Menschen und Politik

Persönlich - Martin Senn

Tinu lernt das Fliegen

27.07.2015 00:00 (bb/br)

Er ist ein Freigeist und lässt sich von nichts bremsen. Auch nicht von seiner Querschnittlähmung. Als aber sein Chef ein neues Motorrad kauft, beginnen Martin Senns Augen zu glänzen.


Ready for Take-off: Stefan (gelber Helm) pilotiert den «Tiefflieger» mit Sozius Tinu, während Susanne mit der «Garette» huckepack folgt. (Für mehr Bilder klicken)

Immer wieder breitet Tinu seine Arme aus, als wollte er abheben und davonschweben wie ein Adler, während die wuchtige Sechszylinder-BMW über die Landschaft braust. Tinu, bürgerlich Martin Senn, ist im Begriff, in die dritte Dimension einzutreten. «Das stimmt auch», erklärt Stefan Staubli später, er ist Tinus Fahrer und Chef, «Töfffahren kommt dem Tiefflug eines Flugzeugs sehr nah.» Bäume, Häuser und Wälder rauschen an uns vorbei wie ein Film, erquickend sind die Düfte des Sommermorgens, warm scheint die Sonne, und das sonore Brummen unserer Motoren atmet die vielbeschworene Freiheit, die heute, an diesem speziellen Tag, keine hohle Hülse, sondern intensiv gelebter Augenblick ist.

 

«Es ist lange her, dass mir so die Spucke weggeblieben ist.»

Martin Senn

 

 

Als wir nach rund 100 km rasanter Fahrt von Nottwil LU über die sanften Hügel und Täler des Freiamts und Seetals auf dem Aussichtsberg Horben hoch über Hochdorf LU ankommen, bleibt Tinu stumm wie ein Fisch – er, sonst nicht um Worte verlegen, ist ganz und gar überwältigt vom Erlebnis des scheinbar schwerelosen Dahingleitens. Es dauert einen Moment, dann purzelt ihm nach einem Schluck Eistee aus dem Mund: «Es ist lange her, dass mir so die Spucke weggeblieben ist!» Während wir Tinu helfen, sich von Helm, Handschuhen und Motorradjacke zu befreien, ihn aber noch einen Moment auf dem komfortablen Soziusthron der BMW K 1600 GTL ruhen lassen, demontieren Stefan und Susanne Zürcher, PR-Projektleiterin der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und begeisterte Motorradfahrerin, die «Garette», so nennt Tinu seinen Rollstuhl, von Susannes BMW F 700 GS, die heute als Lastesel herhalten muss und ihre Aufgabe mit Bravour erledigt. Danach hievt Stefan, ein Hüne von Mann, Tinu von der GTL und platziert ihn vorsichtig im Rollstuhl. Die Menschen in der vollbesetzten Gartenbeiz staunen nicht schlecht ob dem illustren Quartett – vier Motorradfahrer und einer davon im Rollstuhl? Wie kann das gehen? Es kann gehen, wenn die richtigen Menschen zusammentreffen und von ihrem Background her die nötigen Kenntnisse in Medizin und Betreuung von mobilitätseingeschränkten Menschen mitbringen. So ein Mensch ist Stefan, seit rund drei Jahren Chef von ParaWork, dem Kompetenzzentrum für berufliche Wiedereingliederung des Schweizer Paraplegiker- Zentrums in Nottwil. «ParaWork unterstützt Menschen, die durch Unfall oder Krankheit auf einen Rollstuhl angewiesen sind, in der beruflichen Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt und bietet ein individuell angepasstes Vorgehen an», erläutert der passionierte Motorradfahrer. Mit seinem Team von 14 Mitarbeitenden betreut Stefan Menschen nach einem schweren Schicksalsschlag bei beruflichen und bildungsorientierten Themen so, wie sie dies als nichtbehinderte Menschen auch gerne gehabt hätten. «Um eine glaubhafte Chancengleichheit erreichen zu können, sind neue Visionen, angepasste Infrastrukturen und neue Netzwerke aufzubauen, die dem Querschnittgelähmten wieder Hoffnung geben und ihn integrieren.» Auch Tinu hat den Bereich ParaWork genutzt, als er nach seinem Kletterunfall am Bürgenstock im April 2001 zuerst per Rega-Helikopter ins Kantonsspital Luzern und danach ins Schweizer Paraplegiker- Zentrum nach Nottwil überführt wurde. Der aufgeweckte gebürtige Berner Oberländer erzählt frank und frei von seinem Unfall und erstickt aufkommendes Mitleid sofort im Keim. «Ich war 23 Jahre alt, als es passierte. Freeclimbing war damals meine grosse Leidenschaft, kein Berg war steil genug für mich, Grenzen kannte ich keine.» Am Bürgenstock stürzte er ohne Seil kletternd 20 m im freien Fall ab, bis er in am Vortag montierten Stahlkabeln hängen blieb. «Die retteten mir das Leben», sagt Tinu, «und eine Seminarteilnehmerin, die oben auf dem Bürgenstock im Hotel während einer Pause meine Schreie hörte.»

Sie hatte zehn Jahre lang bei der Rega gearbeitet und leitete sofort per Notruf 144 die Bergung ein. Aufgrund seiner schweren Verletzungen (zertrümmertes Becken, Beinbrüche, Rückenwirbelbruch im Brustbereich sowie zertrümmerte rechte Hand) wurde Tinu in Nottwil drei Wochen ins künstliche Koma versetzt. «Als ich wieder aufwachte und atmen konnte, war ich so dankbar, dass mir zuerst gar nichts anderes in den Sinn kam», blickt Tinu zurück. «Erst als mein Vater an meinem Bett stand und sagte: ‹Tinu, das wars jetzt mit deinem bisherigen Leben›, war sofort klar für mich, dass nun etwas komplett Neues für mich anfangen würde.»

 

«Tinu, das wars jetzt mit deinem bisherigen Leben.»

Vater von Martin Senn

 

 

Teil 1
Tinu lernt das Fliegen
Teil 2
Martin und die Donau

Teil 3
Am Anfang war ein 50. Geburtstag
Teil 4
Die Wahl des richtigen Töff
Teil 5
Geteilte Freude ist doppelte Freude
Teil 6
Steckbrief - MARTIN SENN

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