Test und Technik
Fahrbericht: BMW F 650 GS
06.03.2008 00:00
Testbericht: Die Bayern haben ihre als Einsteigermotorrad beliebte F 650 GS durch eine neue 800er-Zweizylinder-Mittelklasse-Enduro ersetzt. Sie ist stärker und dennoch einfacher zu fahren das ist Fortschritt! Text: Tobias Kloetzli Bilder: Arnold Debus

Ideal für Ausflüge, für Fahrten in die Stadt und übers Land: die neue BMW F 650 GS. Nur auf das Meer, auf das müssen wir in der Schweiz leider verzichten...
BMW GS
GS steht bei BMW für Geländsport (heute eher für Gelände/Strasse), und die GS-Modellreihe ist das wohl wichtigste Standbein der Bayern. Der Offroad-Boxer, die BMW-Erfolgsmaschine schlechthin, wurde mit den Jahren aber immer grösser und schwerer.
F 650 - F 650 GS - G 650 Xcountry
So wurde in München vor 15 Jahren mit der F 650 ein neues Kapitel in der BMW-Geschichte aufgeschlagen. «Funduro» wurde der Einzylinder damals genannt und später auch in einer geländegängigeren Version als F 650 GS gebaut. Die 650 wurde einst speziell als Alltags- und Einsteiger-Motorrad sehr geschätzt, ist mittlerweile aber in die Jahre gekommen. 2007 stellte BMW eine neue Einzylinderreihe vor und brachte mit der G 650 Xcountry (Story dazu hier lesen) ein leichteres, einsteigertaugliches Einzylindermotorrad. Damals wurde aber ausdrücklich betont, dass die G 650 als Erweiterung der Palette zu sehen sei und nicht die bisherige F 650 ersetze. Achselzuckend nahmen wir dies damals zur Kenntnis.
Würdige Ablösung
Heute verstehen wir die Geschichte, denn BMW hat soeben die neuste F 650 GS präsentiert eine würdige Ablösung. Sie nennt sich in Anlehnung an ihre Vorgängerin weiterhin F 650, ist aber eine 800er mit gut 20 PS mehr Leistung. «Vorbei ists mit der Einsteiger-Enduro», könnte man meinen, doch die erstarkte, moderne, kleine GS kann alles noch besser. Sie ist leistungsstärker, aber trotzdem einfacher und unkomplizierter zu fahren und mit 199 kg voll getankt nur gerade 6 kg schwerer als ihre schwächere Vorgängerin. Die Neue hat das Zeug dazu, bei Einsteigern, Absteigern und Umsteigern zum Renner zu werden und Motorradfahrerinnen mitten ins Herz zu treffen. Aber eins nach dem anderen: Beginnen wir bei der Technik.
Neues Konzept
In der F 650 schlägt nicht mehr ein Einzylinder, sondern der 798 ccm grosse Parallel-Twin aus der F 800 S (Hier lesen: Fahrbericht F 800 ST). Er wurde für die GS den Bedürfnissen angepasst und mittels anderer Nockenwellen entschärft. In der F 650 GS arbeitet er mit geänderten Steuerzeiten und geringerem Ventilhub. So hat der Einspritzmotor statt 85 PS nur noch 71 Pferde am Start. Die Spitzenleistung wurde zugunsten von geschmeidigerer Kraftentfaltung und unproblematischer Beherrschbarkeit eingebremst. Daneben sitzt derselbe Motor noch in der neuen F 800 GS, die stärker, edler und mit längeren Federwegen auch offroadtauglicher ausgelegt ist.
