Der Gotthard ist wahrscheinlich der bekannteste Pass der Schweiz - denn aufgrund seiner Tunnels ist er das wichtigste und schnellste Tor zum Süden. Doch wer mit dem Töff über den Pass fährt, wird reichlich beschenkt: eine grandiose Landschaft, Kurven mit Nervenkitzel und viel Geschichte fliegen einem da zu.
Unzählige Kehren offeriert die alte Strasse durch die Tremolaschlucht. Nix für Racer, dafür der Olymp für Geniesser...
Bevor wir den Gotthard in Angriff nehmen, ist es dringend angesagt, etwas über die berühmte Geschichte des Gotthardpasses zu erfahren. Die ersten, die organisiert über den Gotthard kletterten, waren höchstwahrscheinlich die Römer. Allerdings benutzten diese den Gotthard nur selten – für die Alpenüberquerung gab es damals bessere Pässe. Das lag nicht am Gotthardpass selbst. Er ist auf der Urner Seite mit einer moderaten Steigung versehen und auch die Tessiner Tremola-Seite liess sich relativ problemlos überbrücken. Das Problem war das Stück, das hinter dem Gotthard lag: die Schöllenenschlucht. Überall abschüssig, steil, von ständigem Steinschlag gefährdet, war die Schöllenenschlucht eine wahre Höllenschlucht für die damaligen Wegbauer.
Die Teufelsbrücke machte den Weg frei
Erst um das Jahr 1200 nach Christus unternahm man die ersten zaghaften Versuche, über die Schöllenen einen gangbaren Weg zu legen. Mit dem Bau der Twärrenbrücke um 1220 und zehn Jahre danach mit dem Bau der ersten „Teufelsbrücke“ in der Schöllenen wurde aber erstmals der Grundstein für eine funktionierende Gotthard-Infrastruktur gelegt. Plötzlich merkten nun die Menschen, dass der Gotthard ja im Prinzip ein sehr geeigneter Pass ist, um die Alpen zu überqueren. Denn er ist der direkteste Alpenübergang überhaupt, da nur ein einziger, relativ niedriger Gebirgskamm zu überschreiten ist.
Im Laufe der Jahrhunderte nahm der Güter- und Personenverkehr danach laufend zu. Seit dem 17ten Jahrhundert besteht auf dem Pass eine ständige Herberge, die von den Kapuzinernmöchen geleitet wurde. 1708 wurde in der Schöllenen das erste Alpentunnel gebaut, und ums Jahr 1799 wurde der Gotthard und die Schöllenen Schauplatz schwerer Kämpfe Napoleonischer Truppen und Russischer Truppen (unter General Suworow) statt.
1830 wurde die erste richtige Strasse über den Gotthard fertiggestellt, damals dauerte die Reise mit der berühmten Gotthardpostkutsche einen ganzen Tag. 1882 folgte die Gotthardbahn. 1934 war die Kantonsstrasse fertiggestellt. 1970 kam schliesslich noch der Gotthardtunnel hinzu, und im Jahre 2016 dürfte der Gotthard-Basistunnel fertig sein (zumindestens ist’s so geplant).
Airolo
Bon. Mit diesen Infos ausgestattet, dürfen wir nun beruhigt daran gehen, diesen berühmten Alpenpass zu überqueren. Vom Nufenen herkommend, bin ich versucht, gleich in Airolo schon einmal einen Zwischenhalt einzulegen. Mitten im Dorf kenne ich da nämlich eine Pizzeria, die einem zu vernünftigen Preisen einen dieser herrlichen Teigfladen zusammenbäckt. Aber leider, leider…die Beiz ist bis zuoberst voll mit anderen Biker. Der Samstagnachmittag und das schöne Wetter haben das ihre dazu beigetragen, halb Zürich ins Gebirge hochzulocken. Et bien, dann also weiter. An mächtigen Lawinenschutzmauern vorbei geht es in Richtung Gotthard. Ein letztes Mal halte ich noch, um bergan zu schauen – imposant, wie sich da die Gotthardpass-Strasse bergan windet.
Letztere ist zu mindestens 80 Prozent mit einem Kopfsteinpflaster ausgestattet und eine somit eine reine Aussichtsstrasse. Sinnlos ist’s, sie an regnerischen Tagen zu befahren – auf Kopfsteinpflaster bremst und kurvt’s sich einfach schlecht. Weil es nicht ganz einfach ist, die alte Tremolastrasse zu finden, habe ich euch hier einen Kartenausschnitt hinterlegt. Die Karte zeigt vor allem, was für ein Wust von Strassen, sich da hinter Airolo hochschlängelt. Militärstrasse, Privatstrassen, Kantonsstrasse, Tremolastrasse…sie alle müssen auf engstem Raum aneinander vorbei. Was es für ein Strassenchaos da oben wirklich gibt, zeigt dieses Foto. Grundsätzlich gilt: solange eure Töffpneus über Kopfsteinpflaster rollen, seit ihr auf der Tremolastrasse unterwegs.
