Auf Achse
Pässefahren: Nufenenpass
26.06.2007 00:00
Der Nufenenpass ist der höchste Pass ganz auf Schweizer Seite, den man mit dem Töff befahren kann. Doch auch sonst ist ein Pass der Superlative: wunderschöne Aussichten tun sich auf, die Strassenverhältnisse sind erster Klasse und gute Beizchen locken...
Ungewöhnlich kalt ists an diesem Morgen, und frierend und bibbernd erreiche ich die Ortschaft Ulrichen im oberen Goms. Vor dem Hotel Astoria steht ein Schild mit der Aufschrift Bikerpoint. Im allgemeinen bin ich zwar eher der Meinung, dass mit solchen Schildern einfach nur auf Kundenfang gegangen wird aber an diesem Morgen bin ich um jeden warmen Kaffee dankbar. Und der ward mir dann auch sofort von einer Serviertochter aus Deutschland überbracht. Dass es hier international zu und hergeht, ist auch leicht an den Kunden zu ersehen: am Nebentisch sitzt ein älteres, englisches Ehepaar, das interessierte Blicke um sich wirft, und ganz in der Ecke sitzen zwei holländische Radfahrer beim Zmorgen. Da es schon gegen zehn Uhr ist, die Sonne draussen scheint und die Radfahrer kreuzverkatert aussehen, liegt der Schluss nahe, dass die Holländer am Vorabend einiges über den Durst getrunken haben. Anders gesagt: Ulrichen und seine Nachbarsortschaften eignen sich ausgezeichnet zum Übernachten: die Zimmer-Preise sind moderat und nach dem Aufstehen am nächsten Morgen hat man das Töff-Vorderrad praktisch schon im Alpenkarussell stehen.
Schlacht bei Ulrichen
Ich brettere los und komme an einem aufgegebenen Militärflugplatz und an einem Campingplatz vorbei. Hätte ich das grosse Pech gehabt, 800 Jahre zuvor an dieser Stelle schon zu stehen, hätte ich zudem noch eine Hellebarde in meine Rippen bekommen. Im Jahr 1211 wars nämlich, als der Herzog Berchtold V von Zähringen (der Gründer der Stadt Bern) mit 13'000 Getreuen in die Schlacht gegen die Walliser zog. Die Walliser heizten dem landgeilen Herzog aber mächtig ein die Berner mussten fluchtartig das Goms verlassen sie wurden bis über den Grimsel von den wütenden Wallisern zurückgetrieben.
Bald habe ich die letzten Häuser von Ulrichen hinter mir gelassen und gase den Berg hoch. Wunderbar, ganz wunderbar. Die Strasse ist hier in einem ausgezeichneten Zustand, die Kurven von der knackigen Sorte und der Ausblick auf Ulrichen und das Goms wunderschön. Mühsam allerdings, dass irgendein Idiot wieder eine Riesenmenge Öl oder Benzin verloren hat: in jeder Rechtskurve liegt ein zehn Meter langer und halber Meter breiter Dreckstreifen.
Foto: Bachtobel an der Nufenenauffahrt
Inmitten unberrühter Natur
Sobald man die erste Stufe erklommen hat, tut sich vor einem ein relativ breites Tal auf. Nufenen-Neulinge sollten sich spätestens hier die Zeit nehmen, um anzuhalten und tief einzuschnaufen. Dann werdet ihr nämlich in Kontakt kommen mit dem schön vor sich hingurgelnden Flüsschen. Eine Bergblumenpracht erwartet einem da, inmitten beinahe unberührter Natur. Störend wirken aus meiner Sicht da einzig die riesigen Strommasten
Am Fuss des eigentlichen Passaufstieges habe ich dann noch einmal einen Halt eingelegt. Gelockt haben mich die vielen Alpenrosen, die nun um die Wette blühen und der archaischen Landschaft willkommene Farbtupfer liefern. Sagt selbst: könnte dieser Berg hier nicht auch auf den schottischen Hebriden aufgenommen worden sein? Das umliegende Gestein zeigt zudem starke Gletscherabschleifspuren vermutlich lastete auf dem Tal hier vor ein paar tausend Jahren noch die Last von Hunderttausenden Tonnen Gletschereises. Ein Indiz für diese Theorie ist auch die U-förmige Abschleifung eines Nachbartals. Eine besondere Erwähnung ist dieser Berg hier wert. Steil wie eine Raketenabschussrampe ragt er in den Himmel. Auf einer Infotafel auf dem Nufenenpass selbst ist er mit Faulhorn angegeben doch ich habe da so meine Zweifel, zumal laut den Kartenangaben im Internet das Grosse/Kleine Faulhorn viel weiter südwestlich zu finden ist. Egal nennen wir den Berg einfach grosse Rutschbahn denn so sieht er meiner Meinung nach auch aus.
Foto: Kleine Mittel-Moräne mit abgelagertem Stein
Dass es am Nufenen gelegentlich auch ordentlich schneien kann, verdeutlicht dieses Foto nun wird auch klar, warum es zuweilen weit bis in den Juni hineindauert, bis der Nufenenpass geöffnet wird. Der letzte Anstieg bis zur Passhöhe ist meiner Meinung nach etwas vom Schönsten was die Schweiz an Töff-Strecken zu bieten hat: zackig, mit gutem Bodenbelag, wenig Verkehr und übersichtlichen Kurven.
Passhöhe Nufenen
Leider viel zu schnell erreiche ich die Pass-Höhe. Als erstes fällt hier oben ein kleiner See (es ist eher ein Tümpel) ins Auge. Im Restaurant Nufenen Passhöhe habe ich noch nie gegessen. Dieses Kuscheltier hier scheint sich etwas verirrt zu haben es gehört zum weiter westlich liegenden Grosser St.Bernhard. Aber die japanischen Touristen nehmen es da ja nicht zu genau. Auf jeden Fall hat man vom Restaurant einen schönen Ausblick auf das darunterliegende Tal. Und auch der Gletscher und der Gries-Stausee sind vom Pass aus nun gut sichtbar.
