in Richtung Wallis zu befahren, denn nur so kann sich das excellente „das Bouquet“ des Furkapasses so richtig enfalten.

Realp
Erste Station ist Realp, ein verschlafenes Kaff ganz am Ende des Urserentales gelegen. Früher hatte das Dorf als Durchgangsstation zwischen dem Kanton Uri und dem Wallis eine sehr hohe Bedeutung…doch diese Zeiten sind vorbei. Heute werden die Autos im Winter entweder im Furka-Baistunnel verladen (jetzt im Frühling will allerdings keiner „unten durch“) – oder sie donnern eben im Sommer über die Passtrasse. Halten tut kaum einer mehr….was schade ist. Denn Realp liegt eigentlich überaus hübsch. Wer will, kann sogar einen kleinen Abstecher zur Reuss machen, die hier ganz in der Nähe entspringt. Über Jahrhunderte lang war Realp durch Lawinen gefährdet – diese Gefahr wurde in neuerer Zeit aufgrund Verbauungen gebannt.
Am Ortseingang liegt übrigens eine Tankstelle – sie und die kleine Beiz daneben sind im Sommer Anlaufstelle für die Supersportfraktion.

Am Adlerhorst grüsst der Polizist
So, gehen wir’s an….die ersten Kehren des Furkapasses sind mir sowieso beinahe die liebsten. In weitgeschwungenen Kurven geht’s an einem hochalpinen Golfplatz vorbei auf den ersten Adlerhorst, eine kleine Auslaufstelle, von der man einen tollen Blick auf das Urserental hat. An schönen Sonntagen im Sommer sollte man diese ersten Kehren trotzdem etwas ruhiger angehen. Denn just diesen „Adlerhorst“ sucht sich auch immer der Urner Motorrad-Polizist an solchen Tagen aus. Und da er von da oben natürlich einen Super-Überblick über die Pass-Strasse hat, vermag er „den Spreu sehr schnell vom Weizen“ zu trennen.

Was für ein Unsinn!
Von unten ist das heisere Brüllen eines schweren Töffs beim Angasen zu hören. Ich blicke über die Kante – und erschrecke. Denn was sich da unten näher, ist ein veritabler, massiver Reisebus. Warum diese Riesenmonster und ihre Pendants, die Wohnwagen für die enge Furkapass-Strasse nicht gesperrt sind, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben. Fakt ist, dass ungeübte Bus- und Wohnwagenchauffeure auf dieser Strasse vollkommen überfordert sind. Was dann dazu führt, dass sie in Haarnadelkurven stecken bleiben, verzweifelt hin- und herrangieren, während sich hinter ihnen der Verkehr staut und staut.

Ein Bus? Nichts wie weg!
Jetzt also muss es schnell gehen: ich reisse den Helm vom Lenker, für die Ohrenstöpsel bleibt keine Zeit mehr. Nur fort, nur weiter….bevor der Bus heran ist. Denn hat man ihn erst einmal vor sich, ist Geduld gefragt. Es gibt ein paar wenige Stellen, die sich zum Überholen eines solchen Monsters eignen – aber die sind dünn gesät. Ausserdem will ja auch der Gegenverkehr irgendwie beachtet werden.

Schwindelfrei?
Ich hänge mich an eine schwere Yamaha MT-01, die von hinten besonders imposant aussieht. Doch der Aargauer kennt die Passtrasse zuwenig…und macht den Fehler, sich immer viel zu nahe am Berg aufzuhalten. Klar, neben der Strasse geht es gleich einige Meter bergab – wer über den Rand hinausfährt, fährt möglicherweise nie wieder den Furka hoch. Andererseits ist die Strasse so eng, dass man unbedingt im eigenen „Viertel“ der Strasse bleiben sollte – der zum Teil sehr schnell fahrende Gegenverkehr ist da klar der böserer „Feind“ als der Abgrund.

