Test und Technik
Fahrbericht BMW HP 2 Sport
06.12.2007 00:00
Mit viel Kohle bringt BMW dem Zweizylinder-Boxer das Rennen bei. Die HP2 Sport ist schnell beherrschbar und beherrschbar schnell. Text: Daniel Riesen Bilder: Alberto Martinez, Daniel Kraus

Eigentlich ein Rennstreckenbike - das sich dank seiner Gutmütigkeit allerdings auch für die Landstrasse eignet: neue BMW HP 2 Sport.
Als «Penz» von der Besichtigungsrunde in die Boxengasse zurückrollt, hört man, dass es BMW ernst meint. Wie ein Renntöff sprotzt die HP 2 Sport bei geschlossenen Drosselklappen ihren Unmut hinaus. Der Rennboxer ist für Drehzahlen gebaut, er will offene Schleusen für seinen Seelenfrieden. Den gibt ihm der deutsche Werksfahrer Rico Penzkofer, an der Pressepräsentation gewissermassen Tourguide, augenblicklich zurück: Er fährt nochmals raus, der 180°-Zweizylinder-Motor bollert mit seinem regelmässigen Zündabstand das Lied sprudelnder Leistung, wuchtig grollend.
So kann ein Boxer klingen, wenn man ihn lässt. Und zwar ein für die Strasse homologiertes Exemplar, nicht jene Maschine, die «Penz» und Kollegen dieses Jahr in der Langstrecken-WM pilotiert haben. Im Frühling 2008 wird das dritte Modell der HP-Reihe (High Performance), die HP 2 Sport, zu kaufen sein, nach der HP2 Enduro und der Megamoto.
Racing, nicht Sport
Die Grundidee bleibt dieselbe: BMW bedient sich eines Basismodells und veredelt es in sportlicher Richtung weiter. Dabei lassen es die Weiss-Blauen aber nicht bei Kosmetik bewenden die HP 2 Sport ist weit mehr als eine sanft aufgemotzte R 1200 S. Dort steht das S für Sport, bei der HP2 steht das Sport eigentlich für Racing.
Nur edelste Materialien
Augenfällig ist die üppige Ausstattung des Renners mit Kohlefaser-Teilen, und hier ist das keine optische Schummelei: «Der Einsatz von Kohlefaser hat wesentlich zum tiefen Gewicht beigetragen», betont Projektleiter Jörg Schneppenheim. Die gesamte Verkleidung, also auch die weiss lackierten Teile, sind aus dem teuren, aber leichten Verbundmaterial gefertigt, vor allem aber das selbsttragende Heck, von der exorbitant teuren Ducati Desmosedici einmal abgesehen ein Novum im Motorrad-Serienbau. Damit entfällt ein Heckrahmen. Und selbst die Zylinderkopfdeckel wurden aus CFK gefertigt.
Sehr leichter Boxer
Entsprechend leicht, nämlich bloss 199 kg fahrfertig vollgetankt, bringt die HP 2 laut BMW auf die Waage. Von den Superbikes unterbietet derzeit nur die Ducati 1098 die 200-Kilo-Marke. 2008 kommt noch die Fireblade dazu.
Neu: DOHC-Zylinderkopf
Einen enormen Aufwand hat BMW getrieben, um dem an sich eher als tourentauglich bekannten Zweizylinder-Boxer das Rennen beizubringen. Die entscheidende Modifikation ist die Umstellung von den bekannten, halbhoch rotierenden Nockenwellen zu den zwei oben liegenden. Bislang galt dies aufgrund zusätzlicher Bauhöhe (nimmt man die Einbaulage, müsste man es Baubreite nennen) als nicht machbar. Doch dieser DOHC-Zylinderkopf ist sogar noch einige Millimeter niedriger geworden als in der Standardausführung.
Dreht höher, verdichtet stärker
Entsprechend klaustrophobisch eng geht es dort an die hochtourige Arbeit. Erst bei 9500/min greift der Drehzahlbegrenzer ein, bislang war bei 8800/min (R 1200 S) Ende der Boxer-Fahnenstange. Die radial angeordneten Ventile ermöglichen kompakte Brennräume, dies wiederum erlaubt den Verzicht auf eine zweite Zündkerze wie bei den übrigen 1200er-Boxern, die Schmiedekolben verdichten das Gemisch auf 12,5:1. Entsprechend der Ventileinbaulage sind die Nocken konisch geschliffen. Wie bei den K- und F-Modellen übertragen Schlepphebel den Nockenhub.
