Auf Achse

Motorradtour Schweiz - Sardinien

Meerumspültes Banditenland

02.07.2014 00:00 (bb/br)

Auf Sardinien hat sich bis heute eine Weiträumigkeit und Authentizität bewahrt, die man sonst in Italien vermisst. Hier atmet alles den unbändigen Drang nach Freiheit unter südlichem Himmel und geschichtsträchtiger Vergangenheit. Ein Refugium für Entdecker.


Auf Sardinien hat sich bis heute eine Weiträumigkeit und Authentizitätbewahrt, die man sonst in Italien vermisst. (Für mehr Bilder klicken)

Es herrscht gefrässige Stille. Nur genüssliches Krachen und Knuspern durchbricht das andächtige Schweigen, was vom Verzehr des überaus leckeren Spanferkels herrührt, das die Bäuerin einen Tag lang für uns im Ofen hingebungsvoll gebraten hat. Dazu gibt es das papierdünne Brot «Pane Carasau». Dem Hauptgang vorausgegangen sind traditionelle Primi wie die «Malloreddus», kleine, mit Safran gewürzte Nudeln an einer Tomatensauce und Pecorino, und «Culingiones», Ravioli, gefüllt mit Kartoffeln, Mascarpone und Minze. Dazu trinken wir jungen sardischen Wein, der erfrischend die Kehle netzt. Wir sind im Paradies gelandet, drei Tagesreisen von Olbia entfernt, tief im Hinterland der Barbagia, dem Barbarenland. In Aritzo sind wir Gäste des Agriturismo Aradoni und wohnen in Hirtenbehausungen nachempfundenen «Pinnetos».

 

Fellbehangene Banditen und knorrige Schäfer

Ein Paradies mitten im Barbarenland? Maria, unsere Gastgeberin, die mit ihrer Familie den auch Gästen offenen Bauernhof betreibt, führt uns zurück in die dunkle Vergangenheit der Gegend. Hierher, ins unzugängliche und unwirtliche Herz Sardiniens wurde das Inselvolk mit seinem alten Hirtenberuf und seinem archaischen Lebensgesetz von Gerechtigkeit und Rache von Invasoren abgedrängt, weidete seine Schafe und Ziegen in den kargen, von Macchia bewachsenen Hochebenen und lebte in wie Vogelnester an die Berge gebauten Dörfern in der heute noch wenig erschlossenen Einöde zwischen Steineichen und Edelkastanien. Weitgehend unberührt vom Tourismus von Costa Smeralda & Co. prägten schroffe Berge, knorrige Schäfer und wilde Schiessereien den Banditen-Mythos, dessen Wurzeln 4000 Jahre zurückreichen, als Hirtenstämme nach Sardinien einwanderten und auf der Insel Vieh- und Weidewirtschaft betrieben. Nacheinander fielen Phönizier, Römer, Pisaner, Vandalen, Spanier und Piemonteser über die Insel her, plünderten und bluteten sie aus und vertrieben die Einheimischen hierher.

Schon 50 v. Chr. entwickelte sich ein spontaner, unorganisierter Widerstand in Form blutiger Raubzüge gegen die Besatzer, und aus den Hirten wurden «fellbehangene Banditen», wie die Römer die Landbevölkerung beschrieben. Missernten, Hungerkatastrophen, Malaria, Pest und Cholera bestimmten das Bild, Räubereien und Viehdiebstähle waren an der Tagesordnung. Als 1718 Savoyen-Piemont Sardinien zugesprochen bekam, fanden die Norditaliener eine vom spanischen Feudalsystem völlig zerrüttete, jeglicher Entwicklung beraubte und in Selbstjustiz verhaftete Gesellschaft vor. Selbst das Aufzwingen von Gesetzen mit drakonischen Strafen, wonach sogar das Beerensammeln unter Todesstrafe gestellt wurde, brachte nichts. 1903 bis 1917 wurden etwa in Orgosolo während eines Familienkriegs über 50 Personen ermordet. Erst reiche Spekulanten brachten in den 1960er- Jahren andere Sitten und Gebräuche auf die Insel. Das Banditentum blieb hingegen bestehen, und wenn es auch keine fellbehangenen Räuber mehr sind, die für Unruhe sorgen, ist es heute der verlängerte Arm der Mafia, der das Geschehen auf der Insel im Untergrund steuert.