An zahlreichen Militärfestungen hangle ich mich Kurve um Kurve nach oben und geniesse dann die schöne Aussicht auf Airolo, die Autobahn und die Leventina. Fürchterlich, was für ein Blechtazelwurm sich da jeden Tag in Richtung Süden oder Norden vorwärtsbewegt. Nun, wir sind auf der alten Tremolapass-Strasse, da ist gottlob nicht viel los. Kaum habe ich das gedacht, donnern an mir schon mehrere Töffs mit viel Tempo an mir vorbei. Ok…man kann die Strasse natürlich auch so angehen, aber wie gesagt: das Kopfsteinpflaster ist zum Gasgeben nicht ideal. Der Abrollkomfort ist bescheiden, zum Bolzen gibt’s bessere Pass-Strecken.
Die nächste Sektion ist mein absoluter Lieblingsgotthard-Abschnitt: die kurvige Tremolastrasse. Das Google-Luftbild vermittelt euch immerhin einen ungefähren Eindruck, wie kurvig es dort zu und hergeht. Wäre die Strasse geteert, wäre sie ein Supermoto und 600er-Supersportler-Paradies. Aufgrund des Kopfsteinpflasters verirrt sich aber kaum einer aus der Sportsektion hierher, stattdessen sind hier sogar mächtige Gold-Wing-Schiffe zu sehen. Wer einigermassen sicher Motorrad fährt, kommt auch mit dem mächtigsten und schwersten Töff sicher um die engen Ecken. Für Anfänger empfehlen sich nach wie vor die zwei Grundsätze: „Wo du hinschaust, da fährst du auch hin“ (soll heissen: nicht zwei Meter vor sich auf den Boden starren, sondern weit um die Kurve gucken) und „zwei Finger an der Kupplung“. Sollte nämlich unversehens Gegenverkehr entgegenkommen, und man mit einem hubraumschwachen Einzylinder unterwegs sein, hilft das schnelle Ziehen der Kupplung ungemein. Nichts ist blöder auf einer Pass-Strecke, wenn einem plötzlich in der steilen Kurve der Motor abstirbt. Und ach ja: in jeder Kurve leichtes Zwischengas geben, das kann auch nie falsch sein…
Die Könner unter uns fallen angesichts der vielen Kurven nun natürlich in ein richtiges Kurven-Komma und jagen ihre Maschine mit viel Ach und Krach auf die Pass-Höhe. Doch wir nehmen es gemütlich, halten in den weitesten Kurven und blicken neugierig über die Kurvenränder. Echt, Leute, es ist ziemlich interessant, den anderen Töff-Fahrern beim Kurvne-Zirkeln zuzusehen. Kleine Fehlerchen machen fast alle (Kurvenscheitelpunkt zu früh genommen etc) – und so versuchen wir, es bei der Weiterfahrt besser zu machen. Doch halt! Wäre schade, wenn ihr für die Umgegend keine Augen mehr hättet. Zwar ist die Tremola nicht gerade eine Panormastrasse.
Interessanter erscheint mir da schon ein Besuch im Festungsmuseum auf dem Pass…aber bei dem schönen Wetter habe ich keine richtige Lust dazu. Ausserdem sind die Festungsspuren sowieso überall im Gelände zu sehen. Auf dem Foto hier solltet ihr die Öffnung für die Maschinengewehre und Kanonen sofort entdecken…Die Schweizer Regierung hatte noch vor dem Zweiten Weltkrieg herausgefunden, dass sich der Gotthard ideal zum Verteidigen eignete. In der Folge wurden die nächsten fünfzig Jahre lang unermüdlich eine Kaverne nach der anderen in den Berg gesprengt. Die Idee dabei war, dass sich das Militär und ein Teil der Bevölkerung ins "Reduit" zurückziehen sollten, um von dort weiterzukämpfen. Erst Eingangs zum 21ten Jahrhundert merkte man dann aber, dass ja sowieso der grösste Teil der Bevölkerung im Mitteland lebte - und dass die Schweiz ohne Mittelland gar keine richtige Schweiz mehr war. In der Folge werden nun immer mehr Gotthardbunker aufgegeben, respektive an Private verkauft.
