Test und Technik

Neue Grossenduro aus Italien

Fahrbericht: Moto Guzzi Stelvio

04.04.2008 00:00

Test: Moto Guzzi lässt mit ihrer neuen Reise-Enduro aufhorchen. Die Stelvio ist sportlich und gemütlich zugleich und hat einen starken Charakter. Text: Tobias Kloetzli, Bilder: Daniel Riesen


Die neue Moto Guzzi Stelvio: wie gemacht für die Schweizer Alpenstrassen.

Guzzi Enduros

Nach der Moto Guzzi Quota, deren Produktion noch im letzten Jahrhundert eingestellt, kommt aus der Motorradschmiede vom Comersee erstmals wieder eine Reise-Enduro. Das 2758 m hohe Stilfserjoch, italienisch Stelvio, mit seinen 84 Serpentinen dient Moto Guzzi traditionellerweise als Teststrecke. Bei der neuen Gross-Enduro hielt die faszinierende Passstrasse nicht nur für Entwicklungsfahrten hin, die neuste und vielseitigste Guzzi wurde nach den begeisternden Versuchsfahrten auch gleich nach dem Stelvio benannt.

Foto: die verstellbare Windschutzscheibe

Im Gegensatz zu früheren Gross-Enduros wie etwa der Quota, die meist sehr voluminös daher kamen, ist die Stelvio vergleichsweise schlank und eine sportliche Erscheinung. Die Ingenieure in Mandello (I) haben zudem auch den modernsten und sportlichsten Motor aus der Palette ausgewählt. Im Stahlrohr-Brückenrahmen sitzt Moto Guzzis stärkster V2 mit 1151 ccm Hubraum, Vierventiltechnik und Benzineinspritzung. Er wurde letztes Jahr erstmals in der Moto Guzzi Griso 1200 4V (pro Zylinder - daher häufig auch Griso 8V genannt) vorgestellt.

Foto: Motorschutz

Der Motor

Für den Einsatz in der Stelvio erhielt er zugunsten eines besseren Drehmomentverlaufs andere Nockenwellen. Zusammen mit Anpassungen an Airbox und Schalldämpferanlage blieben 105 PS und satte 108 Nm. Der luft-/ölgekühlte V2 mit längs liegender Nockenwelle – das Moto-Guzzi-Erkennungsmerkmal schlechthin – ist in der Stelvio optisch sehr dominant.

Details

Doch die neue Guzzi hat neben der aussergewöhnlichen Kraftquelle auch unzählige schöne und praktische Details zu bieten, so etwa die radial montierten Brembo-Vierkolbenzangen, die solide Marzocchi-Upside-down-Telegabel, das per Handrad einstellbare Sachs-Zentralfederbein, die Einarmschwinge mit integriertem Kardanantrieb und Momentabstützung, das Cockpit mit Multifunktionsdisplay, das verstellbare Windschild, den Zentralständer oder die im Heck integrierten Kofferhalter (Zubehörkoffer: Preis noch offen).

Einrichten, Wohlfühlen

Die breite Sitzbank der Stelvio ist straff gepolstert, aber dennoch bequem. Im Übergang zum Tank ist sie schmal geschnitten, wodurch zum Erreichen des Bodens nicht endlos lange Beine erforderlich sind. Fahrer unter 175 cm können die Sitzbank ohne Werkzeug zudem in einer 2 cm tieferen Position montieren, wodurch die Stelvio auch für erfahrene Biker um 165 cm noch problemlos taugt. Fahrer mit besonders langen Beinen stossen, wenn sie weit nach vorne rutschen, mit den Knien an den Zylindern an.

Foto: der Gepäckträger ist etwas gewöhnungsbedürftig

Lenker, Cockpit

Der konifizierte Alu-Lenker liegt gut in der Hand, Kupplungs- und Bremshebel sind in der Spreizung vierfach einstellbar. Der analoge Drehzahlmesser und die digitale, über einen Knopf am Lenker bedienbare Multifunktionsanzeige informieren gut ablesbar über Geschwindigkeit, Benzinstand, Kilometer- und Tageskilometerstand, Verbrauch (momentan und durchschnittlich), Temperatur, Uhrzeit, Fahrzeit, Durchschnittsgeschwindigkeit und Topspeed.

