Test und Technik
Fahrbericht: KTMs erstes Superbike
17.03.2008 00:00
Mit der 1190 RC8 stellt KTM erstmals eine reinrassige Strassensport-Serienmaschine auf die Räder. Der mächtige V-Twin überzeugt ebenso wie die Ergonomie auf Strasse wie Rennstrecke. Der Angriff auf die Ducati-Domäne sitzt präzise! Text: Markus Schmid Bilder: Buenos Dias, Herwig Peuker

Gemacht für die Rennstrecke, lässt sich die neue KTM RC8 aber auch prima über die Landstrasse pilotieren.
Das kehlige Knurren des 75-Grad-V2 hallt von den weissgetünchten Mauern des andalusischen Bergdorfes in der Serranìa de Ronda zurück unter den Helm. Jetzt die letzten Häuser, zweiter Gang, ein Dreh am Gasgriff und die RC8 spuckt dich hinaus auf die kurvige Gasse, die den Höhenlinien folgt. Links die schroffe Felswand, rechts hinter der Bruchsteinmauer der gähnende Abgrund, dazwischen das dank Euro-Subventionsschwemme makellose, griffige Asphaltband.
Rrroooop, rrroooop, rrroooop, mit drei Gasstössen und zwei entschlossenen Zügen der linken Zehenspitze am Schalthebel swingst du im Vierten mit gut 4000/min von Kurve zu Kurve. Einmal richtig eingerastet sitzen die Gänge bombensicher, wer aber den Gang unpräzise «inejuflet» riskiert, dass er auch mal zwischen den Gängen Eins und Zwei oder Vier und Fünf ohne Kraftschluss in einem Leerlauf rumrollt. Das Problem ist bei KTM bekannt, und man arbeitet an der Lösung.
Motor: für Renneinsatz gebaut
Der flüssigkeitsgekühlte Kurzhubmotor poltert, pulsiert und lebt, gibt sich deutlich rauer als der bekannte 990er-V2 von KTM. Eine logische Folge der grösseren Einzelhubräume einerseits, aber auch der robusteren Bauweise. Schliesslich müssen die Innereien bei späteren Renneinsätzen Leistungen bis an die 200-PS-Grenze und darüber vertragen. Insofern ist der Name Programm: RC 8 heisst nämlich «Road Competition 8 Valve», Strassenrennsport-Achtventiler.
Foto: erstes Designfoto zur RC8
Bei 7000/min vibrieren die Spiegel
Trotzdem, unangenehm werden die Vibrationen nie. Nur ab 7000/min gibts dann in den Spiegeln mit den integrierten Blinkern trotz grossem Gesichtsfeld und weitem Einstellbereich nichts mehr zu sehen, die Welt hinter dir verschwimmt. Das gilt auch für die winzige Skalierung des Drehzahlmessers, der als Balkengrafik im grossen und ansonsten mustergültig übersichtlichen und erstaunlicherweise blendfreien Kombiinstrument integriert ist. Aber ansonsten ist alles mustergültig einfach und klar ausgeführt, Kontrollleuchten, Bedienungstasten, Schalter, die per Schraube einstellbaren Brembo-Handhebel an den 45-Grad-Radial-Armaturen, alles liegt optimal zur Hand.
Tolle Sitzposition
Überhaupt verdient die Ergonomie besondere Erwähnung. So betont kantig-spitz-provokativ das Kiska-Design dieser KTM auch rüberkommt, so erstaunt ist man, dass die Sitzposition bestens passt. Keine Kante drückt, der Knieschluss ist dank des schmalen Motors perfekt, und obwohl das Heck wie ein Dreikant weit in den Himmel ragt, während gleichzeitig die Verkleidungsnase wie bei einem Stealth-Bomber direkt in den Asphalt zu stechen scheint, sitzt man auf der RC8 aufrechter und mit weniger Druck auf den Handgelenken als auf jedem aktuellen Vierzylinder-Superbike.
Foto: Mit Daumen- und Zeigefinger-Paddeln lässt sich das Cockpit-Display bedienen.
