Auf Achse

Mit dem Töff über den Flüelapass

Pässefahren: Flüelapass


 

10.08.2007 00:00

Der Flüela ist einer der schönsten Töffpässe der Schweiz: zackige Kurven, gute Übersichtlichkeit und die Möglichkeit, gleich weitere Pässe anzuhängen, machen ihn zu einem "Pass erster Klasse". Wir wollen uns indes auch etwas in die Geschichte des Flüelapasses vertiefen.


Foto vom Flüelapass mit dem Hospiz im Hintergrund.

Gut, ich gebe es zu: als gebürtiger Davos eigne ich mich nicht wirklich als objektiver Töfftester für den Flüelapass. Mit dem Pass hängen zuviel Erinnerungen zusammen…schliesslich probte ich am Flüela schon meinen ersten 125er aus. Trotzdem will ich es versuchen, denn der Flüelapass ist einer der besten Töffpässe der Schweiz.

Link zu Google-Maps: Karte mit den wichtigsten Stationen über den Flüelapass, von MSS erstellt


Geschichte des Flüelapasses

Zuerst muss ich einige Takte Geschichte vermitteln – dies zeigt auf, in welchem Kontext man den Pass heute verstehen kann und darf. Vermutlich kletterten schon die Menschen der Bronzezeit über den Flüela (also vor rund 1200 Jahren). Zu diesem Schluss jedenfalls kann man aufgrund des Fundes einer bronzenen Eisenspitze auf dem Flüelapass selbst. Danach aber verfiel der Pass in einen mehrhundertjährigen Dornröschenschlaf.

Die Römer bevorzugten den Julier

Die Römer jedenfalls zogen es vor, den einfacher zu bezwingenderen Julier zu überqueren. Und im Mittelalter war das Prättigau und das Landwassertal sowieso viel zu spärlich besiedelt, als dass der Flüelapass irgendeine Bedeutung gehabt hätte. Dies änderte sich erst mit dem Lehensbrief 1289. In diesem Vertrag nämlich erlaubten die Feudalherren von Vaz den zukünftigen Bewohnern des Landwassertals die Selbstverwaltung (selbstverständlich gegen Abgaben). Und sie kamen in rauen Scharen. Allen voran die Walser aus dem Wallis. Sie siedelten im Landwassertal an, betrieben Bauernwirtschaft und führten bescheidenen Handel mit dem Engadin – eben via Flüelapass. Hauptsächlich wurde dabei Handel mit dem Vinschgau betrieben. Die erste Schutzhütte auf dem Pass wurde vermutlich ums Jahr 1660 errichtet.

Dr. Alexander Spengler kommt

Davos war also hauptsächlich eine Gemeinde vieler Bauern – und das hätte noch Jahrhunderte so weitergehen können. Doch im Jahre 1853 traf in Davos der deutsche Arzt Dr. Alexander Spengler ein. Zuerst fungierte er als einfacher Landschaftsarzt. Doch fiel dem klugen Spengler bald auf, dass die Bewohner von Davos kaum an Lungentuberkulose litten. Spengler führte dies auf die gesunde Höhenluft zurück. Darauf begann er für Davos die Werbetrommel zu rühren, und bereits 1960 eröffnete daraufhin die erste Fremdenpension in Davos ihre Tore.

Thomas macht auch einen Besuch

Den Rest kennen wir aus Thomas Manns „Zauberberg“: Hunderte von lungenkranken Gästen aus der ganzen Welt kam in den Höhenkurort, unter anderem auch Arthur Conan Doyle (der Verfasser der „Sherlock-Holmes-Geschichten“) und Robert Louis Stevenson („Die Schatzinsel“).

Verständlich, dass auch der Flüelapass von den Touristen und Kurgästen profitierte. 1867 wurde die Passstrasse eröffnet, das Pass-Hospiz folgte zwei Jahre darauf.