Mein Name ist Bond, James Bond
Die schwindelerregende Streckenführung der Furkapass-Strasse nützten übrigens in den sechziger Jahren schon die Produzenten des grossartigen James-Bond-Filmes „Goldfinger“ (mit Sean Connery und Gerd Fröbe in den Hauptrollen) aus. Im Film donnert ein wunderschönes, silbernes Aston Martin DB 5 Coupé die Pass-Strasse hoch. Damals konnte James Bond allerdings noch aussteigen und über den Abgrund blicken – heute ist das aufgrund des dichten Verkehrs nicht mehr möglich. Wer anhalten will, nütze bitte die Ausstellinseln…

Schmelzwasserhölle
Auf halber Höhe zum Pass befindet sich dann das Restaurant Galenstock. Ich war noch nie da – aber die zahlreichen schnellen Töffs und Autos vor dem Restaurant beweisen, dass hier bestens Halt gemacht werden kann. Ich selbst lasse mich allerdings nicht gerne unterbrechen, wenn ich mal „gegen den Berg“ fahre. Rassig hoch und langsam runter – das war schon immer mein Motto.
Doch mit dem Angasen wird’s heute sowieso nichts. Grund: Riesige Schmelzwasserbäche sprudeln über die Strasse. Die Schneeberge zu beiden Seiten der Strasse wollen schliesslich auch noch abschmelzen. Es ist halt eben erst Ende Mai. Dass die Urner und Walliser dem Sommer sowieso noch nicht so recht trauen, ersieht man an den abgestellten Schneefräsen…

Hart wie Kruppstahl – oder Gotthardgranit
Also nehme ich mir Zeit, mache hier einen Halt und dort ein Foto. Der Furkapass gehört zum Gotthardmassiv und ist reich an Gneisen und Graniten. Von Fauna und Flora, bekomme ich bei meiner Fahrt allerdings nicht viel mit, gerade einmal eine kleine Distel fällt mir ins Auge. Bäume oder gar Wald gibt es am Furka eigentlich nicht, abgesehen natürlich von ein paar vereinzelten Arven, die hier um ihr Überleben in der Höhe und gegen die Lawinen und die starken Winterwinde kämpfen.

Vorsicht vor den Nicht-Schwindelfreien!
Die Strasse wird nun immer enger, und an ein zügiges Vorankommen ist nun kaum noch zu denken. Problematisch sind nun nicht nur Motorradfahrer, die in den Kurven weit in die „gegnerische Seite“ hineinhängen, sondern auch Automobilisten. Wobei die Sportler und Bergsteiger eigentlich nie ein Problem darstellen – sie stehen meistens schon sehr früh auf, um „z’Berg z’gah“. Nein, des Motorradfahrers Hauptsorge sollte nun den entgegenkommenden, schon etwas angejahrten Auto-Touristen gelten. Denn besonders an den Stellen, bei denen es auf des Autofahrers Seite steil bergabwärts geht, tendieren diese Fahrer dazu, sich auf die vermeintlich sichere, „bergseitige“ Fahrbahnhälfte zu begeben. Das Phänomen ist wohl psychologisch bedingt und sollte bei einer Fahrt immer mit eingeplant werden.

Passhöhe
Die Passhöhe ist dann allerdings etwas enttäuschend. Das alte Passhotel machte auf mich immer einen sehr abweisenden, düsteren Eindruck. Ob es überhaupt noch geöffnet ist, ist fraglich – bei meinen Durchfahrten waren die Fensterläden jedenfalls immer zu.

Blick ins Wallis
Gleich hinter der Passhöhe geht es an einer starken Gesteinsverformung am Strassenrand vorbei – da hat die Metamorphose und die spätere Verfaltung wohl Jahrmillionen lang furchtbar gewütet. Unter mir tut sich derweilen das Tal etwas auf, der Ansatz des Wallis ist sichtbar. Auf dem Foto im Zentrum die Furkapass-Strasse (auf Walliser Seite). Dahinterliegend ist die Grimsel-Passtrasse sichtbar.

Belvedere
Wer den Furka noch nie befahren hat, sollte unbedingt einen Halt beim Hotel Belvedere einlegen. Es lässt sich kaum verfehlen: es liegt in einer U-Kurve, die man sehr vorsichtig passieren sollte, da dort viele Touristen mit Kameras, umherspringende Kinder und im Frühling Skitourengänger unterwegs sind.
Für 5 Franken lässt sich von dort die Eisgrotte im Rhonegletscher erkunden. Ich habe die Tour allerdings nie mitgemacht….vielleicht einfach, weil ich als Bergbewohner der Meinung bin, dass man für einen Gletscher nicht bezahlen sollte.