Start, Seitenständer

Per Knopfdruck wird die Guzzi gestartet. Mit leichtem Schütteln und wohlklingendem Ballern macht sich der grosse Zweizylinder im Standgas bemerkbar. Beim Einlegen des ersten Gangs trete ich immer wieder unbeabsichtigt auf den Nippel des weit vorne montierten Seitenständers, worauf die Zündung gleich wieder unterbrochen wird.

Sitzhaltung

In bequemer Sitzhaltung throne ich fast aufrecht, weit oben auf der Stelvio und geniesse den Überblick über das Geschehen auf der Strasse. Auch die Spiegel bieten unverdeckte Rücksicht. Die Gänge lassen sich präzise und leicht einlegen. Die hydraulische Einscheibenkupplung ist gut dosierbar, für den regen Gebrauch im Stadtbetrieb aber etwas schwergängig. Also raus aus der Stadt und ab in offenere Gefilde.

Foto: Kardanstrang zum Hinterrad

Jetzt: Gas!

Der Vierventilmotor hängt sehr direkt am Gas und spricht fein an. Vibrationen sind stets spürbar, jedoch lediglich im Bereich um 4500/min richtig ausgeprägt.

Foto: Auspuffanlage

Ab 1500/min, das sind im sechsten Gang rund 50 km/h, nimmt der V2 sauber und kraftvoll Gas an. Begleitet vom faszinierenden, voluminösen, satten Sound lässt sich so sehr schaltfaul auf der beachtlichen Drehmomentwelle bis rund 3500/min surfen.

Wers zackiger angehen will, attackiert vorzugsweise im Drehzahlbereich über 4500/min und kommt dort in den Genuss der sportlichen Seite des Quattrovalvole-Motors. Bis 7000/min legt dieser zügig Leistung zu und begeistert dort mit einer satten Nennleistung von 105 PS. Ohne Leistungseinbusse kann der 1200er bei Bedarf auch überdreht werden bis zum Drehzahlbegrenzer bei 8500/min. In der oberen Drehzahlhälfte begeistert der grossvolumige Zweizylinder nicht nur mit viel Leistung, sondern auch mit sportlichem, kernigem Sound.

Foto: Im vollen Reisetrimm mit Seitenkoffern

Leichter Hänger bei 4000 /min

Beim Übergang von Cruising- zu Sportmodus erlaubt sich der 1200er allerdings eine deutliche Verschnauf­pause, welche einen fliessenden Wechsel zwischen den beiden Modi verhindert. Der Hänger des Quattrovalvole-Motors zwischen 3500 und 4500/min ist jedoch längst nicht mehr so ausgeprägt, wie er bei der Präsentation der Griso letztes Jahr noch war.

Foto: auch leichte Kiespassagen verkraftet die Guzzi gut

Handlich und stabil

Über zwei vermeintlich gegensätzliche Gesichter verfügt die Stelvio auch in Sachen Fahrverhalten, hier allerdings mit fliessendem Übergang. Einerseits zeigt sich die voll getankt immerhin 265 kg schwere Italienerin bei niedrigen Tempi sehr handlich und flink, ohne nervös zu wirken. Lässt sich blitzschnell abwinkeln, ohne kurvengierig in Schräglage zu fallen oder mit ausgeprägtem Aufstellmoment zu stören – der breite 180er-Hinterreifen fordert keinen Tribut.