Der Vereinatunnel geht auf

1999 hingegen kam ein herber Rückschlag für die Flüela-Passstrasse: aufgrund der Öffnung des Bahn-Vereinatunnels wurde der Pass zurückgestuft. Will heissen: keine Räumung mehr im Winter (siehe Wintersperre am Ende des Berichts). Da der Vereinatunnel jedoch kostenpflichtig ist, weichen weiterhin recht viele Autofahrer über den Pass aus. Für Motorradfahrer ist der Vereine sowieso nur bei extrem schlechten Verhältnissen (sprich Schnee) eine Alternative – viel zu schön ist die Passtrasse, als dass man sich mit einer Tunneldurchfahrt begnügen würde.



Fahrt über den Pass:

Davos (hier ein Blick über Davos Dorf und das Dischmatal)

Wir beginnnen unsere Fahrt in der „Stilli“ bei Davos. Hier gehen im Winter zahlreiche Langlaufloipen ab. Im Sommer ist hier nicht viel los. Trotzdem wollen wir noch einmal kurz Halt machen und einen Blick zurückwerfen. Die „Skyline“ von Davos ist leider eher von der hässlichen Art, aber der Blick auf die Parsenn lohnt sich. Das „Schiahorn“ in der Mitte des Fotos ist stark Lawinengefährdet, was die zahlreichen Lawinenverbauten rechtfertigt.

Talstation Pischa

Wir jedoch wollen in die andere Richtung fahren. Der Fluss zu unseren Füssen ist übrigens der Flüelabach. Er fliesst irgendwann in den Rhein. Auf der anderen Seite des Flüelas fliessen übrigens alle Bäche in Richtung Inn (und folglich später zur Donau). Die ersten Kilometer geht es durch den Wald. Diese Strecke ist relativ unspektakulär, die Aussicht gering. Wer will, kann bei der Talstation Pischa noch einen kurzen Halt einrichten.  Der Blick in Richtung Flüelapass zeigts schon: viel breiter wird das Tal nicht mehr. Ein Seitenblick offenbart uns auch: der Flüelapass ist extrem stark lawinengefährdet. Steile Nordhänge mit einem fast völligen Fehlen stützender Bäume – kein Wunder donnern hier jedes Jahr Schneebretter zu Tale.

Vorbei geht’s in der Folge am symphathischen Gasthaus Alpenrose (tolles Fondue!). Das Stück bis Tschuggen ist herrlich, mit leichten Kurven und griffigem Belag. Doch obacht: hier passierten schon einige schlimme Töffunfälle. Der Grund dafür scheint zu sein, dass die Kurven nur vermeintlich übersichtlich sind. Wenn sich am Kurvenscheitelpunkt der Gegenfahrbahn ein sehr langsames Fahrzeug aufhält, ist es unter Umständen aus dem Blickwinkel des Fahrers nicht zu sehen…

Gasthaus zum Tschuggen

Unser nächster Halt gilt dem Gasthaus zum Tschuggen. Spätestens hier sollte man für einen schnellen Kaffee oder einen gemütlichen Halt an den Tischen halten – das Interieur ist in wunderschönem Holz gehalten (Arven oder Lerche?), der Pächter freundlich, die Kuchen lecker. Auch Technik gibt’s zum Bestaunen, die Töffdamen dürften eher an den hübschen Sitzkissen Gefallen finden.

Auch vor dem Gasthaus gibt’s einiges zu Bestaunen: zum Beispiel diese winzig kleine Kirchlein in der steilen Kurve – dank der romantischen Atmosphäre finden hier viele Hochzeiten statt. Oberhalb der Kurve geht’s zu Fuss über den Flüelabach, hier gibt es auch die letzten Bäume zu bewundern. Weiter oberhalb gibt’s dann nur noch die Alpenrosen.

Wunderbare Kurven

Beim alten Wägerhaus (hier übernachteten früher die Strassenbauer, die für die Instandhaltung des Passes verantwortlich waren) geht’s vorbei zur Wanderabzweigung zu den Jöriseen. Diese Seen sind wunderschön, liegen aber mindestens anderthalb Stunden Fussmarsches entfernt – nichts für Töfffahrer. Wir wollen uns dafür mit einem Blick über den Flüelabach und einem schönen Stück Kurve zufrieden geben. Hier fängt übrigens das beste Stück Pass-Strasse an. Zwar sehr schnell, doch durchwegs kurvig windet die Strecke in Richtung Pass.