Rhonegletscher
Der Rhonegletscher selbst ist ein ganz besonderes Abenteuer. Er ist der einzige Gletscher in Europa, bei dem es möglich ist, praktisch mit dem Auto direkt an ihn heranzufahren. Der deutsche Dichter, der noch per Piedes 1779 den Furka überquerte, äusserte sich bei seinem Anblick: „Er ist der ungeheuerste, den wir so ganz übersehen haben...“

Naja…heute ist von der einstigen Pracht, die 1850 noch weit bis ins Tal herunterreichte, nicht mehr viel geblieben. Abgerundete Felsen unterhalb des heutigen Gletscherabbruchs deuten aber immer noch darauf hin, wie mächtig der Gletscher einstmals war. Wer sich weiter zum Gletscherschwund des Rhonegletschers erkundigen will, der beachte die nebenstehende Link-Palette, oder schaue sich dieses Foto an, das ich von Gletsch aus geschossen habe. Das obere Foto zeigt den Rhonegletscher heute, das untere den Gletscher um 1850. Tja….mit dem verschwundenen Eis hätte man viele eisgekühlte Martinis machen können….

Dampfloks unterwegs
Auf der Walliser Seite ist die Strasse merklich breiter, nun hat es auch wieder einen Mittelstreifen. Hier kann etwas mehr Gas gegeben werden. Ich würde aber die letzte Kurve vor dem eigentlichen Talboden nicht verpassen. Wenn ihr nämlich am Talende schwarzen Rauch aufsteigen seht, dann wisst ihr: es ist wieder Dampflokomotiv-Time! (hier ein Foto vom letzten Sommer.)

Bis ins Jahr 1981 fuhr man nämlich in einer Zahnradbahn über die nicht wintersichere Furkastrecke. Der Scheiteltunnel befand sich damals auf über 2100 Meter über Meer – Lawinenniedergänge und meterhohe Schneemauern inklusive. Seit dem Bau des Basistunnels hat die Strecke jegliche Verkehrsbedeutung verloren – trotzdem wird sie von Dampflokomotiv-Freund liebevoll weiter instand gehalten. Seit 1992 wird die Strecke (zumindestens teilweise) wieder betrieben… so eine Dampflok, das muss bei aller Töff-Romantik schon gesagt werden, hat es eben auch in sich…

Obacht, Längsrillen
Zügig geht es nun gegen Gletsch zu. Passt jedoch beim Abwärtsfahren auf: in einem Kurvenstück wurde die Strasse künstlich mit Längsrillen aufgerauht. Wer da mit längsrillenempfindlichen Reifen und leichtem Regen hineingerät, sollte nicht allzu viel Tempo drauf haben…

Gletsch
In Gletsch selbst steht eine hübsche, kleine Kapelle, ausserdem hat man da einen schönen Blick zurück auf die Furkastrecke (und die Grimsel-Pass-Strasse). Die kleine Ortschaft Gletsch selbst entstand wohl im Laufe des Furkapass-Strassenbaus um 1870 herum. Wer genaures über die Siedlung wissen will, beachte den nebenstehenden Linkblock.

Gletsch ist gleichzeitig nun auch die Endstation meiner kleinen Fahrt über den Furka. Ich könnte von hier aus nun weiter Richtung Wallis (wo Susten und Nufenen locken), oder gleich hoch zum Grimsel, der nur einen Steinwurf  weit entfernt ist. Schön war die Überquerung des Furkapasses. Denn obwohl der Töfftrip nicht viel mehr als eine Stunde gedauert hat, bekam ich doch einen ganzen Sack voller schöner Reiseerinnerungen mit. In den kommenden Redaktionstagen am Computer werde ich immer wieder davon zehren können…



Kurzinfos:
Max. Passhöhe: 2436 Meter
Länge: rund 31 Kilometer
Erbaut: 1867
Wintersperre: von Oktober bis mindestens Mai


Gastrotipp
Keiner – ich bin auf dieser Strecke noch nie „eingekehrt“


Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Schwer (enge Strassen, scharfe Kehren, viele ortsunkundige Tagestouristen unterwegs). Achtung: bei schlechtem Wetter kann der Pass selbst geübten Töff-Fahrern zu einem sehr beschwerlichen Ritt verhelfen.


Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Recht hoch auf Walliser Seite (breite Strasse, gut ausgebaut, nur vereinzelt Bitumen). Klein auf Urner Seite (Ausnahme: man ist Könner, es ist ein normaler Wochentag und man verfügt über eine leichte Maschine oder gar über eine leichte Supermoto).


Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Sehr hoch


Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 5.3



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