Nix mit Wasser am Hut
Bei aller «High Performance» verzichtet BMW weiterhin auf Flüssigkeitskühlung. Bei der HP 2 Sport sorgen zwei hintereinander geschaltete Ölkühler für ein nachhaltig erträgliches Motorenklima.
Bei 3000 Touren ein kleiner Zappelphilipp
Ausprobiert haben wir den blau-weissen Renn-Cocktail auf dem Ascari-Racetrack in Andalusien. Gemütliches Bummeln war also nur selten möglich. Auch so lässt sich aber sagen, dass der Boxer trotz Leistungskur von seiner Flexibilität kaum etwas eingebüsst hat. In den unteren Gängen verkraftet er auch Drehzahlen unter 2000/min, ab 4000/min steht zünftiger Landstrassenschub zur Verfügung. Einzig beim Schiebebetrieb um die 3000/min hängt der Renn-Boxer etwas zappelig am Gas.
Unspektakuläre Leistungsabgabe
Das von BMW zur Verfügung gestellte Leistungsdiagramm weist ab 5500/min einen steilen Leistungsanstieg auf, und tatsächlich fühlt es sich am besten an, wenn man mit rund 6000/min auf dem eher intuitiv denn bewusst ablesbaren Drehzahlmesser auf die nächste Gerade hinausfeuert. Wobei man nie das Gefühl hat, man feuere eine Rakete ab. Der 180°-Twin gibt seine Leistung auch in seiner verschärften Form sehr unspektakulär ab. Unter anderem mit dem Vorteil, dass man nie das Gefühl hat, den Metzeler Racetec zu überfordern, jedenfalls so lange, als man nicht versucht, an «Penz» dranzubleiben.
Die Leichtigkeit des Boxers
Der spitz konturierte Reifen sorgt auf den Einführungsrunden vorerst für Irritation. Auch in Andalusien ists, fernab des Meeres, am Vormittag kühl, und so eiert man durch die ersten Bögen. Mit zunehmender Reifentemperatur verschwindet die Kippeligkeit, es bleibt eine erstaunliche Leichtigkeit, mit der sich die HP 2 Sport dirigieren lässt. Daran dürften auch die leichten Schmiederäder ihren Anteil haben, während der Radstand von 1487 mm eher auf einen gemütlichen Tourer denn ein wendiges Racebike schliessen lässt.
Zielgenauigkeit und Stabilität sind hoch, für Improvisation in Schräglage hingegen ist die Karbon-BMW weniger gemacht. Wer die HP 2 nur auf der Strasse bewegt, dürfte wohl auch einen gemässigteren Reifen aufziehen, denn mit dem Racetec stellt sich die Maschine beim Bremsen in Schräglage deutlich auf.
Feinfühliges Telelever
Die zwei bisherigen HP-Modelle stellte BMW auf eine konventionelle Telegabel, weil die Telelever-Konstruktion die geforderten Federwege nicht bieten kann. Für den Asphaltflitzer war diese Umstellung hingegen nie ein Thema. Die Rennfahrer kommen mit dem etwas anderen Vorderradgefühl inzwischen offenbar gut zurecht. Und «Normalos», die sich nicht dauernd im Grenzbereich bewegen, profitieren von den Vorteilen wie der Feinfühligkeit der Dämpfung, einem kaum spürbaren Gewichtstransfer beim Bremsen und dem Gefühl von Sicherheit beim Bremsen in die Bögen hinein.
Bremsen
Überhaupt ist die Bremszone eine Stärke der HP 2. Die Brembo-Monoblocs sind kräftig, aber nicht zu giftig ausgelegt, die lange BMW zeigt auch beim harten Ankern kaum Unruhe. Jedenfalls so lange, als der Pilot beim Hinunterschalten alles sauber macht. Ansonsten erzeugt das Schleppmoment der Motorbremse unelegantes Hinterradstempeln eine strenge Schule für Rutschkupplungs-Verwöhnte!
Quicker dank Quickshifer
Leicht wird dem BMW-Piloten hingegen das Hochschalten gemacht: Ein Schaltautomat (Quickshifter) erübrigt den Griff zur Kupplung ebenso wie die Entlastung durch die Gashand (das erledigt das Motormanagement). Ein leichter Druck auf den Schalthebel das Schaltschema lässt sich für den Rennbetrieb durch einen optional erhältlichen Drucksensor umkehren genügt, und schon ist der nächste Gang drin. Eine feine Sache, auch wenn sich der hier Schreibende einbildet, die Sache manuell mindestens ebenso schnell zu erledigen.
