Auf Achse
Pässefahren: Albulapass
04.01.2008 00:00
Historisch gesehen ist der Albulapass der weitaus weniger wichtigere Bruder als der nahe Julierpass. Motorradfahrer aber wissen: Der Albulapass ist dem Julier bei weitem vorzuziehen. Dies nicht nur aufgrund der kurvigen, engen Passstrasse: auch die Natur dünkt einem urtümlicher, herber...

Auf der Nordseite führt die enge Passstrasse am Albula vorbei an saftige Wiesen. Der Pass ist für Motorradfahrer wie geschaffen - für Autos weniger...
Von Davos herkommend biege ich kurz vor Surava nach rechts ab, um in Richtung Albula mit der Bandit zu donnern. (Karte dazu). Es ist noch verhältnismässig früh am Morgen, darum ist auf der Strasse Richtung Albula noch nicht viel los. Man lasse sich jedoch nicht täuschen: an schönen Wochenenden im Sommer ist die Strasse derart stark befahren, dass die Fahrt über diesen schönen Bündner Alpenpass kein Vergnügen mehr ist. Wer beispielsweise an einem schöneren Sonntagnachmittag im Engadin aufbricht, um noch vor Sonnenuntergang in Basel anzukommen, nimmt lieber den besser ausgebauten Julier - der Albula ist nichts für Drängler und Hastige. Der Albula will genossen werden.
Historisches
Die Römer bevorzugten wie gesagt den Julier, der Albula bekam erst im 16 Jahrhundert etwas regionale Bedeutung als Säumerpass. Da er allerdings stark Lawinengefährdet war, konnte der Verkehr nur in den Sommermonate aufrechterhalten werden. Etwas wichtiger wurde er, als eine Achse Albula-Bernina-Italien eingerichtet wurde und auch Erztransporte stattfanden (unter anderem gab es im Raum Bergün/Filisur einige Bergwerke). Der Verlauf der heutigen Passtrasse geht auf das Jahr 1865 zurück, 1903 kam dann der Bau der wichtigen RhB-Albulalinie hinzu.
Filisur
Filisur kennen die meisten als Bahnknotenpunkt. Vor dem Bau der Vereinalinie musste jeder Bahnreisende die kleine Bahnstation im Albulatal passieren. Wer von der Hauptstrasse ins Dorf abzweigt, wird vor allem mit einem sehr hübschen, intakten Dorfbild belohnt. Man wähnt sich aufgrund der Häuser schon im Engadin - denn diese mächtigen Häuser mit den kleinen Fenstern, den Erkern und Verzierungen sieht man ansonsten viel in La Punt, Susch oder Zernez - aber kaum nördlich des Engadins. Dass die Bewohner auch gewitzte Improvisateure sind, beweist dieses Foto eines Stuhles. Es lohnt sich auch ein Blick in die Bergwelt. Ganz besonders imposant ist das Tinzenhorn. Allerdings bin ich mir nicht ganz hundertprozentig sicher, ob es sich bei diesem schönen Berg, der ein wenig an das Matterhorn im Wallis erinnert, wirklich um das 3173 Meter hohe Tinzenhorn handelt..
Rein in die Schlucht
Nach Filisur geht es zuerst ein Weilchen lang ziemlich gerade durch den Wald, doch erreicht man zackig die Ausläufer der Schlucht. Viel Kies am Rande des Bachbettes deutet darauf hin, dass die Albula, wie der Fluss heisst, auch heute noch viel Geschiebe mit sich führen und ablagern kann. Zwei Kilometer weiter oben sollte man sich unbedingt die Zeit nehmen, um kurz das Moto auszustellen und sich die Schlucht anzugucken. Schaut euch dieses Foto an...wer in der Passage Mist baut und über die Betonumrandung fliegt - wird so schnell keinen Töff mehr besteigen.
Bergün
Wenige Minuten später erreicht man das im Sommer etwas verschlafen anmutende Bergün. Auch Bergün weiss mit vielen hübschen Häusern aufzuwarten - ausserdem ist es immer wieder witzig, den Verkehr in Bergün zu beobachten. Diese zwei Autos hier können problemlos kreuzen. Doch was geht ab, wenn ein grösserer Lieferwagen auf einen einen Campingbus trifft? Dann wird richtiggehend rangiert und geflucht...
RhB
Oberhalb von Bergün dann ein dunkles Rauschen. Ich halte an, Lausche und zücke den Fotoapparat. Keine Sekunde zu spät - schon jagt ein roter Zug der Albulabahn an mir vorbei. Er gehört zu den Schmalspurzügen der RhB. Die Albulalinie gehört ohne Zweifel zu den berühmtesten und Schönsten Bahn-Strecken der ganzen Schweiz und geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Berühmt ist vor allem das Viadukt bei Filisur und die zahlreichen Kehrtunnels in der Nähe von Bergün. Wer sich ein paar Minuten Zeit nimmt, bemerkt nämlich erstaunt, dass die rote RhB plötzlich aus dem Wald von der anderen Seite austritt - ohne dass man sie eine Kurve hätte bewältigen sehen. Geht alles komplett im Berg vonstatten - der Bahnreisende merkt davon kaum etwas.