Unterdessen ist es dunkle Nacht geworden, und nach dem erfrischenden Mirto, einem süssen Likör, der aus den Beeren der Myrte hergestellt wird, verkriechen wir uns in unsere Pinnetos und träumen von Barbaren und Banditen, deren Heimat wir morgen zu explorieren gedenken. Sieben Motorräder begrüssen uns im glitzernden Morgentau nach der kalten Nacht, denn wir sind auf knapp 1000 Höhenmetern und warten wärmehungrig auf die ersten Sonnenstrahlen. Die Karte verheisst auch ohne entsprechende Einstellung auf dem TomTom «kurvenreiche Strecke», und so starten wir unsere Maschinen, der Spur der sardischen Vendetta folgend, ins gebirgige Herz Sardiniens.

EU-Geldern sei Dank sind die Strassen, zumindest die in der Karte gelb eingezeichneten, bestens instand, Abstecher auf Kleinstrassen sind aber besser zu unterlassen, hier ist das Asphaltband durchlöchert wie nach einem Bombenangriff. Nix für unsere schweren Strassenkreuzer. Aber generell braucht es für Sardinien keine Enduro, wer sich an die offiziellen Strassen hält, kommt auch so zum kurvigen Handkuss. Die heutige Runde führt uns hinauf in die Hochebene, die mit einer ungesehenen floristischen und bunten Artenvielfalt aufwartet, und führt uns in dunkle, von Kastanienwäldern bestandene Senken. Wir schlängeln uns durch ein Gebiet, das uns einerseits fremd und doch wieder vertraut vorkommt, treffen auf Ziegenund Schafherden und kehren in kleinen Dörfern zum Cappuccino ein. Überall sind die Einheimischen freundlich und zuvorkommend. Von wegen Barbaren! Solche sind höchstens in dahinrasenden einheimischen Bürgerkäfigen oder auf zweirädrigen Boliden anzutreffen – und schnell wieder verschwunden.

 

Von den Bergen ans Meer

Nachdem wir unsere Tour von Olbia kommend an der Ostküste in Cala Gonone im Hotel Costa Dorada mit seinem liebenswürdigen Wirt Alessio Mulas begonnen und die dortigen Landstriche der Küste lang bis Tortoli entdeckt haben, wenden wir uns nach dem geschichtlich wie auch fahrtechnisch interessantesten Teil der Reise der Westküste und dem Norden zu. Nochmals geht es auf anderer Route durch das Banditenland, ehe wir in Cuglieri wieder das Meer blitzen sehen. Auf aussichtsreichen Küstenstrassen gelangen wir nach Alghero und quartieren uns für die nächsten beiden Nächte im Hotel Riviera ein.

Hier treffen wir auf eine gänzlich andere Kultur als in den kargen Bergen oder an der Ostküste, der katalanische Einfluss ist bis heute erhalten geblieben. Auch Algheros Geschichte ist von Fremdherrschaft geprägt und begann etwa 800 v. Chr. mit den Phöniziern und Karthagern, bis im 11. Jh. die genuesische Familie Doria die Stadt von sarazenischen Piraten befreite, besetzte und in eine Festung gegen die Pisaner umbaute. 1354 eroberten die Katalanen die Stadt, bauten die Festung aus und vertrieben die Einheimischen. Heute ist der Ort mit seinen zahllosen Kirchen, Piazze und Türmen und der imposanten Festung ein Zentrum des modernen Badetourismus und die Altstadt geprägt von lebendigem Treiben in den engen Gassen. In den Restaurants werden vor allem Fisch und Meeresfrüchte zubereitet, wobei die Paella als katalanisches Erbe zuvorderst auf der Speisekarte rangiert.

 

Eine Steinbruchscharte mit Aussicht

Während sich einige unserer Gruppe die Stadt anschauen und am Nachmittag am Hotelpool faulen zen, machen wir uns auf, das Umland zu entdecken, denn in dieser Ecke Sardiniens gibt es die berühmte Passstrasse nach Villanova Monteleone hoch sowie die Nuraghen von Palmavera, prähistorische Turmbauten der Bonnanaro-Kultur (2200 bis 1600 v. Chr.). Uns interessiert besonders das Dorf Monteleone Rocca Doria, das, einem Adlerhorst gleich, auf einem riesigen Kalksteinblock thront und zu welchem eine aberwitzige Strasse, wie sie die Turmbauer zu Babel nicht besser hätten errichten können, hinaufführt.