Foto: Filigraner Seitenständer
Fahrzeughöhe lässt sich justieren
Allmählich erhöht sich der Rhythmus des Ascari-Neulings die hügelige Rennstrecke wurde von einem holländischen Race-Freak erstellt und nach dem legendären italienischen Autorennfahrer benannt. Da kann es schon vorkommen, dass die Zylinder-Schleifpads sanft Kontakt zum Asphalt aufnehmen. Wer jetzt nochmals deutlich schneller fahren will, ändert entweder die Linie, den Fahrstil mit mehr Hanging-Off oder er greift zur Werkzeugkiste: Vorne wie hinten lässt sich die Fahrzeughöhe unabhängig von der Federvorspannung verändern, vorn über die Klemmung, hinten am Federbein. Testfahrer Jürgen Fuchs empfiehlt eine parallele Anhebung vorn und hinten, während etwa eine Anhebung nur hinten kaum, wie vermutet, mehr Handlichkeit bringe.
Fast alles einstellbar
Die Fahrzeugpräsentation ausschliesslich auf der Piste lässt nur vorsichtige Einschätzungen der Komfortfragen zu. Lange Menschen freuen sich über die relative Geräumigkeit des Racers. Fussrastenposition und Lenkerkröpfung lassen sich einstellen. Man wird am schmalen Tank angenehm ins Fahrzeug integriert. Auf den Handgelenken lastet nur wenig Gewicht; im Vergleich zu japanischen Superbikes sitzt man weiter hinter dem Lenker etwas «old school» vielleicht, aber doch kompakter als beispielsweise noch bei der R 1200 S.
Guter Windschutz
Besser als auf Supersportlern üblich ist der Windschutz. Kleine passen komplett hinter die Scheibe, Langen gelingt dies dank viel Rutschfreiheit nach hinten ebenfalls. Der Pilotenplatz konnte grosszügig dimensioniert werden, da man dem Karbonheck keinen Co-Piloten zumuten will.
Infozentrale Cockpit
Zu den zahlreichen Ausstattungskomponenten, die nach Rennsport riechen, gehört die Infozentrale von 2D Systems. Im grossen LCD-Display wird die Drehzahl über ein Band, das Tempo in Ziffern dargestellt. Die übrigen Informationen lassen sich über zwei Tasten am linken Lenker individualisieren. So werden im Race-Modus Rundenzeiten, Maximaldrehzahl, Topspeed und die Anzahl der Schaltvorgänge angezeigt. Die gespeicherten Daten lassen sich auch auf einen Computer übertragen und auswerten. Acht frei programmierbare LED dienen als Schaltblitz.
Exklusivität hat ihren Preis
Noch ringt man bei BMW um den endgültigen Verkaufspreis. Angesichts der exklusiven Ausstattung erstaunt die Angabe nicht, die rennsportliche HP 2 werde sich im Bereich der Ducati 1098 S bewegen (also rund 32'000 Franken). Vermutlich wäre dabei das optional zu ordernde, für die Piste abschaltbare ABS noch nicht inbegriffen.
Fazit
Wer sich bisher mit einer BMW R 1200 S auf Rennstrecken getummelt hat, muss sie haben, die HP 2 Sport: Sie hat den stärkeren Motor, die schärfere Optik, das klar sportlichere Chassis und Zubehör wie das GrandPrix-Dashboard. Doch die Race-BMW lässt sich so leicht schnell fahren, dass auch Spezialitäten-Liebhaber ohne Boxer-Vergangenheit schwach werden könnten.
