Test und Technik

Test des franz. Retrobikes

Fahrbericht Voxan Charade

12.07.2007 00:00

Die Voxan Charade Racing ist eine Schönheit für Motorrad-Gourmets. Faltbare Fahrer sind im Vorteil. Ein Test von Daniel Riesen.


Voxan Charade: mit so einem Töff ist man immer der Mittelpunkt jedes Benzingesprächs. Übrigens ist sie auch gut fahrbar und sauschnell...


Retro ohne Vorbild
Stilbildend sind besonders die identisch wie an der unverkleideten Black Magic hoch nach hinten gezogenen – und so die Fahrerschenkel grillierenden – Auspuffrohre und die auffallend grosse Kopfschale. «Sieht aus wie eine Racing-BMW aus den 70ern», ruft ein Kollege. Ich weiss, was er meint, doch was solls: Wie damals funktioniert der Windschutz bei Autobahntempo auch bei der Retro-Voxan bestens!

Fahrkomfort
Stundenlang könnte man hinter der voluminösen Kanzel Reisekilometer abspulen, wenn nicht auch die Sitzposition ganz schön «old school» wäre. Man greift weit nach vorn zu den Lenkerstummeln, die einstellbaren Fussrasten sind zugunsten der Schräglagenfreiheit hoch angebracht, zwingen einen auch in der tiefen Position in die Jockey-Haltung – gewiss nichts für allzu dicke Waden! Wohl dem Fahrer, der hübsch faltbar ist. Der Kniewinkel ist auch deshalb so eng, weil der Sitz ausgesprochen tief liegt. Kurze Beine und lange Arme wären also ideal für die Charade Racing.

Motor
Die ergonomischen Zumutungen vergisst man aber schnell, wenn die Strasse und der Verkehr eine dynamische Fortbewegung zulassen. Ein feiner Kerl ist der 72-Grad-Twin, eine Eigenentwicklung. Mit seinen 95 PS reisst er zwar keine Bäume aus, doch es reicht lässig, den mit 220 kg vollgetankt nicht allzu schweren Retrosportler flott zu bewegen. Mit druckigem Puls treibt er die Charade aus den Kurven. Von 3000 bis 6000/min reicht der Wohlfühlbereich, ab da bis in den Begrenzer bei 9000/min packt der V2 hart zu, leitet dabei aber mangels Ausgleichswelle auch ordentlich Vibrationen in den Lenker.

Wer sich ernsthaft für eine Black Magic oder eine Charade interessiert, sollte auf der Probefahrt auf den Bereich bei 3000/min achten. Bei beiden Bikes, die die MSS testete, traten im Schiebebetrieb Zündaussetzer auf. Laut Voxan-Händler Felix Beck (Ducati Basel) ein Phänomen, das bei seiner Black Magic nicht auftritt und laut dem Importeur mit ein bisschen Einstellarbeit zu beheben ist.

Getriebe
Tadellos funktioniert die Schaltbox. Kurz und exakt sind die Schaltwege, butterweich gelingen die Gangwechsel. Die Kupplung lässt sich prima dosieren, mittlere Handkraft reicht aus.

Foto: schöngefräste Fussrastenanlage

Fahrwerk

Zwei mächtige, im Durchmesser sechs Zentimeter messende Stahlrohre bilden das Rückgrat des Chassis. Das merkt man: Stabilitätsprobleme kennt die Voxan Charade mit dem Beinamen Racing nicht. Überhaupt machen schnelle Kurvenkombinationen mit ihr am meisten Spass. Die Präzision ist hoch, und allfällige Bodenwellen werden von fein ansprechenden Federelementen sanft ausgefiltert. Erstklassig arbeitet besonders die voll einstellbare Upside-down-Gabel von Paioli.

Foto: Einstellbare Gabel

Bremsen
Die vorderen Stopper (wann haben wir an einem neuen Bike zuletzt ungelochte Bremsscheiben gesehen?) lassen sich nötigenfalls mit einem Fingerbeeri dirigieren, fühlen sich trotz enormer Bissigkeit im Feedback paradoxerweise sanft an. Absolute Klasse für erfahrene Sportfahrer, heikel bei kalten Pneus vor der Sonntagmorgenrunde oder dem Fahren im Nassen.

Foto: Cockpit


Fazit
Trotz ihrer runden Formen hat die Charade Racing charakterliche Ecken und Kanten. Die Qualität der Einzelteile ist exquisit, die Verarbeitung überzeugend. Die Ergonomie ist es weniger, doch fällt dies auf kurzen Spritzfahrten wenig ins Gewicht. Und genau dafür ist das französische Edelteil ideal.

Den ausführlichen Bericht lest ihr in MOTO SPORT SCHWEIZ 14/2007; das Heft kann selbstverständlich auch online abonniert werden. Hier lang…



TECHNISCHE DATEN


Motor

Flüssigkeitsgekühlter V-2. DOHC, vier Ventile pro Zylinder. Saugrohreinspritzung, Drosselklappen-ø 54 mm, Verdichtung 10,5 : 1. Trockensumpfschmierung. E-Starter. Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Nasskupplung. Sechs Gänge. Endantrieb per Dichtringkette.


Bohrung × Hub:                            98 × 66 mm
Gesamthubraum:                         996 ccm


Leistungsdaten Werk


max. Leistung 95 PS bei 8000/min
max. Drehmoment  9,7 mkg bei 6500/min


Fahrwerk

Stahlrohrbrückenrahmen, verschraubt mit Alugussteilen an Lenkkopf und Schwingenlager, Alu-Rahmenheck. USD-Telegabel, einstellbar in Federvorspannung, Ein- und Auswärtsdämpfung. Alu-Schwinge,  Federbein liegend, einstellbar in der Vorspannung.

Gabelinnenrohr-ø                         43 mm
Federweg vorn / hinten                120 / 120 mm


Räder, Bremsen 

Alu-Gussräder, Radialreifen Michelin Pilot Power. Vorn 120/70 ZR 17, hinten 180/55  ZR 17. Zweischeibenbremse mit radial verschraubten Vierkolbenzangen vorn, Einzelscheibe mit Zweikolbenzange hinten. Bremsscheiben-ø 320 / 245 mm.


Abmessungen und Gewichte 

Radstand 1475 mm, Lenkkopfwinkel 65,3°, Nachlauf 98 mm, Sitzhöhe 800 mm, Tankinhalt 19,0 l, Testverbrauch ø 100 km: 6,8 l, Gewicht  trocken 185 kg, fahrfertig vollgetankt 220 kg.


Preis 

Fr.  29 900.– inkl. MwSt. und NK.

CH-Import, Info  Sidam (Suisse) SA, 1236 Cartigny, Tel. 022 756  46  30,


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