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Vergleichstest der Supertourer
07.08.07 11:35

Kawasaki 1400 GTR - Yamaha FJR 1300

Seit sechs Jahren gibt die Yamaha FJR 1300 den Standard für Supertourer vor. Doch kann sie mit der brandneuen Kawasaki 1400 GTR (auch 1400GTR geschrieben) mithalten? Den Fahrbericht und Vergleichstest schrieb Daniel Riesen.

Einmal lockt das Nordkap, das nächste Mal Gibraltar, und die Hohe Tatra wollten wir auch schon lange mal abklappern. Gut, gibt es Motorräder vom Schlage einer Yamaha FJR 1300. Die markierte bei ihrem Erscheinen 2001 einen neuen Standard bei den Supertourern: Noch nie wurde so viel Luxus mit so viel Motor-Power verbunden.

Üppig...

Seither gabs Änderungen und Ergänzungen (Wärmeableitung, Automatik-Kupplung, Kombi-Bremse), doch im Kern ist die FJR die Gleiche geblieben: kräftiger 1300er-Reihenvierzylinder, stabiler Alu-Rahmen, Sportbremsen, kombiniert mit bequemer Sitzposition, üppigem Sitzpolster für Fahrer und Sozius, Wetterschutz, wartungsarmem Kardan und einem soliden Koffersystem. Die Yamaha ist nicht der einzige Supertourer doch scheint klar, dass Kawasaki die FJR gewissermassen als zu übertreffenden Standard annehmen durfte. Schliesslich zielt man auf dieselbe Kundschaft, auf Reisende, für die die Faszination des Tourens beim Bummeln nicht aufhört, die im bequemen Sessel gern auch mal Supersportler den Berg hoch scheuchen...

Da wundert es nicht, dass die neue, erst kürzlich vorgestellte Kawasaki 1400 GTR dem Yamaha-Klassiker trotz technischer Finessen in den grossen Zügen ähnelt. Die Kawa bietet etwas mehr Hubraum (plus 54 cm3) und Leistung (plus 11,5 PS), variable Ventilsteuerung, eine aufwendig konstruierte Kardanmoment-Kompensation und ein nicht von allen geliebtes Schlüsselsystem mit Transponder, alles im Detail in MSS 14/2007 nachzulesen.

Elegant oder bullig?
Stehen die beiden Supertourer einträchtig beieinander, fallen einige Unterschiede ins Auge. Die Yamaha setzt auf zeitlos elegantes Design, wirkt niedrig, schmaler in der Silhouette als die GTR. Diese pflegt schon optisch den kämpferischen, bulligen Auftritt.  Das scheint nicht nur so: Über die Koffer und die Spiegel gemessen ist die Kawasaki einige Zentimeter breiter.

Nimmt man Platz am Steuer der je rund 25'000 Franken teuren Schnellboote, kommt Lust nach Sporttouring auf. Die leicht nach vorne orientierte Sitzposition hinter den beinahe gleich breiten Lenkern verteilt das Gewicht auf Gesäss, Beine und Arme. Yamaha bietet zudem Einstellmöglichkeiten an.

Sitzkomfort

Der Lenker lässt sich in drei Positionen fixieren, die Sitzbank in deren zwei. Für einen Fahrer bescheidenen Kalibers ist die tiefere Stellung zwingend, weil sonst wegen der recht breiten Sitzbank kein sicherer Stand möglich ist. Auf der Kawa sitzt man höher, was dank des vorne schmal geschnittenen Polsters zu verkraften ist. Die GTR-Fussrasten sind etwas weiter hinten angebracht. Insgesamt können grosse Fahrer ihre gedämpft und agiert doch komfortabel.

GTR zuerst die Kurvenkönigin
Zusätzliche Erleichterung beim Entern der Kurven bietet die Rutschkupplung der 1400 GTR. Anpassungsgas ist überflüssig, Bremshand und Denkapparat können sich aufs Wesentliche, die schnelle Linie konzentrieren. Noch einfacher ginge es natürlich mit der Automatikkupplung der AS-Version von Yamaha, doch dafür sind rund 4000 zusätzliche Franken (für die Automatik-Yamaha) fällig.

Mit der Kawasaki lässt man es auch deshalb sofort sorglos fliegen, weil sie beim Bremsen in Schräglage souverän auf Kurs bleibt, während sich die Yamaha, obgleich auf schmalerem Hinterreifen unterwegs (180er statt 190er), deutlich aufrichtet.