Foto: Fahrfoto

Kaum Unhruhe im Gebälk

Selbst bei Bremsmanövern in Schräglage folgt die Guzzi treu der Spur. Auch der Kardanantrieb verhält sich dank Momentabstützung sehr unauffällig und bringt keine Unruhe in die gewählte Linie. Die Guzzi lässt sich so sehr neutral durchs Winkelwerk jagen. Auf schnellen Etappen gibt sie sich hingegen ausgesprochen spurstabil und glänzt selbst bei Topspeed (um 220 km/h) noch mit gutem Geradeauslauf. Das 19-Zoll-Vorderrad ist für das gute Feedback mit verantwortlich. Es ist ein klares Bekenntnis zum Asphalt, schliesst aber gleichzeitig Ausflüge ins leichte Gelände nicht aus.

Foto: Stromanschluss unter dem Sitz

Fahrwerk, Bremsen

Das voll einstellbare Fahrwerk hat eine sportlich-straffe Grundabstimmung, klar ein weiteres Indiz dafür, dass die Stelvio auf der Strasse zu Hause ist – schliesslich ist auch der Stelvio-Pass asphaltiert.
Die gross dimensionierte Doppelscheiben-Bremsanlage ist gut dosierbar und nicht sehr aggressiv. Für Vollbremsungen bei hohen ­Tempi muss sogar ordentlich zugepackt werden; da können sich nur Fahrer mit kraftvollen Händen auf zwei Finger am Bremshebel beschränken. Die Brembo-Stopper schreien zwar nicht nach einem ABS, besonders auf nassem oder verschmutztem Untergrund wird das ab Anfang Sommer für rund Fr. 1000.– erhältliche System aber doch ein entspannendes Sicherheitsplus bieten.

Foto: Handfach

Charakterstarker Allrounder

Moto Guzzi hat mit der neuen Stelvio eine begeisternde, charakterstarke und vielseitige Reise-Enduro gebaut. Im Gegensatz zur Quota ist sie kein Riese oder ein Dickschiff mehr – an ein Schiff erinnern allenfalls noch die Scheinwerfer im Bullaugen-Design –, sondern ein handliches, sportliches Italo-Reisegerät, das sich irgendwo zwischen der BMW R 1200 GS und eine Ducati Multistrada einreiht. Auf den Scheinwerfer-Designer werde ich kein Loblied anstimmen, auf den Guzzi-Sound-Ingenieur hingegen sehr wohl. Die akustische Untermalung jeder Stelvio-Ausfahrt war ganz einfach begeisternd und der Fahrfreude extrem zuträglich.

Foto: Guzzi von vorne

Cruising-Modus und Sportmodus

Die Gross-Enduro faszinierte im pulsierenden Cruising-Modus genauso wie beim sportlichen Drehzahlorgeln. Schade nur, dass man zum Wechseln zwischen den beiden Modi jeweils zwei bis drei Gänge hoch- oder runterschalten muss.

Foto: Lampenmaske

Verarbeitung, Ausstattung

Die Guzzi glänzt mit vielen edlen Teilen, schönen Lösungen. Mit dem 18-Liter-Tank ist sie auch für Etappen über 250 km gut. Mit ergonomisch geformter Sitzbank für Fahrer und Sozia, robustem Gepäckträger und umfangreichem Zubehörprogramm ist sie zudem sehr reisetauglich. Für rund 20'000 Franken erhalten nicht nur Italo-Fans ein begeisterndes, vielseitiges Motorrad mit unverwechselbarem, kernigem Motor und hohem Nutzwert.

Foto: Guzzi von hinten

Fazit

Die Stelvio ist zwar ein rechter Brocken, vertuscht ihr Gewicht aber sowohl optisch als auch beim Fahren gekonnt. Sie ist vielseitig einsetzbar und taugt auch für kleinere Personen. Einmal an den Umgang mit dem Leistungsloch gewohnt, begeisterte die Guzzi fahrdynamisch und akustisch im Cruising- und im Sportbetrieb. Noch nie hat mich eine Guzzi derart fasziniert – ich bin bekehrt.

