Test und Technik
Fahrbericht Moto Morini Corsaro Avio
02.07.2008 00:00
Moto Morini hat die Corsaro 1200 entschärft: Die Avio hat «nur» noch 120 PS. Doch der Faktor Angst ist nicht verschwunden. Text: Daniel Riesen Bilder: Tobias Kloetzli
Man soll die Dinge ja ganz unvoreingenommen und nüchtern betrachten. Im Fall der Moto Morini Corsaro 1200 Avio lauten die Informationen des kleinen Herstellers grosser Motorräder aus Bologna etwa so: Wir haben den V2 der Corsaro 1200 von 140 auf 120 PS entschärft und ihn so für Normalsterbliche einfacher fahrbar gemacht!
Hmm, ist eine Zähmung um 20 PS überhaupt notwendig? Schliesslich fahren wir ja auch 180-PS-Superbikes ohne allzu tiefe Sorgenfalten. Stimmt eben nicht ganz: Wir gondeln mit den 180-PS-Biestern auf der Strasse ja meist in der Komfortzone bei halber Drehzahl ist die Sache nicht gar so wild. Wissen wir. Und handeln danach. Aber was ist, wenn dich die Leistung dort überfällt, wo du sie nicht erwartest?
Auf der Corsaro (MSS 15/05 und 18/06) beispielsweise, die schon bei 3500/min die Backen des 87°-Twins ganz dick aufbläst. Ansatzlos reisst es dich nach vorn, obschon du ja noch tieftourig fährst. Das, meine Damen und Herren, gibt richtig grosse Äuglein, da schleicht sich auch bei Piloten mit grossem Herzen zuweilen etwas Furcht ein! Deshalb also die mildere Avio. Doch geht das, ein koffeinfreier Espresso?
Wenig Verzicht, viel Rabatt
Als mir Giancarlo Romano, Chef beim Morini-Importeur Mosport, den Charakter der Avio als «Einsteiger-Motorrad» erläutert, habe ich meine Zweifel. Gemeint ist ja der Einstieg in die Morini-Welt. Weniger als die beeindruckenden 1187 cm3 sind dort nicht zu haben, und preislich ist die neue Avio (die auch Corsaro, also Pirat, heisst) gewiss ein faires Angebot: Mit 17'000 Franken unterbietet sie die Standard-Corsaro um ganze 3000 Franken. Man verzichtet auf die erwähnten PS und die Rutschkupplung und gibt sich mit einem einfacher gestrickten Federbein von Sachs zufrieden.
Schüttelt und rüttelt
Und fährt nach kurzem Druck auf den Starter danach dreht der Anlasser, bis der Motor läuft los. Bis die Motorinnereien auf Betriebstemperatur sind, schüttelt sich der Twin wie ein räudiger Hund nach einem Kamillenbad, und selbst warm gefahren bleibt ein kleines Leistungsloch zwischen 3000 und 3500/min.
Doch dann kanns richtig losgehen. Mit der eruptiven Gewalt eines Vulkans fällt der V2 auch in dieser über die Steuerzeiten gezähmten Version übers Hinterrad her und schiebt dieses auch ohne Zuhilfenahme der Kupplung unters Vorderrad. Im ersten Gang sowieso, im zweiten ebenso. Ratzfatz rauscht man, bei ca. 8500/min, in den Begrenzer.
Warnung aus den Trompeten
Soll also keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden: Die Corsaro Avio steht der Standard-Corsaro in Sachen Angstpotenzial kaum nach. Immerhin wird der Pilot auch akustisch zu höchster Aufmerksamkeit gerufen, äusserst Respekt erheischend mahnt der bollernde V2 zum umsichtigen Umgang mit dem Gasgriff.
Zum explosiven Erlebnis tragen die sehr direkte bis harte Gasannahme und die schätzungsweise geringen Schwungmassen bei. Scheinbar unbehindert dreht der V2 hoch, wie ich es sonst nur vom Twin der KTM Superduke kenne. Wie bei dieser wird die ultradirekte Gasannahme dann ein Problem, wenn Bodenwellen für Unruhe im Lenker sorgen.
Bremsen
Ein schnelles Auge für die Analyse des nächsten Kurveneingangs ist also ratsam. Immerhin macht einem die Morini die Aufgabe einfach: Die Vorderbremse packt mächtig zu, lässt sich mit zwei Fingern bestens dosieren, der hintere Stopper hilft wirkungsvoll mit. Die Rutschkupplung gegen das stempelnde Hinterrad wird nicht vermisst, denn die Anpassungs-Gasstösse machen beim himmlischen Doppeltrompeten-Sound eh viel Freude.
Dicker Twin, leichtes Chassis
Danach taucht das Naked Bike fast widerstandslos in Schräglage; Moto Morini ist es gelungen, um den mächtigen V2 ein leichtes Motorrad zu bauen, das eben auch leicht zu bewegen ist, beim Einlenken und auch in schnellen Wechselkurven. Beim Schieben gefallen die (abwesenden) Pfunde ebenfalls.
Federelemente
Die Federelemente sind klassisch italienisch, also auf der straffen Seite des Lebens abgestimmt, aber immerhin voll einstellbar. Weniger Auswärtsdämpfung vorn wie hinten (im Vergleich zu Standard) bringen eine deutliche Erleichterung ohne Stabilitätseinbussen bei auch nur halbwegs legaler Fahrweise. Überhaupt glänzen die Federelemente mit einem breiten Einstellbereich.
