Auf Achse
Pässefahren: Ofenpass
01.02.2008 00:00
Der Ofenpass verbindet das Engadin mit dem Val Müstair und führt mitten durch den Schweizer Nationalpark. Für Töff-Fahrer ist dies ein Traumroute: viele hübsche Kurven, intakte Natur, gute Gastronomie.

Blick in den Schweizer Nationalpark. Die Strasse von Zernez nach Müstair führt mitten durch die wunderschöne Landschaft.
Wir wollen unsere kleine Tour in Zernez beginnen...denn die Töfffahrt Richtung Süden ist reizvoller als die in umgekehrter Richtung.
Zernez
Zernez selbst (Karte dazu) kann gut als Übernachtungsplatz auf längeren Töfftouren gebraucht werden - es liegt verkehrstechnisch günstig und die Preise sind sehr moderat (bsp. im Vergleich zu St.Moritz etc). Und vergesst nicht zu tanken: die nächste ständig bediente Tankstelle liegt vielleicht nicht gerade am Weg - aber Eingangs Zernez hat es eine gute Tankstelle.
Schloss Wildberg
Am Ortsausgang sticht ein massiver, vierreckiger Turm ist Auge. Es ist das Schloss Wildenberg. Erste Erwähnung fand die Anlage in den Chroniken schon um 1280 n. Chr - schon die damaligen Bewohner des Engdins wussten also um die Bedeutung des Ofenpasses. Später wurde das Schloss dann Sitz der einflussreichen Familie Planta.
Gleich hinter Zernez steigt die Strasse Richtung Ofenpass mächtig an - Velofahrer dürften das wohl fluchend zur Kenntnis nehmen, doch mit dem Töff ist das natürlich mit ein paar wenigen Gasstössen erledigt. Vorsicht im Bereich der Gallerien! Anscheinend kommt es innerhalb der Gallerie immer wieder zu schweren Unfällen. Ursache könnten die schnell wechselnden Lichtverhältnisse sein...in Kombination mit eingebauten Kurven in den Gallerien.
Die Strasse schraubt sich rasch in die Höhe, und man muss sich richtiggehend zwingen, den Töff auszustellen, um einen Blick in die Runde zu tun. Doch ein Halt lohnt sich auf jeden Fall. Lärchen, Föhren, Arven...stahlblauer Himmel und "heile Bergwelt" gibt es zu erleben.
Vegetation
Vor allem die Vegation im und um den Nationalpark herum ist wunderschön (von der Tierwelt werdet ihr wohl in Strassennähe nicht viel zu sehen bekommen). Aber im Nationalpark werdet ihr mächtigen, zum Teil wohl längst toter Bäume begegnen. Da niemand den Wald bewirtschaftet, kann sich so viel Totholz ansammeln. Das gibt wiederum in Kombination mit noch wachsenden Bäumen einem das Gefül, in einem der letzten Naturreservate der Schweiz zu stehen.
Mit lautem Getöse und im Schneckentempo knattert derweilen an mir eine uralt-Norton vorbei. Zwei Persoen sitzen darauf, die arme Norton ist komplett vollgepackt mit allerlei Campingutensilien. Ein Blick aufs Nummernschild der Norton lässt mich stauen: "BC Beautiful British Columbia" steht da drauf. Holla...da ist er aber von weit hergekommen. Nun ja, das Val Müstair, der Ofenpass und der Nationalpark sind ja weitum berühmt....
Ova Spin
Bald ist die erste Anhöhe bei Ova Spin erreicht. Als ich diese Anhöhe vor vielen Jahren zum ersten Mal erreichte, meinte ich damals vermeintlich, ich sei jetzt schon auf dem Ofenpass. Denn nach der Ova Spin-Anhöhe geht es erstmals wieder bergab. Hier fährt ihr ins Gebiet des grossen Schweizer Nationalparkes ein.
Schweizer Nationalpark
Der Schweizer Nationalpark wurde schon 1914 gegründet und war der erste seiner Art in Mitteleuropa. Mit 172 Quadratkilometer ist er auch heute noch der grösste (logisch, weil auch einzige) Nationalpark der Schweiz. Es ist ein Park der Kategorie I (höchste Schutzklasse, Wildnisgebiet). Folglich darf nicht gebaut werden, es darf nichts gepflückt und logo auch nicht gejagt werden. Das Wild des Engadins weiss das übrigens gut auszunützen. Die Engadiner Jäger erzählen einem nämlich, dass pünktlich auf den ersten Schuss im Herbst Hunderte von Hirsche, Rehe, Gemse etc sich alle ins Gebiet des Nationalparkes verschieben...irgendwie kapieren die Viecherl also, dass sie im Nationalpark sicher sind.
Foto: Zuweilen mutet der Nationalpark wie die Bergwelt in den Rocky Mountains an.