Rahmen: völlige Neukonstruktion
Der Rahmen der beiden GS-Modelle ist eine absolute Neukonstruktion. Während der DOHC-Motor bei den beiden F 800-Strassenmodellen «S» und «ST» in einem Alu-Brückenrahmen verschraubt ist, konstruierte BMW für die Enduros einen Gitterrohrrahmen aus Stahl. Um Platz für längere Federwege beziehungsweise das einfedernde Vorderrad zu schaffen und eine optimale Gewichtsverteilung zu gewährleisten, stehen die Zylinder nun deutlich steiler, sind statt 30 % also nur noch 8 % nach vorne geneigt. Dafür bedurfte es diverser Änderungen am Motorgehäuse. Zudem erhielt der 800er einen schlankeren Kupplungsdeckel und Verstärkungen im Bereich der Rahmenanbindung. Der Zweizylinder übernimmt auch im Gitterrohrrahmen eine tragende Funktion.
Benzin unter der Sitzbank
Wie beim bisherigen Einzylinder, aber auch bei den übrigen F-800-Modellen ist der Benzintank schwerpunktgünstig unter der Sitzbank positioniert und wird über einen seitlichen Einfüllstutzen betankt.
Einsteigerfreundlich
Die Einsteigerfreundlichkeit der F 650 GS, die ohne Aufpreis auch als 34-PS-Version erhältlich ist, beginnt bereits beim Aufsitzen, denn dank der Sitzhöhe von lediglich 820 mm und einer nicht übermässig breiten Sitzbank haben auch Fahrer unter 170 cm einen sicheren Stand am Boden und können die kleine GS optimal rangieren. Wenns noch etwas tiefer sein soll, kann die Einsteiger-Enduro ebenfalls ohne Aufpreis mit einer 30 mm niedrigeren Sitzbank bestellt werden.
Sitzposition
Beinahe aufrecht sitzt der Fahrer bequem hinter dem breiten Stahllenker, geniesst den Überblick und hat alles im Griff. Die Handhebel lassen sich der Handgrösse entsprechend einstellen, die zentralen Tacho- und Drehzahlmesser-Rundinstrumente sind gut ablesbar, ebenso die Digitalanzeigen für Wassertemperatur, Benzinstand, Uhrzeit und wahlweise per Knopfdruck am Lenker die Anzeige für Umgebungstemperatur, Reichweite, aktuellen Verbrauch, Durchschnittsverbrauch und -geschwindigkeit oder die zwei Tageskilometerzähler.
Kultivierter Zweizylinder
Per Knopfdruck erwacht der Parallel-Twin zum Leben und äussert sich sogleich mit faszinierender, aber nicht aufdringlicher Geräuschkulisse. Die ist jener des Boxermotors zum Verwechseln ähnlich. Grund dafür ist die gleichmässige Zündfolge von 360°. Beide Kolben laufen parallel im Gleichschritt hoch und runter und werden nach dem Viertaktprinzip abwechslungsweise befeuert. Ein Ausgleichspleuel, welches gleichzeitig in die Gegenrichtung der Kolben läuft, sorgt für den Massenausgleich und unterdrückt so Vibrationen weitgehend. Tatsächlich sind Vibrationen kaum spürbar und nie störend.
Foto: Auch einem leichteren Kurvenwetzen steht nichts im Wege
Gasannahme des Motors
Der Zweizylinder zeigt sich sehr kultiviert, nimmt nicht zuletzt dank der gleichmässigen Zündfolge bereits unterhalb von 2000/min sauber Gas an und glänzt mit gutem Durchzug. Zwischen 3000 und 7000/min sind stets 70 der maximalen 75 Nm Drehmoment abrufbar. So verwöhnt die F 650 mit 800er-Motor mit einem breiten nutzbaren Drehzahlband. Das heisst, sie ist sehr schaltfaul fahrbar. Auch innerorts kann im fünften oder sechsten Gang gefahren werden, bei Schweizer Autobahntempi stehen jedoch nur knapp 4000/min an.
Foto: BMW F 650 GS in Südafrika
Lineare Leistungsentfaltung
Wers sportlicher will, nutzt vorzugsweise den Drehzahlbereich zwischen 4000 und 7000/min und wird dort auf Wunsch mit begeisterndem Druck bis auf 190 km/h gefeuert. Die Leistungsentfaltung ist ausgesprochen linear und gut berechenbar. Der Motor drückt maximal 71 PS bei 7000/min ab, dreht aber mit kaum nachlassender Leistung bis 8500 weiter. Auch das Ansprechverhalten ist gutmütig, die Mittelklasse-Enduro geht sehr sanft ans Gas.