Kurz nach dem Temo-Stausee, die serpentinenreiche Passfahrt Villanova bereits im Fahrwasser, zweigen wir ab nach Monteleone Rocca Doria und nehmen die steile Anfahrt unter die Räder. Schon von Weitem war der riesige Kalksteinklotz, in dessen Flanke sich die gewaltige Scharte eines Steinbruchs öffnet, sichtbar. Der Ort wurde zusammen mit seiner Burg von der genuesischen Adelsfamilie Doria im 13. Jh. gegründet. Während der ersten Hälfte des 15. Jh. wurde Monteleone Rocca Doria durch aragonesische Truppen besetzt. Drei Jahre lang, von 1433 bis 1436, hielt man der Belagerung stand, war jedoch schliesslich wegen Hungersnot zur Kapitulation gezwungen. Die Burg wurde daraufhin geschleift, aber ihre Ruinen sind heute noch zu sehen. Wir stellen die Motorräder bei der Kirche San Stefano aus dem 7. Jh. ab und wandern zu Fuss zum Steinbruch hinüber. Hier wurden bis in die 1960er-Jahre Kalkquader gewonnen, offensichtlich, bis ein riesiges Stück aus der Wand herausbrach und der Abbau gestoppt werden musste. In der Scharte stehend, überblicken wir aus grosser Höhe die weiten Ebenen West- und Ostsardiniens bis hin zur Costa Smeralda.

 

Zum Abschluss an die Jetset-Küste

Eine Nacht bleibt uns noch, bis uns die Fähre von Olbia wieder zurück nach Genua bringt. Diese eine Nacht wollen wir an der Costa Smeralda verbringen, kommen vom Unternehmen angesichts der exorbitanten Preise aber schnell ab und suchen uns Quartier in Palau, einem vorgelagerten Fischerdörfchen. Im Hotel La Roccia, das zwischen zwei Granitfelsen gebaut ist, finden wir saubere Unterkunft mit freundlichem Personal. Die Fahrt dahin, immer entlang der Nordküste, eröffnet uns abermals ein gänzlich anderes Sardinien: Das Meer wird blau-türkis und kristallklar, und kilometerlange Sandstrände säumen die Küste. Nachmittags starten wir eine Wanderung zum gegenüberliegenden, von runden Granitfelsen durchsetzten Strand vonPalau und können uns an den Farben und dem Wechselspiel von Meer, Himmel und Wolken kaum sattsehen. Den letzten Abend verbringen wir in einem Fischrestaurant am Hafen und lassen uns und die Reise hochleben – diesmal mit einem feinen Tropfen Arigolas, einem Wein mit intensiven Brombeertönen und feinen Granatreflexen.

 

Wo das Geld des Jetsets regiert

1960 entdeckte Karim Aga Khan den fantastischen Küstenabschnitt der heutigen Costa Smeralda und kaufte von Schafhirten auf einer Länge von 55 km Land ab. Er bildete ein Konsortium und baute künstliche Fischerdörfer mit Häfen, deren Gebäude nicht höher als drei Stockwerke sein durften. 1962 wurde Porto Cervo, der mondänste Ort, fertiggestellt, und dank der Zusammenarbeit mit führenden Landschaftsarchitekten erhielt die Costa Smeralda eine gewisse Authentizität mit ihren stilvollen Villen und nobel-folkloristischen Bauten.

Auch wir wagen einen Abstecher nach Porto Cervo und bestaunen riesige Segel- und Motorjachten im Hafen. Doch viel Zeit bleibt uns nicht, unsere Fähre legt um 18 Uhr in Olbia ab, was heisst, dass wir zwei Stunden vorher am Pier zu sein haben. Just bevor erste dicke Regentropfen eines Wärmegewitters auf die Tanks unserer Zweiräder klatschen, kommen wir in Olbia an. Und es scheint, als ob auch der Himmel ein paar Tränen vergiesst ob dem Ende unserer eindrücklichen Töffreise. Unser Fazit fällt denn auch einstimmig aus: Das meerumspülte Stück Land am Rande Europas ist zu facettenreich, um es in ein paar Tagen zu erfahren.

Da gibts nur eins: Wiederkommen!

 

Reise-Info Luzern-Sardinien

 

EIN MÄDEL UND SECHS GENTLEMEN

Unter dem Titel «Gentlemen’s Ride» fährt eine Gruppe von sieben Zentralschweizern jährlich eine Tour ins Ausland. Anlässlich des Fünf-Jahre- Jubiläums führte der Ride über zehn statt der gewöhnlichen fünf Tage nach Sardinien. Brigitte Burri, Redaktorin «Auf Achse» und Organisatorin des Rides, hat die Erlebnisse auf Sardinien in Text und Bild festgehalten und dem Saisontesttöff Suzuki V-Strom, genannt «Suzi Q», rund 2500 knackige Kurvenkilometer ins Fell gebrannt.

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