Auf Achse

Mit dem Töff über die Ibergeregg

Pässefahren: Ibergeregg


 

16.07.2007 00:00

Die Ibergeregg wird beherrscht von den gewaltigen Mythen, den Schwyzer Hausbergen. Diese markanten Berge sind auf der kurvigen Fahrt von Schwyz nach Oberiberg beinahe immer präsent und verleihen der Fahrt das gewisse „Etwas“.


Das Wahrzeichen von Schwyz (auch der Ibergeregg): die mächtigen Mythen. Links die Kleine, rechts die Grosse Mythe.

Schwyz

Einen der sympathischsten Passeinstiege offeriert die Ibergergg: Schwyz. Die Kantonshauptstadt des gleichnamigen Kantons konnte sich nämlich über die Jahrhunderte ihr fast intaktes Stadtbild bewahren. Beispiel Hauptplatz: hier konzentriert sich alles Leben. Kirche, Restaurants, Hotels, Cafés, Verwaltung etc…alles an einem einzigen Platz. An kalten Tagen empfehle ich euch zudem den Besuch des Cafés Haug (an der Peripherie des Hauptplatzes gelegen). Was das Haug-Team da an frischen Desserts und Gebäck jeden Tag bereitstellt (auch Sonntags geöffnet), ist schier der Wahnsinn: so fein! Allerdings auch mit stolzen Preisen…
Zurück auf dem Hauptplatz gilt unser erster Blick dem Schwyzer Hausberg. Eigentlich sind es ja deren zwei: der Grosse und der Kleine Mythen. Charakteristisch ragen sie steil wie Haizähne aus dem Untergrund. Gesteinsbollwerke im Kampfe gegen die Errosion.

Die Mythen

Doch wie entstanden diese eigenartig herausragenden Bergriesen. Ihr Material entstammt dem Ur-Mittelmeer Tethys, das sich vor rund 200 Millionen Jahren zwischen Afrika und Asien aufspannte. Im Laufe der Abtragungen entstanden über Jahrmillionen dicke Sedimentschichten – ein winziger Teil davon sind eben wieder die Mythen. Als das Ur-Mittelmeer im Laufe der Kontinentalverschiebung immer kleiner wurde, wurden gleichzeitig die Sedimente zusammengestaucht und stark nach Norden abgedrängt. Im Folge der Alpenauffaltung vor rund 20 Millionen Jahren wurden auch die Sedimente um die heutigen Mythen gehoben. Doch das Umgebungsmaterial um die Mythen war nicht von besonders dauerhafter Konsistenz – so dass schliesslich eben nur noch die „harten“ Mythen übrigblieben. Schöne Hausberge hat Schwyz da…

Rathaus Schwyz, Ital Reding-Haus

Unser zweiter Blick gilt dem Rathaus von Schwyz. Die mittige Schlachtszene (ist’s Morgarten?) vermag zu beeindrucken. Wenige Schritt weiter geht’s zum Turm-Museum oder zu dem uralten Bethlehem-Haus, dem ältesten Haus des Kantons Schwyz (erbaut 1287 – also noch vor dem Rütlischwur!). Es kann besichtigt werden, genauso wie das 1609 von einem wohhabenden Schwyzer erbaute Ital Reding-Haus.

Auch zum Brunnen-Mändl wollen wir einen Blick tun. Im 21ten Jahrhundert würde die „coole“ Figur wohl Leder tragen und Harley fahren…
Die Kirche St.Martin dahinter ist ebenfalls einen Besuch wert – ihr Inneres glänzt und glitzert nur so. In der Wirtschaft „Wysses Rössli“ – notabene immer noch am Hauptplatz gelegen – lässt sich ausgiebigst Mittagessen. Doch ich will weiter, zumal mir die Wolken  über den Mythen nicht richtig gefallen wollen. Da braut sich doch etwas zusammen…!

Hier ist gute Rat teuer

Doch wo bitte geht es zur Ibergeregg? Die Schwyzer haben ihre enge Zufahrtsstrasse zum Pass hinter einer Menge Einbahnsträsschen etc versteckt. Darum habe ich euch hier schon einmal eine Karte reingehängt. Im Prinzip gilt für einen Nicht-Eingeweihten: Beim Hauptplatz links am Rathaus vorbei – dann fährt man richtig. Denn danach ist die Zufahrt zur Ibergeregg gut ausgeschildert.

Durch Rickenbach (wir erinnern uns an Toni Bürgler und seine legendären Abfahrten mit Riesen-Jumps!) geht’s zügig den Berg hinauf. Hinter Rickenbach wird die Strasse schmaler, es geht nun in den Wald hinein. Weh dem, der an einem geschäftigen Sonntag hinter einer Autokolonne aus Sonntagsfahrern ansteht- zwar gibt es immer wieder Überholmöglichkeiten, doch es ergibt sich ein anderes Problem: die Sonntagsfahrer rechnen nicht damit, dass sie überholt werden. Also machen sie sich breit, nehmen die Fahrbahn, auf der zwei Autos problemlos aneinander vorbeikommen, komplett ein. So ergibt sich dann immer wieder die Situation, dass an einem dicken Mercedes einfach kein Vorbeikommen ist…

Regnet es jenseit der Ibergeregg?