Flink und stabil
Mit ihrem vergleichsweise geringen Gewicht sowie dem zentral und niedrig positionierten Tank gibt sich die kleine GS handlich. Im Kurvenlabyrinth lässt sie sich ohne viel Kraftaufwand abwinkeln, selbst Kurvenwechsel gehen leicht von der Hand. Trotzdem kommt nie Nervosität auf.
Komfortable Fahrwerksabstimmung
Spurstabil folgt sie der gewählten Linie, lässt aber dennoch jederzeit Korrekturen zu. Selbst auf Bodenwellen oder bei Bremsmanövern in Schräglage reagiert sie kaum mit Aufstellmoment. Unruhe in der Front oder gar Lenkerschlagen sind ihr auch bei beherztem Angasen fremd. Die Fahrwerksabstimmung ist zwar auf der straffen Seite, aber dennoch nicht unkomfortabel. Es entsteht ein gutes Gefühl für die Haftgrenze. Die Federbasis des Stossdämpfers lässt sich mittels Handrad perfekt für den Soziusbetrieb anpassen.
Ankern mit ABS
Die F 650 GS verfügt vorne lediglich über eine einzelne, allerdings 300 mm grosse Bremsscheibe, an welcher die Brembo-Doppelkolbenzange ordentlich zupackt. Die Bremsanlage glänzt mit guter Verzögerung bei ausgezeichneter Dosierbarkeit, ohne übermässigen Kraftaufwand zu verlangen. Im Grenzbereich regelt das serienmässige ABS die Feindosierung.
Vielseitiger Allrounder
Die neue 800er-GS ist mit ihrem Design klar als kleine Schwester der Bestseller-GS zu erkennen. Sie ist ein vollwertiges, unkompliziertes und begeisterndes Motorrad, das sehr vielseitig einsetzbar ist: Vom engagierten Feierabendausflug über den Alltagsgebrauch bis zur grossen Reise zu zweit setzt sie kaum Grenzen. Selbst im leichten Gelände machte sie auf der Probefahrt nicht zuletzt dank der guten Dosierbarkeit und des feinen Ansprechens des Motors noch eine gute Figur.
Foto: Mit Koffern ideal auch für die längere Reise
Stadtverkehr etc
Im Stadtverkehr oder auch bei langsamen Manövern sind das geringe Gewicht, der enge Wendekreis und die gut dosierbare, leichtgängige Kupplung ein grosser Vorteil. Damit empfiehlt sich die F 650 GS auch für Einsteiger. Mit ihrer vollständigen Ausstattung inklusive ABS und Bordcomputer, aber auch mit einem vertrauenerweckenden Handling und dem gutmütigen, drehmomentstarken Motor ist sie zu einem Preis von Fr. 12'300. ein sehr interessantes Angebot.
Fazit
Die neue F 650 GS ist ein überzeugendes, vielseitiges und bequemes Motorrad, das mit seiner Problemlosigkeit und der moderaten Sitzhöhe für Einsteiger und Routiniers empfehlenswert ist. Sie glänzt mit kultiviertem, drehmomentstarkem Motor mit guter Dosierbarkeit sowie leichtem Handling und sicherer Kurvenlage. Sie hat also in allen Belangen zugelegt.