Foto: schöner Endschalldämpfer
Auf einen Blick: BMW HP 2 Sport
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 3 Punkte |
| Auf grosser Tour | 3 Punkte |
| Sportlich fahren | 4 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | Kein Soziussitz |
| Emotionen | 4 Punkte |
TECHNISCHE DATEN - BMW HP 2 Sport
Motor
| Bauart | Luft-/Ölgekühlter Zweizylinder-Boxer-Viertakter, Kurbelwelle längs liegend. |
| Ventilsteuerung | Zwei oben liegende, über Zahnkette gesteuerte Nockenwellen (DOHC) pro Zylinder; die je vier radial angeordneten Ventile werden über Schlepphebel betätigt |
| Bohrung x Hub | 101 × 73 mm |
| Hubraum | 1170 ccm |
| Verdichtung | 12,5 : 1 |
| Gemischaufbereitung | Elektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung und elektronischer CDI-Zündung. |
| Drosselklappen-Durchmesser | 52 mm |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | ø E 39, A 33 mm |
| Schmierung | Nasssumpfschmierung mit zwei hintereinander angeordneten Ölkühlern. |
| Auspuffanlage | 2-1-Auspuffanlage mit geregeltem Katalysator und Abgasklappe. |
| Starter | E-Starter. |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 133 PS (98 kW) bei 8750/min |
| Max. Drehmoment | 11,7 mkg (115 Nm) bei 6000/min |
| V-max. | k.A |
Kraftübertragung
| Kupplung | Hydraulische Einscheiben-Trockenkupplung, Quickshifter. |
| Gänge | Sechsganggetriebe. |
| Endantrieb | Endantrieb über Kardanwelle in der Schwinge (Paralever). |
Fahrwerk
| Rahmen | Gitterrohrrahmen aus Stahlrohr, Motor mittragend, Karbon-Rahmenheck selbsttragend. |
| Federung vorne | Telelever mit geschmiedetem Dreieckslängslenker aus Aluminium, Zentralfederbein von Öhlins, in Vorspannung, Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbar. |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | Telelever-Innenrohr-ø 41 mm |
| Federung hinten | Einarmschwinge aus Leichtmetallguss, Zentralfederbein von Öhlins, in Vorspannung, Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbar. Heckhöhe separat einstellbar. |
| Federweg vorn/hinten | 105 mm, 120 mm |
Räder
| Rädertyp | Felgen aus geschmiedetem Leichtmetall. Schlauchlose Radialreifen (Testmaschine: Metzeler Racetec). |
| Felgendimension vorn | MT 3.50×17" |
| Felgendimension hinten | MT 6.00×17" |
| Reifendimension vorn | 120/70 ZR 17" |
| Reifendimension hinten | 190/55 ZR 17" |
Bremsen
| Bremse vorn | Brembo. Vorn zwei halb schwimmend gelagerte Stahlscheiben (320) mmmit radial montierten Vierkolbenzangen. |
| Bremse hinten | Einzelscheibe (265 mm) mit Doppelkolbenzange |
| ABS | Abschaltbares ABS als Option |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1487 mm |
| Lenkkopfwinkel | 66° |
| Nachlauf | 86 mm |
| Trockengewicht | Trockengewicht 178 kg; Leergewicht fahrfertig vollgetankt 199 kg |
| Sitzhöhe | 830 mm |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 16,0/4,0 l |
Farben
| Schwarz-(Karbon-)Weiss | |
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| x | |
| x | |
| x |
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | ca. Fr. 32'000., |
| Erstmöglicher Liefertermin | erhältlich ab Frühling 2008 |
| Import über | BMW Motorrad Schweiz, 8157 Dielsdorf, Tel. 058 269 11 11 (siehe Linkbox) |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung |
Ausstattung
| Hauptständer an Bord? | nein |
| Seitenkoffer serienmässig? | nein |
| Topcase serienmässig? | nein |
| Gepäckhacken | nein |
| Windschutzscheibe verstellbar? | nein |
| Elektrische Leuchtweitenverstellung? | nein |
| Xenonlicht | nein |
| Staufächer | nein |
| Heizgriffe | k.A - (eventuell über Zubehörhandel erhältlich) |
| Fussrastenanlage verstellbar | ja |
| Sitzbankhöhe verstellbar | nein |
| Lenkerverstellung | ja |
| Handhebel einstellbar | ja |
| Wegfahrsperre | k.A |
| Alarmanlage | nein |
| Soziusabdeckung | ja |
| Bordsteckdose | nein |
| Cockpit | Dashboard serienmässig (in Zusammenarbeit mit der Firma 2D Systems entwickelt.) Normalmodeus: Drehzahl, Geschwindigkeit, Uhrzeit, Kilometerstand, Restreichweite, Fahrzeit. Racemodus: Rundenzeit, Maximaldrehzahl, Topspeed, Anzahl Schaltvorgänge, auslesbar via Laptop Zahlreiche Erweiterungsmöglichkeiten: GPS-Tracking, Datenlogger |
| Tempomat | nein |
| Audiosystem | nein |




