Doch an diesem Tag ist nicht viel auf der Passstrasse los (haben die anderen etwa die drohenden Gewitterwolken bemerkt?). Beim Gasthaus Windstock, das sich eigentlich prima für einen schnellen Umtrunk eignet, haben sich die Wolken dann schon ziemlich verdichtet. Das kommt nicht gut….ich beginne, die entgegenkommenden Fahrzeuge nach Regenspuren abzusuchen. Sind sie nass? Haben sie frische Scheibenwischerspuren auf der Windschutzscheibe? Doch nichts dergleichen. Also weiter…

Charenfelder

In Richtung Illgau und Muotathal liegen diese mächtigen Kalkfelsen. Sie sind Vorboten des ganzen Kalkgürtels um das Muotathales herum (Charenfelder) – extrem zerfurchter Kalkfels, der zudem anfällig für Klüften uns Spalten ist. Nicht umsonst ist auch die längste Höhle der Schweiz (und Europas – nämlich das Hölloch) nur ein Tal weiter zu finden.

Weiter oben dann wird’s richtig kurvig. Doch obacht: erstens liegen oft frische Kuhfladen auf der Strecke, zweitens hat es ein wenig echten Bitumen und drittens haben wir Töfffahrer mit Leitplanken dieser Art immer wieder Probleme…

Es gibt zudem zwei oder drei Weidroste zu überschreiten, diese sind jedoch gut ausgeschildert und problemlos passierbar.

Angasen oder es cool nehmen?

Hier das Foto eines Sportfahrers, der recht zackig daherkam und auch noch Zeit zum Grüssen fand. Allerdings gilt es hier alle zu warnen: Entweder ihr kennt die Strecke gut, dann könnt ihr nach eingenem Gutdünken angasen. Oder ihr seid absolute Cracks – dann wisst ihr euch auch aus scheinbar auswegslosen Situationen zu retten. Aber Motorradfahrer, die die Ibergeregg noch nie gefahren sind, sollten es langsam angehen. Die Strecke hat nicht wie die Grimselpassstrasse „Rettungsinseln“ in Form von langgezogenen, breiten Kurven – wer an der Ibergeregg in der Kurve zu weit rausgetragen wird, kollidiert unter Umständen mit dem Gegenverkehr. Punkt.
Viele nehmen es denn auch eher gemütlich, wie die vielen Chopperfahrer an der Ibergeregg beweisen – die Aussicht ist von gewissen Punkten aus wirklich ausserordentlich schön. Besondere Erwähnung verdient der Vierwaldstättersee, der auf diesem Foto leider etwas im Dunst verschwindet. Hier ein Foto in Richtung Muotathal…

Passhöhe

Bald ist der Pass erreicht. Hier sollte unbedingt Halt gemacht werden, denn der Pass ist im Gegensatz zu vielen anderen Schweizer Pässen wirklich ein Pass: Ausblick auf beiden Seiten, schmal mit Zugwind. Lohnend auch hier wieder der Blick zum grossen Mythen. Von der Ibergeregg aus ist die Spitze je nach Kondition in rund zweieinhalb Stunden erreichbar – allerdings logischerweise nicht in Töff-Klamotten. Für den Aufstieg auf die Mythen braucht es zudem gutes Schuhwerk…manch einer in Turnschuhen dürfte da wohl schon über die Mythen „abbägfallä si“.
Für Töfffahrer lohnender ist allerdings ein kurzer Besuch des Hotels Passhöhe. Doch ich stutze. Ein heftiger Wind setzt plötzlich ein, es wird dunkel. Auf der Schwyzer Seite scheint weiterhin die Sonne, doch irgendwo im Bereich der Mördergruebi sieht es aus, wie wenn dort ein Grauschleier die Hügel überziehen würde. Ist das Dunst oder Regen? Ich blicke mich um. Und sehe eine Töffgruppe, die sich am Umziehen ist. Am Umziehen? Das verheisst nichts Gutes…

Grauschleier oder Regen?

Und kaum habe ich das gedacht, erreicht schon ein Velofahrer, patschnass von Kopf bis Fuss den Pass. Ja, sackraposcht…wo war denn der? Immer noch regnet es keinen Tropfen….ist der etwa dem Regen davongefahren? Nun will ich sichergehen, und frage den Velofahrer, ob er durch den Regen gefahren sei. Er antwortet mir auf Englisch mit viel Aufregung in der Stimme, dass er durch einen sinflutartigen Regen geradelt sei. Ich kanns kaum glauben? Dieser leichte Grauschleier soll starker Regen sein? Und über Schwyz brennt weiterhin schön und heiss die Sonne…

Oha, der erste Tropfen. Und der zweite…und der dritte. Ok, jetzt glaub ich es. Rein in die Regenkombi. Doch die ist zuunterst im Gepäcksack. Woahhh…und jetzt beginnt es wirklich zu giessen. Meine Kamera aus dem Tankrucksack muss ja auch noch in einen Plastiksack eingewickelt werden…doch wo war noch mal der Plastiksack.