Hotel Preda Kulm
Bei Preda gibt's ein zweites Frühstück. Das Hotel Preda Kulm steht schon seit bald 100 Jahren an dieser Stelle. Für Motorradfahrer ideal direkt an der Passtrasse gelegen, ist das Hotel auch ein guter Tipp bezüglich Essen/Übernachten. Café/Gipfeli werden schnell (und sehr nett) von der Wirtin serviert, und ich strecke gemütlich meine langen Beine unter dem Tisch aus. Doch die Ruhe währt nicht lange. Erste Töfffahrer kommen an, stampfen herein und beginnen grosse Reden zu halten und herumzufluchen. Der eine plagiert, wie er letztes Mal mit 100 km/h über den Albula gedonnert sei, der andere putzt eine Mitfahrerin machomässig herunter, indem er ihr mit grossartiger Geste erklärt, ihr Töff "sei dann im Fall gar kein richtiger Töff". Und weg bin ich....
Der Porschefahrer
Ob Preda mache ich am See Palpuognasee einen kurzen Halt - hier entspringt die Albula. Ich will gerade meinen Fotoapparat zücken, als mich ein dunkles, zorninges Röhren aufschreckt. Was zum Geier ist da los? Es tönt gerade so, als würde einer seinen Automotor zu Tode quälen. Und dann kommen sie auch schon um die Kurve: Vorneweg ein alter, weisser Subaru, dahinter ein neuer, furchtbar teurer Porsche. Am Steuer des Subarus ein älterer Herr, konzentriert die Bergstrasse in mittlerem Tempo befahrend. Am Steuer des Porsches ein ebenfalls älterer Herr, der seiner um 20 Jahre jüngeren Partnerin gerne gezeigt hätte, was für ein toller Hecht er doch sei. Das aber geht nicht bei Tempo 50. Darum will er vorbei, darum hat er den Porsche in den zweiten Gang heruntergeprügelt.
Darum röhrt der Porsche wie ein waidwunder Hirsch. Warum der Porsche nicht vorbeikommt? Gegenverkehr? Keine Spur? Kurven? Auf der Strecken auch kaum vorhanden. Nein, des Porsches Problem ist die Fahrbahnbreite. Ungefähr 4.50-5.00 Meter ist die Albulastrasse an dieser Stelle breit. Und der Porschefahrer kommt nur vorbei, wenn er alles riskiert und den teuren Porsche beim Überholen um Haaresbreite an der Grasnarbe vorbeijagt. Doch das getraut er sich nicht, warum er kilometerlang im zweiten Gang hinter dem Subaru herkriecht. Jaja...die Autofahrer....wir Töffahrer können es da viel gelassener angehen.
Albulapass
Weiter gehts, die Landschaft wird immer offener, urtümlicher. Etwa drei Kilometer vor dem Pass ist die Baumgrenze erreicht, danach klammern sich nur noch ein paar genügsame Arven an die steilen Berghänge. Dieser Abschnitt ist landschaftlich besonders reizvoll - wer hier hochrast, verpasst einiges. Den Pass erreicht man übrigens, von Norden herkommend, ziemlich unversehens. Zack - steht da auch schon das kleine Passrestaurant. Ob die Beiz was taugt, kann ich euch leider auch nicht sagen - ich habe da immer nur für ein Foto gehalten.
Richtung Engadin
Der erste Abschnitt Richtung Engadin ist nicht besonders einladend: steile Berghänge, die voll Geröll sind und hässliche Strommasten prägen die Landschaft. Doch dann, nach rund drei Kilometern Fahrt, wird die Landschaft offener, man sieht schon die Bergspitzen der Engadiner Südalpen und meistens wird es auch merklich wärmer. Zwar ist die Strasse nun zumeist etwas schneller, die Kurven kaum mehr der Rede wert - aber ich mag dieses offene Cruising Richtung Süden....
La Punt
Vor unserem Endziel in La Punt-Chamues-ch (die Bahn fährt übrigens ins grössere Nachbarort Bever) schliessen sich noch ein paar hübsche, erstaunlich breite Haarnadelkurven an. Es ist nun schätzungsweise mindestens schon fünf Grad wärmer als in Filisur - und auch der Ausblick auf die Ebene bei La Punt und den weiss-blauen Inn ist erhebend. Ein letzter Halt...dann trudle ich in La Punt ein. Auch das Dorf La Punt weiss mit ein paar hübschen Häusern aufzuwarten - vor allem aber stehe ich nun vor dem wilden Inn, dessen eiskaltes Wasser Richtung Donau strömt. Tausende von Kilometern später wird dieses Wasser schliesslich ins Schwarze Meer strömen. Mich ziehts jedoch in die andere Richtung....zum Maloja und zum Julier.
Kurzinfos:
Max. Passhöhe: 2312 Meter
Länge: rund 33 Kilometer
Wintersperre: November bis Ende Mai
Gastrotipp
Ein schöner Töffstop lässt ich im Hotel Preda Kulm einlegen. Daneben gibt es natürlich Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten in Filisur, Bergün, La Punt und Bever.
Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Die Strecke ist nicht besonders schwierig zu meistern. Zwei kleine Einschränkungen gibt es aber: erstens einmal ist der Fahrbahnbelag im Bereich Preda-Bergün ziemlich schlecht, zum anderen hat es auf der Nordseite zum Teil keinen Mittelstreifen. Bei wenig Verkehr ist das kein Problem, bei viel Verkehr fühlen sich Töff-Anfänger vielleicht aber etwas unwohl..
Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Nix zum Racern. Reiner Natur-Staune-Pass. Viel zu eng, Fahrbahnbelag teilweise schlecht. Wer schnell fahren will, nimmt besser den Julier.
Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Die Schönheiten des Albulas sind auf den ersten Blick nicht offenbar. So ist beispielsweise das schöne Seelein Palpuogna nur richtig sichtbar, wenn man einen kurze Rast einlegt (noch besser ein Picknick am See - verbunden mit einer dreiminütigen Wanderung).
Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 5.3
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