Extreme Trockenheit
Einzigartig aber ist der Park aus einem ganz anderen Grund: aufgrund der mächtigen Gebirgsgruppen, die das Gebiet des Nationalparks (und auch das Val Müstair) wirksam gegen die Kapriolen des Wettergottes abschirmen, herrscht grosse Trockenheit. Folge: starke Temperaturschwankungen, errodierte Böden, an die Trockenheit angepasste Vegetation. Nirgends in der Schweiz (gewisse Gebiete im Wallis einmal ausgenommen) ist es so trocken wie im Schweizer Nationalpark).
Kaum Humus
Würden hier Menschen dauerhaft leben, hätten sie also nicht nur ein Problem mit dem Frischwasser, sondern auch mit den Böden. Denn dieser hat nur eine dünne Humusschicht. Trifft nun einmal viel Wasser auf den Boden (Ausnahmeregen), schwemmt es den Untergrund blitzschnell davon - der Boden kann das Wasser einfach nicht speichern.
Des einen Freud, des anderen Leid. Bäume wie die Lärche lieben diese trockenen Böden und die vielen Sonnenstunden. Und darum ist der Ofenpass gerade im Herbst ein absoluter Genuss: diese Farbenpracht!
Am länglichen Stausee geht es weiter in Richtung Ofenpass. Auf beiden Seiten werden die Berge nun immer massiver.. und ein Blick durchs Teleobjektiv zeigt, dass die Berge hier im Laufe der Erdgeschichte irgendwann einmal stark zusammengefaltet wurden.
Der Verkehr hat zugenommen. Velöler, Wanderer am Strassenrand, Töfffahrer, Cabriolets...alle wollen sich ein Stück vom Nationalpark abschneiden. Darum unser Rat: wer die Ofenpass-Strasse wirklich einmal geniessen will, komme während der Woche und auf keinen Fall am Wochenende! Der Strassenbelag hingegen ist grösstenteils gut, die Kurven vermögen selbst einem versierten Motorradfahrer ein breites Grinsen aufs Gesicht zu zaubern....aber eben, der Verkehr...
Strasse nach Livigno
Ein Teil biegt glücklicherweise auf halbem Weg in Richtung Livigno ab. Hier das Foto von der Zollstelle, bevor es in den Tunnel hineingeht. Livigno war früher ein richtiges Paradies zum Einkaufen...aber seit die EU-Preise so gestiegen sind (oder ist unser Franken einfach immer weniger wert?) hat Livigno viel von seinem Reiz eingebüsst. Wer sich Livigno trotzdem anssehen will, muss eine gewisse Wartezeit in Kauf nehmen....der Tunnel wird jeweils nur von einer Seite befahren.
Il Fuorn
Bei il Fuorn solltet ihr unbedingt eine kleine Pause einlegen. Es gibt dort Infos zum Nationalpark und das Hotel il Fuorn (oder auch Hotel parc naziunal) zu bestaunen. Es wurde in den Chroniken schon 1490 n. Chr. erwähnt und war später vielen Bergarbeitern Herberge. Denn von dieser Stelle leitet sich der Name des Ofenpasses ab: "il fuorn" - Schmelzofen. In dieser Gegend gab es nämlich damals viele Erze, die ausgebeutet und vor Ort verhüttet wurden. Um die Feuer der Schmelzöfen am Brennen zu halten, wurde die Natur bedenkenlos ausgebeutet und wohl Tausende von Bäume gefällt und verbrannt. Der Ofenpass muss im späten Mittelalter also schrecklich ausgesehen haben...
Hotel Parc Naziunal
Das Hotel ist absolut sehenswert. Ideal um gut zu Essen, zu Übernachten...oder nur einen kleinen "Amici caffe" zu trinken. Das Innere ist sehr rustikal und mit schönem Holz ausgestattet. Hier ein Foto aus der grossen Gaststube. Oder lieber Speisen im Séparé? Gustl Beaujolais persönlich offeriert einem den Wein und die Eichhörnchen begaffen einem von den Wänden. Dass es im Nationalpark kapitale Steinböcke gibt, zeigt dieses Foto. Nach einer halben Stunde geht's weiter, die Bandit wird gesattelt...weiter Richtung Süden gehts.
Buffalora
Bei Buffalora kreuzen mächtige Flussbette die Strasse...hier zeigt, wie brutal die Flüsse im Nationalpark reissen können, wenn sie einmal richtig Wasser bekommen. Die Ebene bei Buffalora wäre übrigens auch idealer Startpunkt für eine Wanderung, viele Wanderwege beginnen hier.
Bei Buffalora gibt es übrigens auch noch eine der geradesten Strassen der Schweiz zu bestaunen...schnurgerade durch die Wildnis hindurch. Als wäre man wirklich im kanadischen Alberta! Die Strecke ist logischerweise auch super geeignet um halbe Karawanen (Reisebusse etc) zu überholen. Hinweis: wenn ihr von Zernez her kommt, ist ein Strassenbuckel nicht einzusehen. Sollte sich also ein sehr langsames Fahrzeug gerade dort in der Senke befinden, wenn ihr überholt, dann...