Sinflut

Es regnet nun furchtbar. Lustigerweise bin ich nun der einzige auf dem Pass. Die anderen Töfffahrer sind fort, geflohen vor dem Regen in Richtung Schwyz. Die Wanderer und Velofahrer haben im Restaurant Zuflucht gesucht. Und ich? Soll ich auch ins Passrestaurant? Nein, jetzt bin ich schon nass…jetzt fahr ich weiter…

Glitschig? Und wie!

Vorsichtig zirkle ich Richtung Oberiberg. Die Strasse erscheint mir nicht nur glitschig, sie ist es auch. Denn die erste Viertelstunde nach einem Wolkenbruch ist auf einer Strasse immer am gefährlichsten. Der ganze Staub, der sich über die Tage auf der warmen Strasse angesammelt hat, verbindet sich nun mit dem Wasser und ergibt eine rutschige Schicht, die man besser nicht zu forciert angeht. Dass es trotz des teilweise blau-weissen Himmels ordentlich „schütten“ kann, zeigt dieses Foto.

Oberiberg

Zehn Minuten später erreiche ich Oberiberg, ein hübsches Dorf, das dieses Mal vom Regen offenbar verschont wurde. Denn hier scheint die Sonne, und die wenigen Wanderer, die die Strassen säumen, staunen mich an wie einen Marsmenschen. Ein klatschnasser Töfffahrer in Regenklamotten, wo doch so offensichtlich die Sonne scheint?

Ich will raus aus der Regenkluft, und steure das Posthotel an. Die Serviertochter kommt aus dem Osten, sieht hübsch aus und fragt mich freundlich in gebrochenem Deutsch nach meinen Wünschen. Als ich dann kurz aufstehe, um ein Foto von der Terrasse zu schiessen, höre ich gerade noch, wie ein alter Schwyzer seiner Gemahlin zuzischelt: „Siehst du…das sind eben diese Schwaben. Die machen von jedem Blödsinn ein Foto…“ Worauf ich mir ein Grinsen verkneife und die Rechnung bezahlen gehe. Die Serviertochter schenkt mir ein Lächeln und meint in ihrem ulkigen Schweizerdeutsch: „Und äs schönäs Abend noch…“

Den wird der regennasse Schwabe bestimmt auch haben…



Kurzinfos:
Max. Passhöhe:  1406 Meter
Länge: rund 15  Kilometer
Wintersperre: keine Wintersperre


Gastrotipp
Gut isst man in diversen Restaurants in Schwyz, so unter anderem im Wyssen Rössli (siehe Link). An kühlen Tagen empfiehlt sich auch ein Besuch des Cafés Haug – Tipp: Kaffee und einem frischen Schokokuchen bestellen.
Bei schönem Wetter ist die Terrasse des Passhotels Ibergereggs empfehlenswert – man sieht schön bis nach Brunnen und dem Vierwaldstättersee. In Oberiberg besuchte ich das Posthotel, das sehr zentral liegt und eine schöne Terrasse und gute Parkplatzmöglichkeiten bietet.

Übernachtungstipp:
Schwyz und Oberiberg haben zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Auch das Passhotel Ibergeregg hat Betten (zum Abklären, ob freie Kapazitäten – siehe Linkbox)

Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Die Ibergeregg zählt zu den Pässen mit mittleren Schwierigkeitsgrad. Einerseits ist die Steigung sehr moderat und die Fahrbahn ist nie exponiert. Andererseits ist die Strasse schmal und die Kurven (vor allem auf Schwyzer Seite) zum Teil kaum einsehbar. Vorsicht bei einer allfälligen Regenabfahrt auf Schwyzer Seite. Im Bereich des Waldes vor Rickenbach kann es aufgrund von Blättern auf der Strasse (Herbst) rutschig werden.

Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Die Ibergeregg wird zwar zuweilen von einigen Tempobolzern (Stichwort Supermoto) abgefahren (gerne am Feierabend…) – aber sie ist kein richtiger Tempopass. Da sie zudem am Wochenende von richtigen Scharen von Ausflüglern, Wanderern (die von der Passhöhe Richtung Mythen wollen) gestürmt wird, ist richtiges Angasen sowieso zumeist nur marginaler Natur.
Enge Kurven auf der Schwyzer Seite, Weideroste, Naturbitumen (Kuhfladen) und zum Teil holprige Strassen verhindern zudem allzu engagiertes Fahren. Die Passseite, die gegen Oberiberg abfällt, ist deutlich schneller – mit kurzen Geraden und bequemen Kurven.
Empfohlene Fahrtrichtung:
Keine besondere Fahrtrichtung empfohlen. Schön ist der Blick vom Norden her kommend in Richtung Süden auf den Vierwaldstättersee.

Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Schön Aussicht vom Pass in Richtung der charakteristischen Mythen und des wunderschönen Vierwaldstättersees.
Das Befahren der Ibergergg selbst kann dank eines kurvigen Strassenverlaufs als sehr hübsch für Motorräder eingestuft werden.
Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 4.5


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