Menschen und Politik

Persönlich - Martin Senn

Tinu lernt das Fliegen

27.07.2015 00:00 (bb/br)

Er ist ein Freigeist und lässt sich von nichts bremsen. Auch nicht von seiner Querschnittlähmung. Als aber sein Chef ein neues Motorrad kauft, beginnen Martin Senns Augen zu glänzen.


Ready for Take-off: Stefan (gelber Helm) pilotiert den «Tiefflieger» mit Sozius Tinu, während Susanne mit der «Garette» huckepack folgt. (Für mehr Bilder klicken)

Martin und die Donau

Auf einen Schlag hatte sich das Leben für den abenteuerlustigen, gelernten Metallbauschlosser geändert, der bis zum Unfall in einem alten VWBus gelebt hatte und damit so mobil war, wie es zu seinem freigeistigen Denken passte. Ein einschneidender Moment, wo mancher absolut verständlicherweise mit seinem Schicksal ins Hadern kommt. Nicht so Tinu: «Während der Reha in Nottwil habe ich viel Neues gelernt und entdeckt, was ich mit vollem Eifer angenommen und umgesetzt habe. Ich habe nie mit meinem Los gehadert, auch nie zurückgeschaut, sondern den Fokus ganz auf mein neues Leben ausgerichtet. Dieses ist jetzt mein neues Abenteuer.» Die Kraft dazu entdeckte er während der ersten Zeit in Nottwil, als er in der Stille allein durch Atmung das enorme Potenzial entdeckte, das in ihm steckte, und von Beginn an darauf vertraute. Als er nach Monaten physisch wieder so weit hergestellt war, dass nun seine berufliche Wiedereingliederung in den Fokus rückte, kam er zu ParaWork. «Was ich früher als Metallbauschlosser mit meinen Händen ausführte, lernte ich nun mit dem Computer zu berechnen.» So wurde Tinu zum Maschinenbautechniker und vom Macher zum Denker. «Ein Punkt, ein Gedanke, eine Idee, ein Wunsch, ein Traum – je mehr man an das glaubt, was man möchte, desto mehr Aufmerksamkeit schenkt man dem, was man sich wünscht, und so verdichtet es sich immer mehr, bis es zur Realität wird», philosophiert Tinu. Nur: Bei schönen Worten und der Philosophie bleibt es nicht. Tinu, ein Mann der Taten, setzt um, und zwar im Beruf wie auch privat. So nahm er vor fünf Jahren die über 1000 km lange Distanz vom Ursprung der Donau bis nach Budapest unter die Räder – im Rollstuhl notabene. Wahnsinn oder Ausloten der Grenzen? «Hat mich beides nie interessiert», meint er, «das ist unnötiger Ballast und verstellt den Blick aufs Wesentliche. Ich will frei sein, autonom.» Auf die Idee kam er auf seiner Reise nach Nepal mit einer Equipe des Schweizer Paraplegiker-Zentrums. «Da habe ich mich auf ein Minimum an Gepäck beschränkt und dann plötzlich gedacht, das wäre was, mal so unterwegs sein, nur mit dem Rollstuhl, das müsste cool sein.» Die Reise wurde zum Erfolg, und Tinu hatte die Bestätigung, dass uns nach seiner Erfahrung nur der Kopf und der Verstand daran hindern, unsere Träume real werden zu lassen.

 

Teil 1
Tinu lernt das Fliegen
Teil 2
Martin und die Donau

Teil 3
Am Anfang war ein 50. Geburtstag
Teil 4
Die Wahl des richtigen Töff
Teil 5
Geteilte Freude ist doppelte Freude
Teil 6
Steckbrief - MARTIN SENN

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