Ofenpass
Und dann ist da, der Ofenpass. Uh..viel Volk hier....Ausflügler, Rentner, Töfffahrer, Wandervögel....gottlob hat es einen guten Bikerparkplatz. Und in der Beiz findet sich immer einer für ein "Benzingespräch".
Münstertal
Wem einem solchen Gespräch nichts abgewinnen kann, geniesst die Natur. Oder den Ausblick aufs Münstertal. Oder er geht sich etwas die Beine vertreten. Gleich hinter dem Passrestaurant beginnen zahlreiche Wanderwege. Auch auf der anderen Hangseite lässt es sich übrigens gut Wandern. Auf dem Ofenpass wurde übrigens vor kurzem das grösste Lebewesen der Erde entdeckt: ein Pilz names Hallimaschklon. Auf Wikipedia heisst es dazu: "Der grösste Hallimaschklon (auch A. ostoyae) Europas wurde 2004 in der Schweiz beim Ofenpass entdeckt. Er ist im Durchmesser 500 bis 800 Meter gross, bedeckt eine Fläche von 35 Hektare und ist etwa 1000 Jahre alt." Hm...muss ja ein Unding sein...und daraus liesse sich bestimmt eine feine Pilzsuppe machen...leider ist von dem Giga-Fungus nicht die Spur zu sehen.
Tschierv
Heiss ist es inzwischen geworden, die Sonne sticht unbarmherzig hernieder. Hinuter gehts. Zack-zack...wunderbar! Hoppla...die eine oder andere Kurve schliesst enger, als es offenbar auf den ersten Blick den Anschein hatte. Tschierv ist so schnell erreicht. Prächtige Wiesen bereiten sich vor mir aus.
Lü
Es ist Mittag, Restaurantzeit. Es gäbe da mehrere Ortschaften und Möglichkeiten: Fuldera, Valchava, Santa Maria. Doch ich entscheide mich für ein winziges Kaff: Lü. 62 Einwohner hat das schöngelegene Dorf (auf einer Sonnenterassee, die Fahrt dorthin ist ein schöner Genuss). So klein die Gemeinde ist, so gross ist ihr Ruf: sie hat Alt-Bundesrat und SVP-Stratege Christoph Blocher zum Ehrenbürger ernannt...und irgendwie erinnere ich mich auch an eine Geschichte, dass Lü einen Abstimmungsrekord halten soll: von nirgendwoher sollen so viele "Nein"-Stimmen kommen wie aus Lü. Anyway....mit Politik habe ich jetzt nichts am Hut, aber Hunger habe ich. Aha...da gibt es Zimmer. Gibt es auch etwas zu Essen? Gibt es. Zumindestens Apfelstrudel.
"Holzmaschgeren" begrüssen mich. Dann der Wirt. "Er erwarte zwar ein ganze Busladung an Rentner....aber ich könne mich schon noch irgendwohin setzen, er wolle mir schon noch was machen." Und tatsächlich, zehn Minuten später gibts feinen Schinken mit Kartoffelsalat. Und so abgeschieden wie Lü zuerst anmutet ist es gar nicht. Auch das Internet hat hier schon Einzug gefunden. Allerdings zu horrenden Preisen. Danach kommen drei deutsche Mountainbiker mit ihren teuren Hochleistungsbikes an. Der erste Biker zum Wirt: "Ist bei Ihnen offen?" Wirt: "Dänkä scho." Biker: "Müssen wir hier die Velos abschliessen?" Der Wirt schnappt nach Luft und meint kopfschüttelnd: "Dänkä nei..."
Wie auch immer: Lü ist auf jeden Fall ein Besuch wert....
Tipps zum Weiterfahren:
- Umbraipass/Stilfser Joch
- Vinschgau
- Kloster von Santa Maria (Unesco Weltkulturerbe - siehe Link)
Kurzinfos:
Max. Passhöhe: 2149 Meter
Länge: rund 35 Kilometer
Wintersperre: keine, kann aber bei schweren Schneefällen geschlossen werden.
Gastrotipp
Hotel Parc Naziunal, Nationalpark (siehe Link). Lage? Hier klicken
Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger:
Leicht - Mittel
Empfohlene Fahrtrichtung:
Von Zernez Richtung Val Müstair
Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer:
Never am Wee-end! Viel zu viel Ausflugsverkehr. Doch aufgrund des Nationalparks ist Racen sowieso nicht angesagt. Fahrtechnisch interessant ist die Strecke zwischen Ofa Spin und der Abzweigung nach Livigno und kurz vor dem Ofenpass. Obacht! Der Blutzoll am Ofenpass ist recht hoch (vermutlich aufgrund der zum Teil etwas unübersichtlichen Kurven)
Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor:
Eine Fahrt durch den Schweizer Nationalpark ist ein abslutes Highlight. Natur in ihrer reinsten Form....allerdings kann das Ganze mit viel Verkehr zum ziemlichen Albtraum werden.
Passrating total: (Note Maximum: 6 Punkte, Miniumum: 1 Punkt)
Note 5.6




