Sitzkomfort
Dies, obwohl die Distanz von Sitzbanknase zu den Alu-Lenkerhälften laut Designer Gerald Kiska 20 mm länger ausfällt als bei diesen, und nur 10 mm kürzer ist als bei der Ducati 1098, an der sich die Österreicher erklärtermassen messen. Und sie setzen in Sachen Sitzkomfort gleich noch einen drauf, denn die Lenkerhälften sind an den Gabelholmen um 15 mm in der Höhe einstellbar, und die Fussrasten können über zwei mögliche Verschraubungspositionen um 20 mm in der Höhe und zusätzlich mittels Distanzbuchsen noch um 15 mm in der Längsachse versetzt montiert werden.
Windschutz
Insgesamt ist die Fahrerposition zwar sportlich, aber wie die Neigung des Oberkörpers ist auch der Kniewinkel für ein supersportliches Motorrad eher moderat. Selbst die angeschraubten schwarzen Protektoren, welche beidseitig die jeweils exponierteste Kante des Kunststofftanks vor dem Durchscheuern bei einem allfälligen Sturz schützen, sind erstaunlicherweise nicht im Weg. Auch der Windschutz für Kopf und Schultern erstaunt, er ist dank der steilen, relativ hoch gezogenen Frontscheibe relativ gut.
Wo andere zögern, gibst du Gas
Wie jeder grosse V2 rappelt der KTM-Twin zwar in den grossen drei Gängen unterhalb von 2500/min eher unwillig, ab 3000 ist er aber voll da und ab 4000/min läuft er frei. Auch darunter glänz er mit einer tadellosen Gasannahme, die wirkliche Sensation aber ist der absolut lineare Anstieg der Leistungskurve, der diesem V2 zwar von Seiten von Bahnhofstrassenmachos den Vorwurf eintragen wird, langweilig zu sein, der aber eine sagenhafte Effizienz verspricht.
Foto: Digital-Cockpit: Sehr übersichtlich, mit Laptimer-Funktion.
Foto: Radialer, verstellbarer Kupplungshebel
Zylinderausbremsung bei 10'700/min
Jeder Gasgriffbewegung folgt absolut kalkulierbarer Leistungseinsatz, selbst im Bereich der Spitzenleistung. Oberhalb der Nenndrehzahl von 10'000/min legt der V2 er zwar nicht mehr zu, er zieht aber weiter an den 10'300 vorbei, wobei eine rote Warnleuchte angeht, bei 10'700 bremst die Motorelektronik dann erst einen Zylinder ein, und bei 11'000 läuft der V2 sanft gegen die Wand.
Fahrwerk
Beeindruckend dabei, wie stabil das Fahrwerk auch bei vollem Leistungseinsatz in den tiefen Gängen über welligen Belag bleibt. Dazu wird offensichtlich, dass die proklamierte, extrem frontlastige Gewichtsverteilung von 54% vorne zu 46% hinten kein Marketinggesülze ist: Die RC8 geht auch in den untersten Gängen kaum ohne Piloten-Hilfe aufs Hinterrad.
Tönt unspektakulär, ist jedoch sehr effizient: Auf Teerverwerfungen und Passstrassen, wo Piloten von 180-PS-Boliden gezwungen sind, die Drosselklappenöffnung mit feuchten Händen in homöopathischen Dosierungen anzupassen, tut der KTM-Chauffeur einen beherzten Dreh am Quirl und entschwindet mit akkurat gedämpft wippendem Heck und vor allem ohne Lenkerwackler durch die Schlaglochsektion um die nächste Ecke. Geradeauslaufstabilität? Hervorragend! Kurvenstabilität? Ebenso.
Foto: Federbeineinstellung mit High/Low Speed
Schiebt etwas übers Vorderrad
Nur in einer Disziplin brauchts etwas Routine, um das Beste aus der RC8 rauszuholen: In engen Bergab-Serpentinen will die RC8 unter Zug gehalten werden, sonst will sie nicht so leichtfüssig ums Eck, schiebt etwas übers Vorderrad. Und ja, in schnellen Kurvenfolgen will sie eine entschlossene Hand für den Schräglagenwechsel.
Bremsen
Über jeden Zweifel erhaben sind die Brembo-Bremsen der Monobloc-Serie, von fein bis brachial ist mit zwei Fingern alles möglich, erstaunlich aber, dass dabei ungewollte Stoppies mit steigendem Heck ausbleiben, obwohl man angesichts des hoch in den Himmel ragenden Bürzels auf eine solche Unart wetten würde.
