Menschen und Politik

Aschi Strahm

Der Andy Warhol der Töffkultur

24.11.2015 00:00 (zvg/br)

Er ist mehr als ein Kind seiner Zeit: Er prägt seine Zeit. Ja, wenn wir jetzt zurückblicken, dann können wir sagen: Ernst «Aschi» Strahm ist der Andy Warhol der helvetischen Töffkultur.


Nein, dieser Töff hat keinenHeckschaden: SolcheStreetfighter waren mal derletzte Schrei. Aschi posiertedamit 2005 für einen Artikel vordem Rössli-Saloon Madiswil. (Für mehr Bilder klicken)

Ein Hexenmeister der Kommunikation

Einen Namen, eine Marke kann man nur über Medienpräsenz machen – und da ist Ernst «Aschi» Strahm ein Hexenmeister der Kommunikation. Auf der Maschinerie der Medien spielt er wie auf einer Fidel. Geschickt nützte er jeweils die Plattform der Töffausstellungen in Zürich und kreierte Jahr für Jahr eine verrückte Höllenmaschine, die durch alle Medien fauchte. Die Einzelanfertigungen, fantasievoll, bizarr, faszinieren auch jene, die sonst keinen Bezug zur Töffwelt hatten. Und so wurde der Stand von Aschi Strahm immer wieder zum Mittelpunkt der Zürcher Töff-Show. Natürlich ist er auf du und du mit Grössen aus dem Rennsport, der Medienwelt – und dem Showbusiness. Thomas Gottschalk fuhr mit einem seiner Bikes über die Bühne, SCB-Goalielegende Renato Tosio, Fussballgott Alain Sutter oder Skikönigin Hanni Wenzel holten ihre Motoräder bei Aschi Strahm in Madiswil. Und jedes Mal klickten Fotokameras. Er schaffte es auf die Titelseiten des «Blick» und des «SonntagsBlick», in Thomas Gottschalks «Wetten, dass..?», in die «Tagesschau». Und aus England reiste 1988 ein Kamerateam der BBC an – es waren die gleichen Leute, die heute «Top Gear» machen. Die Spezialanfertigungen – seien es die MOKOs für den Strassenverkehr oder die fantasievollen, natürlich nicht für den Strassenverkehr zugelassenen Ausstellungs-Bikes – haben ihm in der Töffszene am meisten Aufmerksamkeit gebracht: weit über die Landesgrenzen hinaus und auf die Titelseiten der Töff-Heftli in aller Welt. Sie waren damals das, wie die Kunstwerke von Andy Warhol in der US-Popkultur. Mit ziemlicher Sicherheit ist die Harley-MOKO das verrückteste Bike, das Aschi Strahm je auf die Räder gestellt hatte. Ich hatte dieses Monster einst ausgiebig getestet, und es steht als Beispiel für die Töffkultur, deren Epizentrum ein bloss rund 2000 Einwohner zählendes Dorf im Oberaargau ist. Es hat wahrscheinlich nie vorher und nie mehr nachher auch nur eine annähernd so verrückte, für den Strassenverkehr zugelassene Höllenmaschine gegeben. Er hatte dieses Ungetüm für die IFMA 1985 ersonnen: einen bockigen, roten Elefanten. Offiziell mit einem Gewicht von 200 Kilogramm, doch dieser Sägebock wog aufgetankt gefühlte 300 Kilogramm. Und nahm man nach einer Blustfahrt den Helm vom Kopf, dann blieb vom Motorengeräusch im Ohr jenes leise Läuten zurück, das man sonst nur als junger Rekrut nach einem Gefechtsschiessen, begleitet vom hysterischen Befehls-Gekreische eines Leutnäntleins, kennenlernen kann. Alleine der Start des Triebwerks kam einem Orgasmus gleich. Es war ein Geräusch, das nicht aus der Welt des Homo sapiens zu stammen schien. So muss vielmehr im Jahr 4 278 123 vor Christus das unwirsche Grunzen einer Brontosaurus-Herde geklungen haben, wenn sie von einem urzeitlichen Gigantopitecus mit der siebenschwänzigen Nilpferd-Peitsche nach der Mittagsruhe von der Schachtelhalmweide geprügelt wurde. Und das, wohlverstanden, im Standgas. Heute würde die Polizei auf solch einen Töff ohne Vorwarnung das Feuer eröffnen. Das durch die nackten Auspuffrohre übertragene Schnauben der bei Vollgas stampfenden Rosse zu beschreiben – dafür fehlt mir schlicht die Fantasie. Ach ja, ich habe die techischen Daten vergessen: ein auf über 1500 cm³ aufgebohrter Motor einer Harley-Davidson Electra Glide. Und das Fahrerlebnis! Man muss sich das so vorstellen: Der unförmige breite Bock spreizt einem die Beine bis an die Grenze einer Leistenzerrung und vermittelt den Eindruck, man sitze auf einem abgearbeiteten, breithüftigen Ackergaul. Die Lenkstummel wirken wie die zur Fliegenabwehr nach aussen gerichteten Pferdeohren. So reitet man denn dieses Ungeheuer und ist glücklich darüber, dass ein Schalten des schwerstgängigen Getriebes (ein Holzhammer wäre hilfreich) bei zügiger Fahrweise eigentlich nicht nötig ist. Der erste Gang ist so lang übersetzt, dass der Saurier dank des langhubigen Trieblings locker mit 110 Kilometern in der Stunde dahintrabt. Man kann also am Fusse des Passwangs, des Brünigs, des Sustens oder des Schallenbergs ruhig absteigen, den ersten Gang einlegen und sich dann voll und ganz einem nahezu erotischen Fahrgefühl hingeben.

 

Teil 1
Der Andy Warhol der Töffkultur
Teil 2
Der Schweizer Superbike-Bauer, der gegen den Strom schwimmt

Teil 3
Immer eine Idee mehr und mit grossen Namen
Teil 4
Ein Hexenmeister der Kommunikation
Teil 5
Erfolgreich auch als Beizer

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