Dahinter liegt der Griespass, der früher das Goms mit dem italienischen Valle DOssola verband. Über viele Jahrhunderte galt der Griespass als das südliche Pendant des Grimselpasses und wer nach Italien wollte, folgte dem Saumpfad über den Griespass. Irgendwann ging der Weg dann aber vergessen, und andere Alpenübergänge bekamen Vorrang.
Kurvige Tessiner Seite
Auch die Tessiner Seite beginnt nun wunderbar kurvig. Mit jedem Meter, den ich mit der Bandit nun weiter gegen Süden donnere, wirds nun wärmer. Das Tessin .da ist Italien nicht mehr weit. Nahtlos geht die Strecke nun ins Val Bedretto über, dem Quelltal des Ticinoflusses. Hoch hier oben ist allerdings vom späteren, mächtigen Fluss in der Magadinoebene noch nicht viel zu spüren hier hat er einen wilden, aber noch gut zu bezähmenden Charakter.
Foto: spritzendens Ticinowasser
Val Bedretto
Das Val Bedretto selbst bietet viel Naturschönheit, und ist von derartiger Wildheit, dass sich sogar Wölfe in diesem Tessiner Seitental sehr wohl fühlen. Jedenfalls starteten die Wölfe, die immer wieder im Wallis oder im Kanton Bern einfallen, meistens von hier aus. Andererseits bietet das Tal seinen Bewohnern kaum Einkommensmöglichkeiten. Ein wenig Landwirtschaft, ein wenig Tourismus das wars schon. Kein Wunder, schwindet die Bevölkerung fortwährend.
Mittagessen in Ronco
Mittlerweile habe ich mächtig Hunger bekommen. In Airolo wüsste ich eine gute Pizzabeiz aber es ist ein schöner Sommersamstag. Und da kann schon mit Garantie vorhergesagt werden, dass die Pizzeria geragelt voll mit Touristen sein wird. Daher beschliesse ich, noch im Val Bedretto ein Restaurant aufzusuchen. In der winzigen Ortschaft Val Bedretto ists schliesslich soweit: im Restaurant Stella Alpina sitzts sich nicht nur ausgezeichnet, das Menu ist auch ganz formidabel. Auf Anraten eines Zürcher Viragobikers bestelle ich mir eine Steinpilz-Polenta und werde nicht enttäuscht: es schmeckt bestens. Dazu kommt gratis der Ausblick auf das Val Bedrotto. Vom Flüsschen Ticino her ist ausserdem ein fortwährendes Plätscher und Rauschen zu hören beste Klangkulisse für ein feines Mittagsfresschen.
Der Virago-Biker erzählt vom Morgen, als er mit eiskalten Fingern über den Susten düste, ich vom nicht minder kühlen Grimsel. Jetzt, in der Sonne, sind wir jedoch beide zufriedengestellt. Müde blinzeln wir in die Sonne und selbst der sehr gutgemachte Espresso vermag uns kaum zurück in die Motorradsättel zu treiben.
Doch ich muss weiter, habe noch viel Kilometer vor mir. Die letzten Kilometer nach Airolo versüsse ich mir, indem ich durch Bedretto, das Hauptort des Tales, knattere. Hier steht die Kirche noch inmitten des Dorfes! Und die Strasse ermöglicht einem schöne Ausblicke aufs Val Bedretto und die Gegend um Airolo.
Weniger hübsch sind dann die letzten Kilometer nach Airolo auf der Hauptstrasse selbst. Sie verläuft im Wald was zur Folge hat, dass die Kurven unübersichtlich werden. Zweimal fuhr ich in der Vergangenheit bisher auf diesem letzten Streckenabschnitt direkt an einen schlimmen Töff-Unfall heran offenbar überschätzen auf dieser Strecke so einige ihre Fähigkeiten.
Schliesslich ist Airolo erreicht, eine geschäftige Bergstadt, in der so manche Interessen (Bahn, Strassentunnel, Militär, Elektrizität) aufeinander prallen. Obwohl ich Airolo eigentlich ganz gut leiden mag, fehlt mir heute die Zeit für einen längeren Aufenthalt. Ich muss retour und es liegen noch Gotthard und Susten vor mir.
Kurzinfos:
Max. Passhöhe: 2478 Meter
Länge: rund 37 Kilometer
Wintersperre: von Oktober bis circa Juni
Gastrotipp
Restaurant Stella Alpina in Ronco.
Übernachtungstipp:
Hotel Astoria, Ulrichen.
Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Mittel-Leicht. Die Strasse ist auf beiden Seiten ausgezeichnet ausgebaut, nur wenig Bitumen. Steigung moderat.
Empfohlene Fahrtrichtung:
Ich fuhr bisher meistens vom Wallis ins Tessin
aber eigentlich ist die umgekehrte Fahrtrichtung ebenso reizvoll. Denn der Ausblick vom Nufenenpass in Richtung Norden ist ein absolutes Highlight. Allerdings ist es im Wallis meistens kühler als im Tessin und es ist nun mal reizvoller, vom kalten Klima in eine wärmere Zone zu kommen und nicht umgekehrt.
Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Schnell auf beiden Seiten. Vorsicht vor der Waldstrecke vor Airolo erhöhte Unfallgefahr, da Strecke nur wenig übersichtlich.
Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Der Nufenenpass ist ein absolutes Highlight der Schweizer Passstrassen. Tolle Ausblicke, unberührte Natur, wenig Verkehr
.
Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 5.8





