Das Geheimnis: Der relativ lange Radstand und vor allem die sehr nahe um den Gesamtschwerpunkt gruppierten Einzelmassen wirken Wunder. Entscheidend dabei die Unterbringung des Auspuffs direkt unter dem Motor.
Auf der Rennstrecke
Jetzt gehts auf die bei Ronda gelegene private Rundstrecke des Ascari-Race-Resorts. Und privat heisst hier nicht etwa eng und kurz, sondern das Gegenteil. Es ist eine komplett unglaubliche, gut 5,4 km lange, durchgehend 12 Meter breite Gasse, gespickt je 13 Links- und Rechskurven für das gesamte Gangspektrum ausser dem sechsten, garniert mit drei völlig unterschiedlichen Schikanen, mit Steigungen und Gefällen bis zu 11,5 %, einer Geraden, die bis zu Tempo 250 zulässt und der absolute Hammer je einer Steilwandkurve für den zweiten und den dritten Gang mit knapp 18% Überhöhung. In einem Wort: Achterbahnfahren für Fortgeschrittene.
Heck rutscht....und fängt sich weich wieder
Die Rasten der RC8 sind jetzt hoch verschraubt, das Heck steht immer noch tief, die Dämpfung an Federbein und Telegabel nur wenige Klicks zugedreht. Los gehts. Spielerisch leicht lassen sich die unvermeidlichen Fehler in der Linienwahl im ersten Turn korrigieren, immer mutiger brät man diagonal durch die Schikanen, immer weiter innen über die Sägezahnbegrenzungssteine. Noch zieht die RC8 stoisch ihre Bahn, winkelt praktisch noch auf den letzten Begrenzungssteinen ohne Nachwippen ab. Die Strassen-Pirellis zeigen schon Wirkung, weil du da sich im Fahrwerk nichts Beunruhigendes tut immer früher in tiefer Schräglage den Hahn spannst. Da rutscht das Heck schon mal sanft weg und fängt sich völlig unspektakulär und weich wieder.
Die Orange bleibt voll auf Kurs
Anbremsen: Heck bleibt unten, und das da das Motormanagement beim brutalen runterschalten dem hinteren Zylinder etwas Brennstoff zuführt und so das Rückdrehmoment des V2 eliminiert, gibts auch kein stempelndes Hinterrad. Selbst wenn du Ende der Gegengeraden und da zu spät auf der Bremse schon in Schräglage aus dem Fünften noch zwei Gänge runter musst, bleibt die Orange auf Kurs.
Jetzt mit Racing-Gummi
Jetzt verschärfte Gangart mit dem Racing-Gummi. Der lässt zackigere Linienwahl zu, bringt mehr Druck ins Fahrwerk. Immer noch dasselbe: Vorne und hinten dämpft die WP-Ware unspektakulär, kurz und trocken. Am Schluss fährst du wie ein Irrer auf der Innenkante der Begrenzungsplatten, beschleunigst Vollgas über das Beton-Waschbrett, sogar noch mit einseitigem Zug am Lenker. Das Einzige, was dich zur Vorsicht mahnt, ist, dass dir die Schläge ins Genick fast den Schädel inklusive Helm von den Schultern reissen.
Die KTM? Macht alles mit. Es kommt dir vor wie einst vor Jahrzehnten, als du mit untermotorisierten 125ern immer und überall Anschlag gefahren bist im Bewusstsein, dass der Motor das Fahrwerk sowieso nicht überfordern kann.
Wieviel verkraftet das Fahrwerk?
Nur: Das Teil hier hat 155 glaubhafte PS und 120 Nm Drehmoment.
Und einen Lenkungsdämpfer, der bei mir nur einmal kurz um 6 Klicks zugedreht wurde, 6 von 34. Als Versuch, denn es war unnötig. Dieses Fahrwerk verkraftet auch 200 PS, garantiert.
Fazit
Die brandneue erste Strassensport-KTM bietet jedem mit einem Sportlerherz, vom Mittelklasse-Aufsteiger bis zum Supersport-Freak, ein einmaliges Fahrerlebnis: Noch nie zeigte ein Einliter-Strassenracer eine so ausgewogene Kombination aus jederzeit absolut kontrolliert abrufbarer Leistung, Top- Balance, bombensicherer Stabilität bei gleichzeitig so agilem Handling.