Auf einen Blick
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 4 Punkte |
| Auf grosser Tour | 4 Punkte |
| Sportlich fahren | 3 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | 4 Punkte |
| Emotionen | 2 Punkte |
Technische Daten BMW F 650 GS
Motor
| Bauart | Flüssigkeitsgekühlter Reihen-Zweizylinder-Viertakter. 360°-Zündversatz. Vibrationsausgleich durch Gegenläufer-Pleuel. |
| Ventilsteuerung | Zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen (DOHC) betätigen über Schlepphebel vier Ventile pro Zylinder. |
| Bohrung x Hub | 82 × 75,6 mm |
| Hubraum | 798 ccm |
| Verdichtung | 12:1 |
| Gemischaufbereitung | Digitales Motormanagement und Saugrohr-Benzineinspritzung (Dosierung über Einspritzdauer und -druck). Digitale Kennfeldzündung. |
| Drosselklappen-Durchmesser | 46 mm |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | k.A |
| Schmierung | Semi-Trockensumpfschmierung |
| Auspuffanlage | 2-in-1-Auspuffanlage aus Edelstahl. Geregelter 3-Wege-Katalysator. |
| Starter | E-Starter. |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 71 PS (52 kW) bei 7000/min |
| Max. Drehmoment | 7,6 mkg (75 Nm) bei 4500/min |
| V-max. | k.A |
Kraftübertragung
| Kupplung | Gerade verzahnter Primärtrieb. Über Seilzug betätigte Mehrscheibenkupplung im Ölbad |
| Gänge | Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe. |
| Endantrieb | Endantrieb rechts über Dichtringkette. |
Fahrwerk
| Rahmen | Stahl-Gitterrohrrahmen, Motor mittragend. Angeschraubtes Stahlrohr-Rahmenheck. |
| Federung vorne | Vorn nicht einstellbare, konventionelle Telegabel. |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | 43 mm |
| Federung hinten | Hinten Zweiarmschwinge aus Aluminium, direkt angelenktes Zentralfederbein, in Federbasis und Auswärtsdämpfung einstellbar |
| Federweg vorn/hinten | 180 mm / 170 mm |
Räder
| Rädertyp | Gussräder aus Leichtmetall. Schlauchlose Radialreifen Bridgestone Battle Wing. |
| Felgendimension vorn | 2.50×19 |
| Felgendimension hinten | 3.50×17 |
| Reifendimension vorn | 110/80 R 19 |
| Reifendimension hinten | 140/80 R 17 |
Bremsen
| Bremse vorn | Brembo, vorn gelochte, fix montierte Stahlscheibe(300 mm9 mit Doppelkolben-Schwimmsattelzange. |
| Bremse hinten | Hinten fix montierte Stahlscheibe (260 mm) mit Einkolben-Schwimmsattelzange. |
| ABS | ja, Serie |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1575 mm |
| Lenkkopfwinkel | 64° |
| Nachlauf | 97 mm |
| Trockengewicht | 179 kg; Leergewicht fahrfertig voll getankt 199 kg |
| Sitzhöhe | 820 mm |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 16 l |
Farben
| Blau | |
| Rot | |
| Silber | |
| x | |
| x |
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | Preis Fr. 12'300., inkl. MwSt. und NK. |
| Erstmöglicher Liefertermin | Lieferbar ab Mitte März |
| Import über | BMW Motorrad Schweiz, 8157 Dielsdorf Tel. 0844 260 260 (oder siehe Link) |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung | Ohne Aufpreis auch mit 25 kW/34 PS erhältlich |
Ausstattung
| Hauptständer an Bord? | ja, Serie |
| Seitenkoffer serienmässig? | nein, Aufpreis |
| Topcase serienmässig? | nein, Aufpreis |
| Gepäckhacken | k.A |
| Windschutzscheibe verstellbar? | k.A |
| Elektrische Leuchtweitenverstellung? | nein |
| Blinkerglas weiss | 50 Franken extra |
| Tieferlegung Fahrwerk | ja, 90 Franken extra |
| Heizgriffe | 290 Franken extra |
| Beheizbare Sitzbank | nein |
| Sitzbankhöhe verstellbar | ja, ohne Aufpreis |
| Lenkerverstellung | k.A |
| Reifendruckkontrolle | 300 Franken extra |
| Wegfahrsperre | k.A |
| Alarmanlage | 300 Franken extra |
| Soziusabdeckung | nein |
| Bordsteckdose | k.A |
| Bordcomputer | 220 Franken extra |
| Tempomat | nein |
| Audiosystem | nein |




