Foto: Beide Tourer

Handlichkeit

Und welche ist handlicher? Das Mehrgewicht spricht gegen die GTR. Doch sie trägt das Gewicht hoch, was Richtungswechsel erleichtert. Bei der Handlichkeit gibts deshalb ein Unentschieden. Auf holprigen Strassen allerdings setzt die Kopflastigkeit die Gabel unter Stress, sie lässt in solchen Fahrsituationen trotz fast vollständig zugedrehter Auswärtsdämpfung zu viel Bewegung zu.

Abgesehen von Kritik im Detail (bzw. im Fall von forcierter Fahrweise) werden beide Supertourer ihrem Anspruch gerecht. Sie fahren sich präzis und stabil bis in hohe Tempi. Strassen jeder Art attackiert man mit der entspannten Gelassenheit eines Busfahrers.

Motoren

Von den Leistungsdaten her (140 gegen 128 PS Maximalleistung am Hinterrad) hat die Kawasaki Vorteile. Gefühlsmässig langt der Yamaha-Vierzylinder aber mindestens so kräftig zu. Einfach deshalb, weil er ruppiger ans und vom Gas geht als der von einer Doppeldrosselklappen-Einspritz-Batterie gefütterte Powerblock der Kawasaki.

Diese sämige Leistungscharakteristik passt für einen Tourer ausgezeichnet. Und Beine besser hinter die Verkleidung falten.
Auf der Autobahn geht der Komfort-Test weiter. Bei grad noch legalem Speed kurbelt die FJR 1300 rund 400/min schneller – im lang übersetzten 5. und grössten Gang. Die 1400 GTR bietet einen Gang mehr, und der sechste Gang ist sehr lang, als Overdrive ausgelegt.

Windschutz

Bei beiden Motorrädern lässt sich über einen Schalter am Lenker die Windschutzscheibe in der Höhe und in der Neigung einstellen. Die FJR-Scheibe ist deutlich höher und breiter. Hier finden Piloten unterschiedlicher Grösse eine Position, mit der es sich auf der Autobahn leben lässt. Verwirbelungen bleiben weitgehend aus, nur ein leichter Druck im Nacken stört. Das war bei den ersten zwei FJR-Jahrgängen noch anders.

Kawasaki hat sich aus optischen Gründen für ein knappes Scheibchen entschieden. Das Resultat: In tiefer Stellung tost der Sturm, weiter oben beginnen ermüdende Verwirbelungen. GTR-Käufer werden wohl als erstes Zubehör die grössere Scheibe ordern. FJR-Fahrer hingegen wünschten sich eine Neuprogrammierung der Scheiben-Elektrik, denn bei jedem Halt respektive jeder Zündunterbrechung fährt die Scheibe in die tiefe Position zurück.

Ausstattung
In den Disziplinen Komfort und Ausstattung kann die Yamaha punkten, auch weil sie mit den schon bald wieder aktuellen Heizgriffen glänzt. Auf die Frage «Was hat sie, was ich nicht habe?» muss sich die Yamaha nur beim minimal besseren Wetterschutz der Verkleidung und beim Reifenluftdruck geschlagen geben. Den messen Sensoren der Kawasaki regelmässig. Fällt der Druck unter 2,2 bar, gibts eine Warnung im Digitalcockpit.

Die ersten Voten gehen an die Kawasaki trotz ihres 15-kg-Gewichtsnachteils. Bei der Schräglagenjagd stellt sich augenblicklich Vertrauen ein. Man sitzt auf der GTR einen Tick kompakter und mehr zum Vorderrad orientiert. Die üppige USD-Gabel, der massive Monocoque-Rahmen – eine Weiterentwicklung aus ZX-12 R und ZZR 1400 – und die steife Hinterradführung halten die Pfunde unter Kontrolle. Die Gabel ist auch für grobe Bremsmanöver ausreichend resolut obschon bei den Ausgleichswellen der 2:2-Gleichstand herrscht, läuft die GTR-Turbine auch vibrationsärmer.