Auf einen Blick
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 2 Punkte |
| Auf grosser Tour | 3 Punkte |
| Sportlich fahren | 4 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | 1 Punkte |
| Emotionen | 5 Punkte |
Technische Daten KTM 1190 RC8
Motor
| Bauart | Flüssigkeitsgekühlter V2-Viertakter, Kurbelwelle quer. Zylinderwinkel 75°. |
| Ventilsteuerung | |
| Bohrung x Hub | 103 × 69 mm |
| Hubraum | 1148 ccm |
| Verdichtung | 12.5 : 1 |
| Gemischaufbereitung | Elektronisches Motormanagement mit Benzineinspritzung von Keihin (je 1 Düse und 2 Drosselklappen pro Zylinder) und elektronischer CDI-Zündung. Foto: Drosselklappenkörper. Gut sichtbar sind die zwei Drosselklappen-Mechanismen pro Zylinder. |
| Drosselklappen-Durchmesser | 52 mm |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | E 42 mm, A 34 mm |
| Schmierung | Im Motor integrierte Trockensumpfschmierung mit Ölkühler. |
| Auspuffanlage | 2-in-1-Anlage mit Katalysator |
| Starter | E-Starter. |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 155 PS (114 kW) bei 10'000/min |
| Max. Drehmoment | 12,2 mkg (120 Nm) bei 8000/min |
| V-max. | 284 km/h (von KTM in Nardo gemessen) |
Kraftübertragung
| Kupplung | Zahnradprimärantrieb, gerade verzahnt. Hydraulische Mehrscheiben-Nasskupplung |
| Gänge | Sechsganggetriebe |
| Endantrieb | Endantrieb über Dichtringkette links |
Fahrwerk
| Rahmen | Gitterrohrbrückenrahmen aus Stahlrohr mit angeschraubtem Heck aus Aluminiumrohren, Motor mittragend. Lenkungsdämpfer von WP. |
| Federung vorne | Vorn ölgedämpfte Upside-down-Telegabel von WP, in Federvorspannung, Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbar. |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | 43 mm |
| Federung hinten | Hinten Einarmschwinge verschweisst aus Leichtmetallgusselementen und Alu-Formblechen, aktiviert über Schubstrebe und Kipphebel das in Vorspannung (stufenlos), Ein- und Auswärtsdämpfung einstellbare Zentralfederbein von WP. |
| Federweg vorn/hinten | 120 mm / 125 mm |
Räder
| Rädertyp | Gussräder aus Leichtmetall von Marchesini. Schlauchlose Radialreifen Pirelli Diablo Corsa III (Strasse und Rundstrecke) und Diablo Supercorsa SC 2 (Rundstrecke). |
| Felgendimension vorn | MT 3.50×17 |
| Felgendimension hinten | MT 6.00×17 |
| Reifendimension vorn | 120/70 ZR 17 |
| Reifendimension hinten | 190/55 ZR 17 |
Bremsen
| Bremse vorn | Brembo. Vorn zwei halb schwimmend gelagerte Stahlscheiben (320 mm) mit Vierkolbenzangen. |
| Bremse hinten | Hinten Einzelscheibe (220 mm) mit Zweikolbenzange. |
| ABS | nein, nicht lieferbar |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1430 mm |
| Lenkkopfwinkel | 66,7° |
| Nachlauf | 9092 mm (je nach Heckhöhe) |
| Halbtockengewicht (ohne Benzin) | 188 kg; Leergewicht fahrfertig vollgetankt:199 kg |
| Sitzhöhe | 805 - 825 mm (je nach Heckhöhe) |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 16,5 / 3,5 l |
Farben
Foto: alle Varianten (weiss, orange und Powerparts-RC8)
| Orange | |
| Weiss | |
| x | |
| x | |
| x |
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | Fr. 24'140., inkl. MwSt. und NK. |
| Erstmöglicher Liefertermin | erhältlich ab sofort |
| Import über | KTM-Fabag, Zürcherstr. 305, 8500 Frauenfeld Tel 052 725 08 88 (oder siehe Link) |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung | nicht mit 34 PS lieferbar |




