Foto: CAD-Zeichnung


Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt3  Punkte
Auf grosser Tour4 Punkte
Sportlich fahren3 Punkte
Zu zweit unterwegs4 Punkte
Emotionen4  Punkte


Technische Daten Moto Guzzi Stelvio 1200 4V

Motor

BauartLuft-/ölgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 90°, Kurbelwelle längs liegend.
VentilsteuerungJe eine kettengetriebene, seitlich am Zylinderkopf liegende Nockenwelle betätigt über Stösselstangen und Kipphebel vier Ventile pro Zylinder.
Bohrung x Hub95 × 81,2 mm
Hubraum1151 ccm
Verdichtung11,0:1
GemischaufbereitungElektronische Zündung und Benzineinspritzung von Magneti Marelli mit je einer Multipoint-Düse pro Zylinder.
Drosselklappen-Durchmesser50 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass-
SchmierungNasssumpfschmierung
Auspuffanlage2-1-Auspuffanlage mit 3-Wege-Katalysator
StarterElektrostarter

Leistungsdaten

Max. Leistung 105 PS (77 kW) bei 7500/min
Max. Drehmoment11 mkg (108 Nm) bei 6400/min
V-max.-

Kraftübertragung

KupplungZahnradprimärtrieb. Hydraulisch betätigte Einscheibentrockenkupplung
GängeKlauengeschaltetes Sechsganggetriebe
EndantriebEndantrieb über rechts liegende Kardanwelle

Fahrwerk

RahmenDoppelschleifen-Brückenrahmen aus Stahlrohr
Federung vornevoll einstellbare USD-Telegabel von Marzocchi.
Gabelinnenrohr-Durchmesser50 mm
Federung hintenAlu-Einarm­schwinge. Über Hebel­umlenkung progressiv angelenktes Zentralfederbein von Sachs in Federvorspannung und Zugstufe einstellbar.
Federweg vorn/hinten170 mm / 155 mm

Räder

Rädertyp Speichenräder aus Leichtmetall.
Schlauchlose Radialreifen Pirelli Scorpion
Felgendimension vorn2.50×19
Felgendimension hinten5.50×17
Reifendimension vorn110/80-R19
Reifendimension hinten180/55-R17

Bremsen

Bremse vornBrembo. Vorne Doppelscheibenbremse (320 mm) mit gelochten, halb schwimmend gelagerten Stahlscheiben und radial montierten Vierkolbenzangen.
Bremse hintenHinten fix montierte gelochte Scheibe (282 mm) mit Doppelkolbenzange
ABSvermutlich ab Sommer 2008 mit ABS erhältlich

Abmessungen und Gewichte

Radstand1535 mm
Lenkkopfwinkel63°
Nachlauf125 mm
Trockengewicht214 kg; Leergewicht fahrfertig, voll getank: 265 kg
Sitzhöhe820 / 840 mm
Tankinhalt (davon Reserve)18 l/4,5 l

Farben

Weiss
Rot
Schwarz
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 20'115.– inkl. MwSt. und NK.
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überMohag AG
Bernerstrasse Nord 202, 8048 Zürich
Tel. 044 434 86 86
Fax 044 434 86 06

Sonstiges, Bemerungen

BemerkungKeine 34-PS-Version lieferbar; ABS-Version ab Sommer 2008

Konkurrenten

BMW R 1200 GS
Triumph Tiger 1050
Moto Morini Granpasso
Ducati Multistrada
ferner: Honda Varadero, KTM 990 Adventure, Suzuki DL 1000 V-Strom

Ausstattung

Hauptständer an Bord?ja
Seitenkoffer serienmässig?nein, aber im Zubehör erhältlich
Topcase serienmässig?nein, aber im Zubehör
Gepäckhackenja, serienmässig
Windschutzscheibe verstellbar?ja
Elektrische Leuchtweitenverstellung?nein
Xenonlichtnein
Staufächerja
Heizgriffe im Zubehör
Beheizbare Sitzbanknein
Sitzbankhöhe verstellbarja, serienmässig
Lenkerverstellungnein
Handhebel einstellbarja
Wegfahrsperrenein
Alarmanlagenein
Soziusabdeckungnein
Bordsteckdoseja, unter Sitz
Cockpit
Tempomatnein
Audiosystemnein

««zurück