Kaum Aufstellmoment in Kurve
Das Gefühl fürs und das Vertrauen ins Vorderrad erlauben eine zügigie Fahrweise, Gabel und Gummi scheinen sich förmlich in den Asphalt zu saugen. Und weil sich die Avio beim Bremsen in Schräglage kaum aufstellt, womöglich auch ein Verdienst der Reifen, gehen improvisierte Manöver ohne Angstschweiss über die Bühne. Nur durch ganz enge Kehren treibt man die Avio nicht auf Anhieb schnell, hier entwickelt die Vorhand ein Eigenlenkverhalten und tendiert zum Einklappen.
Recht gute Sitzposition
Die Corsaro Avio ist nicht «nur» ein Sportgerät. Die klassische Naked-Bike-Sitzposition mit nicht zu weit vorn platzierten Rasten erlaubt entspanntes Fahren auf längeren Distanzen. Abstriche gibts höchstens wegen des im Ansatz unglücklich geformten Tanks, der die Beine zur Grätsche zwingt.
Durstiger Bruder
Auf Dauer sollte man den V2 mit dem Künstlernamen «bialbero corsa corta» (auf Deutsch klingts profan: Doppelnocken-Kurzhuber) allerdings nicht über 5000/min drehen, die deutlichen Vibrationen über dieser Marke kribbeln ansonsten durch den ganzen Körper. A propos Dauer: Allzu lange gehts nonstop sowieso nicht voran, der wunderbar drehende und schiebende V2 genehmigt sich grosszügig Schlucke aus dem Spritfass.
Nur im Tourenmodus sind Verbrauchswerte unter 8 Liter machbar, beim Sporteln meldet sich das Reservelicht nach 150 km. Dabei hätte die Überarbeitung der Corsaro laut Moto Morini gerade bei den Verbrauchswerten eine Besserung bringen sollen tatsächlich soff die Standard-Corsaro aber auf den Zehntel Liter gleich viel wie jetzt die Avio.
King in Town
Beim Bummeln durch die Stadt kann man sich der Aufmerksamkeit der Umstehenden sicher sein: Jeder Gasstoss lässt das Publikum zuerst vor Schreck stramm stehen und dann die Köpfe verdrehen. Das ist selbst in den Rückspiegeln deutlich zu sehen, denn die sind erstens mit langen Auslegern versehen und zweitens weitgehend vibrationsfrei. Es geht halt doch, emozioni und praktische Aspekte zu versöhnen.
Fazit
Sapperlot! Die Corsaro geht auch in ihrer milderen Form ab wie eine Antilope auf der Flucht vor hungrigen Löwen. Ich kenne nicht viele Motorräder, die «grandi emozioni» vom ersten Meter an bieten.
Auf einen Blick
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 3 Punkte |
| Auf grosser Tour | 3 Punkte |
| Sportlich fahren | 4 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | 2Punkte |
| Emotionen | 5 Punkte |
Technische Daten
Moto Morini Corsaro 1200 Avio
Motor
| Bauart | Flüssigkeitsgekühlter 87°-V2-Viertaktmotor. . |
| Ventilsteuerung | 4 Ventile pro Zylinder |
| Bohrung x Hub | 107 × 66 mm |
| Hubraum | 1187 ccm |
| Verdichtung | 12,5 : 1 |
| Gemischaufbereitung | El. Motormanagement mit Benzineinspritzung und CDI-Zündung |
| Drosselklappen-Durchmesser | 54 mm |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | - |
| Schmierung | Nasssumpfschmierung |
| Auspuffanlage | - |
| Starter | E-Starter |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 120 PS (88 kW) bei 8500/min |
| Max. Drehmoment | 10,4 mkg (102 Nm) bei 6700/min |
| V-max. | - |
Kraftübertragung
| Kupplung | Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Nasskupplung. |
| Gänge | Sechsganggetriebe. |
| Endantrieb | Endantrieb über Dichtringkette. |
Fahrwerk
| Rahmen | Stahlrohrahmen |
| Federung vorne | Vorn Upside-down-Telegabel, voll einstellbar |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | |
| Federung hinten | Schwinge aus Aluguss, Zentralfederbein voll einstellbar. |
| Federweg vorn/hinten | 129 / 130 mm. |
Räder
| Rädertyp | Alu-Gussräder. Radialreifen Pirelli Diablo, |
| Felgendimension vorn | - |
| Felgendimension hinten | - |
| Reifendimension vorn | 120/70-17 |
| Reifendimension hinten | 180/55-17. |
Bremsen
| Bremse vorn | Doppelscheibenbremse mit Vierkolbenzangen vorn, ø 320 mm, |
| Bremse hinten | Einzelscheibe mit Doppelkolbenzange hinten, 220 mm. |
| ABS | nein, nicht erhältlich |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1440 mm |
| Lenkkopfwinkel | 65,5° |
| Nachlauf | 103 mm |
| Leergewicht fahrfertig vollgetankt | 210 kg |
| Sitzhöhe | 830 mm |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 18,0 / 3,0 l |
Farben
| Rot-Schwarz | |
| Blau-Grau | |
| x | |
| x | |
| x |
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | Fr. 16'990., inkl. MwSt. |
| Erstmöglicher Liefertermin | ab sofort |
| Import über | Mosport SA, 6928 Manno TI. www.mosport.ch. |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung | Testverbrauch / 100 km 8,7 l |
Konkurrenten
| Aprilia Tuono |
| Benelli TNT |
| Ducati Monster S4R |
| eventuell: Honda CB 1000 R; Kawasaki Z1000; Triumph Speed Triple, Yamaha FZ1 |
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