Test und Technik
Fahrbericht Suzuki GSX-R 600
20.03.2008 00:00
Wer die bisherige Suzuki GSX-R 600 kannte, kennt auch die neue. Doch die Modellpflege fürs Jahr 2008 mit der feinen Feile bringt einige Überraschungen. Text und Test: Daniel Riesen Bilder: Stefano Gadda, Barbanti

Mit einer Fülle von Neuerungen kommt die 2008er-GSX-R 600 daher. Hier testgefahren auf der Rennstrecke von Misano.
GSX-R in Misano
Misano Ende Februar hat etwas Melancholisches. Es ist kühl, die Luft feucht, fast reicht es für Nebel. Raus auf die Piste, Vollgas? I wo, das ist den Verantwortlichen von Suzuki zu heikel. Beim Presse-Launch für die überarbeitete GSX-R 600 ist an den Vortagen alles gut gegangen, kein Schaden, und so soll es bleiben für die letzten Testtage.
Optik, Design
So bleibt den Möchtegerntestern Zeit, herumzulungern und sich die 600er in der Box einfach mal anzuschauen. Seitlich betrachtet, ist die Neue fast die Alte, mit der geschwungenen, kompliziert geformten Verkleidung. Klarstes Unterscheidungsmerkmal ist der massiv gewachsene und schwerere Endschalldämpfer, aus dem Stummelchen wurde trotz nach wie vor grossem Vorschalldämpfer , ein rechter, wiewohl gut integrierter Schlegel.
Foto: Front mit den Schlitzen für die Frischluftzufuhr
Von vorn ist das Signal der Erneuerung von Anfang an klar: Statt des grossen, zentralen Scheinwerfers, der die Verkleidung zum Spitzmund formt, blickt die neue GSX-R 600 mit kleinem Abblendlicht und als Flügelchen angeordneten Zusatzscheinwerfern nun ziemlich breitmaulig. Und knallig! Eine Suzuki, die mit eingeschaltetem Fernlicht die kurze Misano-Gerade hinunterbrät, ist das Hellste, was wir an den zwei Testtagen zu Gesicht kriegen...
Homogen statt extrem
Die Piste trocknet nur zögerlich, die Warterei dauert an. Erinnerungen werden wach ans Vorgängermodell. Gefiel im alljährlich durchgeführten Supertest vorab durch ihre Homogenität: In keinem Fach extrem, zeigte die GSX-R weder klare Stärken noch deutliche Schwächen. Nur in der Wertungskategorie Ergonomie schlug sie die versammelte Konkurrenz, ging als bequemste der 600er (und 675er) vom Platz, auch wegen der relativ weichen Grundabstimmung. Kritikpunkte? Der Motor war nirgends der stärkste, weder in der Mitte noch hochtourig, und der nicht einstellbare Lenkungsdämpfer machte das Handling bei tiefem Tempo zäh und die Lenkung indifferent.
Foto: neugestalteter Zylinderkopf
Am ausgewogenen Charakter will Suzuki nicht rütteln, der 08er-Jahrgang steht unter dem Motto «balanced performance». Ausgeglichenheit, das ist ungefähr das Gegenteil von «no compromise», wie in anderen Prospekten steht.
Foto des befreiten Motors. Gut sichtbar die Aufhängpunkte für die Montage in den Rahmen.
Kein Schreihals
600er sind die Heulbojen unter den Sportmotorrädern. Das fällt mir auf den ersten Runden kaum auf. Erstens sind 99 Prozent der Hirnkapazität mit dem Erlernen der seit 2007 im Uhrzeigersinn drehenden Misano-Piste belegt. Und zweitens ist die Suzuki kein ausgesprochener Schreihals.
Foto: Drosselklappenkörper. Blick auf die (geschlossenen) Sekundärdrosselklappen.
Mehr Druck für die Strasse
Der (relativen) Motorschwäche rückte Suzuki mit der feinen Feile zu Leibe. Bei der Spitzenleistung bliebs bei 125 PS, und auch das ordentliche Drehmoment von maximal 69 Nm blieb unverändert. Dafür wurde Leistung in die Drehzahlmitte gebuttert. Dazu schwand der Durchmesser der Auslassventile um 1 auf 22 mm, auch die Auspuffkrümmer wurden enger. Selbst das zusätzliche Dämpfervolumen steht laut Produkt-Planer Norihiro Suzuki im Dienst einer starken Mitte.