Der Pass selbst

Die Landschaft ist zwar kahl, hat aber durchaus auch seine Reize. Auf dem Flüelapass, der erwähnten Wasserscheide, ist dann ein weiterer kleiner Halt angesagt, zumal sich rechter Hand der höchste Davoser Berg, das dunkle Schwarzhorn zeigt. Hier nocheinmal der gleiche Berg, von der Landschaft Davos aus fotografiert. Des weiteren locken der Pass-See und das Pass-Hospiz.

Danach stürzen wir uns hinunter in die Kurven auf der Engadiner Seite. Die Strecke bis Susasca ist zwar leidlich kurvig – jedoch extrem übersichtlich. Ideal, um halbwegs pennende Autofahrer, Autobusse und ähnliches Langsamfahrer zu überholen.

Wo ist der Flüela-Bär?

Bei Susaca mache ich nochmals einen kleinen Halt, um über die Kante zu blicken. Hier treffe ich auch schon auf einen frühen Jäger. Oder ist’s gar ein Bärenspäher?  Denn in den letzten zwei Tagen machen zwei Jungbären das Unterengadin und den Flüelapass unsicher. Mindestens 35 Schafe soll Meister Pelz schon gerissen haben. Dass es am Flüelapass jede Menge Vieh und Schafe gibt, davon zeugt diese Vorrichtung.
Nun beginne auch ich, meine Augen anzustrengen. Unter Umständen könnte ich sogar den Bären sehen. Ist er das vielleicht sogar da unten? Nein, falscher Alarm, nur Kühe. Doch wo suchen? Hier im Norden? Gegen den Scalettepass? Oder gar in Richtung Westen? Doch wie müsste man sich überhaupt verhalten, wenn man einem Bären begegnet. Am Ende des Berichts habe ich euch dazu ein Youtube-Video reingehängt…

Schwemmlandschaft

Es folgen ein paar kleinere Haarnadeln, eher harmloser Natur und mit hübschem Ausblick auf die Flussebene, die unter einem liegt. Wer viel Zeit hat, dem empfehle ich sogar, kurz anzuhalten und zum Fluss runterzugehen. Was man dort antrifft ist ein Schwemmlandschaft mit einem mäandrierenden Fluss, der viel Geschiebe in den Kurven ablagert.

Susch

Das letzte Stück nach Susch ist nicht mehr der Hit. Eine Waldstrecke mit circa fünf Haarnadeln. Erst kurz vor Susch öffnet sich dann wieder die Landschaft, man hat freien Blick aufs Unterengadin und die kleine Burg ob Susch. Die Ortschaft Susch selbst gehört bestimmt zu den Verlierern nach dem Bau des Vereinatunnels. Zwar ist es hier jetzt im Winter bestimmt ruhiger und gemütlicher – aber es dürften zahlreiche Gästeübernachtungen fehlen. Davos kann das Wegfallen des Winterpasses Flüela aufgrund seines gewaltigen Sport- und Kulturangebots problemlos überwinden, bei Susch bin ich mir da nicht so sicher….
Doch, wir wollen nicht Trübsal blasen: schliesslich ist Susch ein hübsches Dorf, das allemal einen Besuch lohnt, und in dem Töfffahrer auf jeden Fall willkommen sind. Schliesslich ist Susch auch die grosse Wegscheide: Nach links geht’s Richtung Reschenpass, Österreich etc, nach rechts schliesslich zum Ofenpass, zum Albula, Julier und Maloja. Viel Arbeit und Genuss für uns Töfffahrer…..

Kurzinfos:
Max. Passhöhe: 2383 Meter
Länge: rund 25  Kilometer
Wintersperre: Mitte November bis Ende Mai

Gastrotipp
Restaurant Gasthaus zum Tschuggen, Restaurant Alpenrose, Passhotel Flüela-Hospiz

Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Leicht.

Empfohlene Fahrtrichtung:
Von Davos Richtung Susch.

Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Wunderbar kurvig auf der oberen Davoser Seite.

Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Hübsche Übersicht über das Flüeltal auf Davoser Seite, Sicht übers ganze Tal auf Suscher Seite.

Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 5.5



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