Foto: beide Tourer

Bremsen

Es ist nicht ganz ohne, 300 kg schwere Tempobolzen auch wieder abzufangen. Die Bremsanlagen von GTR und FJR habens aber drauf. Bissig packt die Vorderbremse der Yamaha zu, zu bissig jedenfalls für die Gabel mit Standarddämpfung. Für Anpassungsbremsungen beschränkt man sich deshalb oft aufs Fusspedal, denn von dort führt eine Leitung zu zwei der Bremskolben vorn. Die Kombi-Bremse passt für einen Tourer bestens.

Konventionell, dafür voll radial (Bremszangen und Bremshebel) bremst die Kawasaki. Zuerst sanft, doch dann entschlossen packen die Beläge die Wave-Scheiben. Oder anders formuliert: Bremsmanöver perfekt dosierbar. Hinten ist die Wirkung dafür etwas schwach.

Bei beiden Bikes ist ABS inklusive. Dass das System der FJR eher grob regelt, ist keine neue Erkenntnis. Die GTR greift feiner, aber auch früher ein. Selten hatte ich bei einem ABS dermassen das Gefühl, ich könnte «ohne» locker stärker bremsen.

Getriebe

Sympathiepunkte sammelt die GTR hingegen beim Schalten. Die Kupplung erfordert deutlich weniger Handkraft als jene der FJR, die Gänge flutschen, was man von der Yamaha nicht behaupten kann.

Für Langweiler mit Fernweh?
Sowieso überwiegt bei FJR und GTR das Gemeinsame. Wie kaum eine andere Fahrzeugkategorie machen sie einfach Lust, aufzubrechen, egal, in welcher Ferne das Ziel liegt. Irritierend bloss, dass sich die Hersteller bei der Farbwahl so konservativ geben. Entsprächen die angebotenen dunklen Farben gänzlich den Kundenwünschen, man müsste glauben, sie seien Langweiler. Doch das kann nicht sein!

Den ausführlichen Bericht lest ihr in MOTO SPORT SCHWEIZ 16/2007; das Heft kann selbstverständlich auch online abonniert werden. Hier lang…


Kawasaki 1400 GTR

Preis inkl. NK                              Fr. 24'990.–
Hubraum (B×H mm)                   1352 ccm (84×61)
Motortyp                                     Reihe 4

Motorkühlung                             Wasser
Nennleistung                              155 PS bei 8800/min
Drehmoment                              136 Nm bei 6200/min
Rahmenbauart                           Alu-Monocoque
Radstand                                   1520 mm
Lenkkopfwinkel                           63,9°
Nachlauf                                    112 mm

Sitzhöhe                                     815 mm
Trockengewicht (voll)                 279 kg (308 kg)
Tankinhalt                                  22,0 l (Res. k.A.)
Testverbrauch ø 100 km            7,6 l
Weitere Daten in Heft:                MSS 14/2007

Bewertung (Maximal fünf Punkte möglich, Minimum ein Punkt)

In der Stadt                                2 Punkte
Auf grosser Tour                        5 Punkte
Sportlich fahren                          4 Punkte
Zu zweit unterwegs                      4 Punkte
Emotionen                                   3 Punkte




Yamaha FJR 1300 A

Preis inkl. NK                                   Fr. 24'930.–                        
Hubraum (B×H mm)                         1298 ccm (79 × 66,2) 
Motortyp                                          Reihe 4

Motorkühlung                                  Wasser          
Nennleistung                                  143 PS bei 8000/min
Drehmoment                                   134 Nm bei 7000/min
Rahmenbauart                               Aluprofil-Brücke
Radstand                                       1550 mm
Lenkkopfwinkel                              64°
Nachlauf                                        109 mm

Sitzhöhe                                        805 mm
Trockengewicht (voll)                    264 kg (289 kg)
Tankinhalt                                     25 l (Res. k.A.)
Testverbrauch ø 100 km               7,4 l
Weitere Daten in Heft:                  MSS 6/2006

Bewertung (Maximal fünf Punkte möglich, Minimum ein Punkt)

In der Stadt                                2 Punkte
Auf grosser Tour                        5 Punkte
Sportlich fahren                          4 Punkte
Zu zweit unterwegs                      4 Punkte
Emotionen                                   3 Punkte



MSS-Video: Daniel Riesen erklärt Details zur neuen Kawasaki 1400 GTR und zur Yamaha FJR 1300.



MSS-Video: Kawasaki 1400 GTR auf dem Dynojet-Prüfstand:



MSS-Video: Yamaha FJR 1300 auf dem Dynojet-Prüfstand:

 
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