Einspritzdüsen: 8 Loch statt 4
Feinarbeit verrichtete man an den Kolben (Kolbenringe sowie die Form für leicht erhöhte Verdichtung), an den Einspritzdüsen (8 Loch statt 4 Loch und geänderter Einspritzwinkel) und beim Thema innerer Reibung (grössere Entlüftungslöcher zwischen den Zylindern). Das versprochene Leistungsplus in der Mitte scheint glaubhaft, 8000/min am Kurvenausgang sind nun ohne zu verhungern verkraftbar. Reine Pistenfreaks, die permanent zwischen 12'000 und 16'000/min drehen, dürfte dies wenig interessieren, Strassenpiloten hingegen nehmen ausgangs Spitzkehre jedes zusätzliche Watt bei zumutbarer Geräuschkulisse dankbar zur Kenntnis.
Weniger PS auf Knopfdruck
Ebenfalls glaubhaft scheint, dass die GSX-R 600 an Drehfreude und Spitzenleistung nicht zugelegt hat. Der ultraschnelle Rechtsknick nach der langen Gegengeraden springt einem zwar schnell ins Gesicht, die Drehzahlnadel lässt sich ab 14'000/min mit weiterem Fortschritt aber Zeit ungewollt in den Begrenzer (bei angezeigten 16'500/min) gerauscht bin ich jedenfalls nie.
Instrumente - der rote Bereich fängt erst jenseits der 16'000/min an..
Modus C: Für Weichspüler und Regenfahrten
Für schwierige Bedingungen bietet Suzuki zudem auch an der 600er die Auswahl dreier Leistungsprogramme. Zwei Sekunden Antippen des Schalters am rechten Lenker genügen. Fahren im schwächsten Modus C fühlt sich an, als ob man einen Anhänger zieht, die Gasannahme ist so zahm, dass man selbst im Nassen nichts falsch machen kann. Die Rutschkupplung wurde über einen geänderten Rampenmechanismus und eine zusätzliche Kupplungsscheibe verfeinert da gabs allerdings schon zuvor keine Klagen.
Weitgehend unangetastet blieben Chassis und Ergonomie. Die Sitzhöhe ist gering, da fürchten sich auch die Mädels nicht, zu den Lenkerstummeln beugt man sich etwas weniger tief als bei der Konkurrenz. Die Fussrasten können in drei Positionen verschraubt werden, gewissermassen in den Stellungen Race, Sport und Strasse.
Tauglich für Schlaglöcher
Der Rahmen blieb unverändert, die Räder sind leichter, um wie viel gibt Suzuki allerdings nicht an. Angepasst wurde die Umlenkung des Federbeins für mehr Progression. Die Innereien der Federelemente seien modifiziert worden, sagt Suzuki, die Grundabstimmung bleibt aber auf der für einen Supersportler weichen Seite. Das ist gut für den Strasseneinsatz. Der Einstellbereich der Federelemente genügt aber auch für verschärften Pisteneinsatz Rennen sind dann nochmals eine andere Geschichte.
Lenkungsdämpfer
Von der GSX-R 1000 hat die 600er den elektronisch gesteuerten Lenkungsdämpfer übernommen: Bei hohen Tempi ist die Dämpferkraft hoch, beim Bummeln ist sie tief. Und es funktioniert, das Wedeln in der Boxengasse geht widerstandslos von der Hand.
Ein mitdenkendes Motorrad braucht mehr Rechenleistung: Genügte 2004 noch ein Rechner mit 256 Kilobyte Speicher, stieg die ROM-Kapazität 2006 auf 384 kB, und nun sinds schon 1024.
Auch weiterhin wird radial gebremst
Bremsen
Klassenüblich mager ist der Windschutz. Nur wer den Helm auf den Tankdeckel presst, hat Ruhe. Eine Steilvorlage für den Zubehörhandel.
Richtig gewaltig setzt sich die neue Bremsanlage ins Szene, bei der ein kleinerer Geberzylinder die Übersetzung der Hydraulik verändert. Auf den ersten Millimetern Hebelweg lässt sich die Vorderbremse sanft anlegen, danach folgt grandios herzhafte, transparente Verzögerung. Dabei lässt die Bremsleistung auch nach schnellen Runden nicht nach. Feinarbeit auch an den Bremsscheiben: Sie sind um einen halben Millimeter dünner (und ein paar Gramm leichter) als zuvor, für die Hitzeabführung gibts zusätzliche Befestigungspunkte (12 statt 8).
Vorderrad mit 310 mm Bremsscheibe
Der Nebel hing bis zuletzt über Misano. Die Suzuki-Leute immerhin hatten etwas zu lachen: Auch am letzten Testtag ging nichts zu Bruch. Darf auch mal lobend erwähnt werden, finden wir!