Aha, da ist auch schon das Postauto vor mir. Ich pirsche mich hinter den gelben Koloss heran, als ich im Rückspiegel eine schnelle Bewegung sehe. Sofort bin ich hellwach. Tatsächlich: zwei Superbikes sind hinter mir aufgetaucht. Eine blauweisse und eine rotweisse Maschine. Vermutlich GSX-R und R1. Und der GSX-R-Fahrer fährt schon auf dem Mittelstreifen….oje…die sind hypernervös. Wollen nach vorne, wollen vorbei. Wollen keine Sekunde mit Warten vergeuden…soll ich nach vorne schiessen? Hinter der nächsten Kurve, das weiss ich von früher, wäre eine Möglichkeit. Doch wie früh startet der Gixxer hinter mir? Im schlimmsten Fall haut er den Blinker noch vor der Kurve selbst rein, einfach nur, um seine Überhol-Ansprüche anzumelden. Ich entscheide mich gegen ein Überholmanöver und lasse mich also zur rechten Seite „rollen“. Danach gebe ich mit der Kupplungshand rückwärts ein Zeichen. „Überhol,“ sag ich ihm so, und „ich bleib dahinter.“ Sekunden später schiesst er an mir vorbei, bedankt sich aber artig mit dem Bremsstiefel. Klar, auch er weiss: es gibt beim Töff-Fahren kaum eine gefährlichere als die gerade beschriebene Situation. Missverständnisse und das enorme Beschleunigungspotential unserer schweren Töffs haben da schon manch einen Töff-Fahrer ins Krankenhaus befördert.
Hospental
Kurz vor Hospetal, nach einem kleinen Tunnel, empfiehlt es sich, nach rechts auzuscheren und vom dortigen Parkplatz die Sicht über das Urserental zu geniessen. Direkt unter euch befindet sich das hübsche Hospental, das nur noch von dem wenigen Durchgangsverkehr lebt und im Vergleich zu früher jegliche Bedeutung verloren hat. Wer hier oben zu übernachten gedenkt, hat gleich in Hospental schon Unterkunftsmöglichkeiten. Natürlich lockt auch das ungleich grössere Andermatt mit Zimmern und Restaurants – aber Hospental ist etwas günstiger. Für gerade einmal 50 Franken bekommt ihr hier ein gutes Zimmer und ein Frühstück. Doch wo wir schon einmal hier oben sind, wenden wir unseren Blick Richtung Westen…und sehen in Richtung der Furka.
Kurzinfos: Max. Passhöhe: 2108 Meter Länge: rund 27 Kilometer Wintersperre: von November bis Mai
Gastrotipp
Die Passrestaurants sind aufgrund des starken Tourismusstromes nur bedingt empfehlenswert. Gute und preisgünstige Restaurants gibt es in Hospental und Airolo.
Übernachtungstipp:
Siehe Text. In Andermatt habe ich schon im Hotel Badus übernachtet und war mit Service/Preis vollauf zufrieden.
Schwierigkeitsgrad für Töff-Anfänger: Mittel bis schwer für den Tremolaabschnitt auf der Tessiner Seite. (Enge Kurven, Kopfsteinpflaster) Leicht, wer die normale Passstrasse benützt. An Wochenenden allerdings viel Verkehr.
Empfohlene Fahrtrichtung: Wunderschön ist es, vom Norden in Richtung Süden zu fahren, wenn es in Norden kalt und regnerisch ist. Dann wird es in der Tremolaschlucht mit jedem Meter in Richtung Tessin wärmer - einfach ein herrliches Erlebnis. Wer einfach sonst den Gotthard einmal kennenlernen will, fahre besser von Süden nach Norden - so kommt die Tremolaschlucht besser zur Geltung.
Racingfaktor für erfahrene Töfffahrer: Tremola völlig ohne Racingfaktor. Wer schnell fahren will, muss auf die normale Passstrasse ausweichen. Weit geschwungene, schnelle Kurven auf der Tessiner Seite. Ebenfalls gut ausgebaut ist die Urner Seite. Wer es engagiert angehen will, meide Wochenenden und befahre den Pass frühmorgens oder spät am Abend.
Aussichtsfaktor/Erlebnisfaktor: Schöne Aussicht vom Tremolaanstieg auf Tessiner Seite auf Airolo und die Leventina. Danach Erlebnis Tremola-strasse mit Ausblick auf zahlreichen Kurven. Schöner Ausblick vom Hospiz Richtung Süden. Auf Urner Seite erhebender Ausblick auf das breite Gotthardtal. Der Gotthard wird erst mit etwas Kenntnis des historischen Kontexts (siehe Text) wirklich zum grossen Erlebnis. Er gehört somit zu einem der ganz grossen Schweizer Pässen