Fazit
Die Suzuki GSX-R600 hat sich in die schon zuvor eingeschlagene Richtung weiterentwickelt: eine sehr gut ausgestattete Supersportlerin ohne aufgeregtes Hightech-Super-Mega-Getue. Sie ist schnell und komfortabel, auf der Strasse bequemer als die Konkurrenz. Kleinere Schwächen wurden in Stärken umgemünzt. Es bleibt die relativ softe Grundabstimmung.
Auf einen Blick
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 2 Punkte |
| Auf grosser Tour | 3 Punkte |
| Sportlich fahren | 4 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | 1 Punkte |
| Emotionen | 4 Punkte |
Technische Daten Suzuki GSX-R 600 K8
Motor
| Bauart | Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylinder-Viertakter, Zylinderbank quer liegend. Eine Ausgleichswelle. |
| Ventilsteuerung | Zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, Tassenstössel, je 4 Titanventile (Ventilwinkel total 22°, Einlass 10°, Auslass 12°; ) pro Zylinder. |
| Bohrung x Hub | 67,0 × 42,5 mm |
| Hubraum | 599 ccm |
| Verdichtung | 12,8 : 1 |
| Gemischaufbereitung | Digitales Motormanagement, Saugrohr-Benzineinspritzung mit je zwei 8-Loch-Düsen und 2 Drosselklappen pro Zylinder. |
| Drosselklappen-Durchmesser | 40/46 mm (prim./sek.) |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | Ventil-ø E: 27,2 mm, A: 22,0 mm |
| Schmierung | Nasssumpfschmierung, Inhalt 2,9 l Öl. |
| Auspuffanlage | 4-2-1-Auspuffanlage mit elektronisch gesteuerter Klappe und geregeltem 3-Wege-Katalysator. |
| Starter | Digitale Kennfeldzündung. Elektrostarter. |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 125 PS (92 kW) bei 13'500/min |
| Max. Drehmoment | 7,0 mkg (69 Nm)bei 11'500/min |
| V-max. | - |
Kraftübertragung
| Kupplung | Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Mehrscheiben-Nasskupplung mit Rückdrehmomentbegrenzer |
| Gänge | Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, |
| Endantrieb | Dichtringkette. |
Fahrwerk
| Rahmen | Brückenrahmen aus 5 verschweissten Aluminium-Druckgussteilen, Motor mittragend. Alu-Rahmenheck verschraubt. |
| Federung vorne | Vorne Upside-down-Teleskopgabel von Showa, einstellbar in Federbasis, Ein- und Auswärtsdämpfung. Lenkungsdämpfer mit elektronisch gesteuerter, variabler Dämpferkraft. |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | 41 mm |
| Federung hinten | Alu-Schwinge mit Oberzug, progressiv wirkende Hebelumlenkung zum Zentralfederbein von Showa, einstellbar in Federbasis, Einwärts- (High- und Lowspeed) und Auswärtsdämpfung. |
| Federweg vorn/hinten | 120 mm / 130 mm |
Räder
| Rädertyp | Leichtmetallfelgen. Schlauchlose Radialreifen Bridgestone Battlax BT-016. |
| Felgendimension vorn | MT 3.50×17" |
| Felgendimension hinten | MT 5.50×17" |
| Reifendimension vorn | 120/70-ZR17 |
| Reifendimension hinten | 180/55-ZR17 |
Bremsen
| Bremse vorn | Vorne Doppelscheibenbremse (310 mm) mit Radialpumpe und gelochten, halb schwimmend gelagerten Stahlscheiben mit Radial-Vierkolbenzangen von Tokico. |
| Bremse hinten | Hinten gelochte Scheibe (220 mm) mit Einkolben-Schwimmsattelzange. |
| ABS | nein |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1400 mm |
| Lenkkopfwinkel | 66,25° |
| Nachlauf | 97 mm |
| Trockengewicht | 165 kg; Gewicht voll getankt fahrfertig: 196 kg |
| Sitzhöhe | 810 mm |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 17 l |
Farben
Blau-Weiss Schwarz-Orange Weiss Gelb-Schwarz. Schwarz
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | Fr. 15'995.- inkl. MwSt. und NK. |
| Erstmöglicher Liefertermin | ab sofort |
| Import über | Frankonia AG, Hohlstr. 612, 8010 Zürich, Tel. 044 431 65 11 |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung | auch mit 34 PS/ 25 kw erhältlich |




































