Ratgeber

Töff-Textiljacken im Vergleich

Was ist der Unterschied ?

04.03.2014 15:05 (lü/br)

Lohnt es sich, tiefer in die Tasche zu greifen, oder tut es auch eine preisgünstige Jacke? Wir forschten nach anhand von drei Textiljacken.


Bianca Löhr, Store-Managerin von Polo St.Gallen,trägt eine Drive Mohawk Sympatex fürCHF 359.90. An ihrer Hand die graue PharaoRally IV für CHF 497.90, am Lenker desCustombikes hängt die Road Atlanta Cordurazum Preis von CHF 169.90. Warum diesePreisunterschiede?

«Sieht doch ganz schön aus, die Motorradjacke Road Atlanta Cordura von Polo für CHF 169.90. Obermaterial Cordura, wasserdichte Membran, herausnehmbares Thermofutter, mehr brauchts doch nicht?», fragt man sich als Laie. Doch an einem anderen Ständer hängt im gleichen Geschäft die Drive Mohawk Sympatex für CHF 359.90. Sieht auch gut aus, kostet aber mehr als das Doppelte wie die Road Atlanta. Und ganz schön präsentiert ist da noch die Pharao Rally IV, zu haben für CHF 497.90, fast dreimal so teuer wie die Road Atlanta.

 

Günstig um jeden Preis zieht nicht

Warum dieser markante Preisunterschied? Wir befragten Astrid Benten, beim deutschen Hersteller Polo verantwortlich für Design und Produktentwicklung. «Der Schweizer Markt unterscheidet sich doch klar von unserem Heimmarkt», hat sie in den sieben Jahren, seit Polo auch in der Schweiz Filialen betreibt, festgestellt. «In Deutschland gibt es eine grosse Käufergruppe, die prioritär auf einen günstigen Preis achtet. Diese Käufer gibt es in der Schweiz eher weniger. Die Schweizer Motorradfahrer wollen gute Qualität und sind bereit, dafür einen angemessenen Preis zu bezahlen.»

 

Von geschützten Markennamen und No-Names

Bei allen drei erwähnten Jacken handelt es sich um Eigenmarken von Polo, man bezahlt also nicht einen klangvollen Markennamen – und doch bezahlt man diesen teilweise, nämlich bei den verwendeten Rohmaterialien. So wird bei allen drei Jacken das Polyamidgewebe Cordura verwendet. Cordura ist ein geschützter Markenname des Schweizer Unternehmens Invista. Nur lizenzierte Webereien dürfen ihre Gewebe Cordura nennen. Diese Webereien werden regelmässig überprüft. Webereien ohne Lizenz, die aber ebenfalls Polyamidfasern verarbeiten, bezeichnen ihre Gewebe anders, an der Road Atlanta heisst es 500 D.

Cordura, das durch besondere Webtechnik eine strukturierte Oberfläche aufweist und darum noch abriebfester ist, wird Ripstop-Cordura genannt.

Und unsere drei Jacken? Die Road Atlanta besteht aus Polyamid 500 D, an exponierten Stellen aus Cordura. Die Drive Mohawk und die Pharao Rally bestehen grösstenteils aus Ripstop-Cordura, zusätzlichen Schutz bietet Lederbesatz an Schultern und Ellenbogen, wobei an der Pharao ein wasserabweisendes Rindsleder verarbeitet ist, an der Mohawk ist der grossflächigere Besatz aus Büffelleder. An ganz preisgünstiger Bekleidung wird als Obermaterial oft Polyester verwendet, das eine glänzende, glatte Anmutung hat und weniger abriebfest und hitzebeständig ist als Polyamid.

 

Nochmals Markennamen und No-Names

Unterschiede gibt es auch bei den Membranen, die umgangsspachlich ja oft einfach mit dem Markennamen Gore-Tex des amerikanischen Herstellers W. L. Gore & Associates bezeichnet werden: An der Road Atlanta ist ein No-Name-Produkt eingebaut, an der Drive Mohawk eine Sympatex-Membran, an der Pharao Rally die Polo-Qualitätsmarke Premium Polo-Tex. «Grundsätzlich verwenden wir bei Polo keine Membran, die nicht mindestens 5000 MVTR und 4000 mm Wassersäule erreicht», sagt Benten. Diese beiden Zahlen sind Masse für Atmungsaktivität und Wasserdichtigkeit. «Gore-Tex gibt für seine Membranen 10 000 MVTR und bis 80 000 mm Wassersäule an, Sympatex und auch Polo-Tex Premium erreichen vergleichbare Werte. Gore-Tex war bis vor etwa zehn Jahren klar führend, doch inzwischen haben andere Hersteller aufgeholt, da gibt es auch No-Names, die mit Gore-Tex mithalten können. Nach wie vor steht Gore-Tex für stabile Spitzenqualität und bietet dazu einen Reparaturservice, deshalb ist diese Membran teurer.»

Die Atmungsaktivität jeder Membran hat aber physikalische Grenzen: Damit diese funktionieren kann, muss es im Innern der Jacke wärmer sein als draussen, und die Luftfeuchtigkeit muss drinnen höher sein als draussen. In der Praxis kommen Membranen unter extremen Bedingungen wie z.B. subtropischem Klima oder beim Offroad-Einsatz ans Limit. Es ist darum ein klarer Vorteil, dass an der Pharao Rally nicht nur das Thermofutter, sondern auch die Membran herausgenommen werden kann. Generell hängt die Atmungsaktivität einer Jacke nicht nur von der Membran und dem Trägermaterial ab, auf das die hauchdünne Membran auflaminiert ist, auch die Eigenschaften von Aussenstoff und Innenfutter sind ein wesentlicher Faktor.

 

Qualität und vielfältige Funktionen kosten Geld

Bei den teureren Jacken werden also teurere Grundmaterialien verwendet, ebenso gibt es teilweise nicht sichtbare Qualitätsunterschiede bei den eingearbeiteten Reflektoren, bei Reissverschlüssen und Klett, bei Druckknöpfen und Schnallen. Polo hat dafür teilweise eine eigene Prüfeinrichtung oder lässt Prüfungen extern durchführen. Ein weiterer Unterschied sind die gebotenen Funktionen, und da trumpft die teure Pharao Rally auf: Man kauft vier Jacken in einer. Innenfutter und Membran lassen sich demontieren, man fährt dann eine luftige Sommerjacke. Dann kann man sowohl Membran wie auch Innenfutter einzeln montieren, das ergibt eine Sommerjacke für die Heimfahrt nach einem Gewitter (mit Membran) oder in der frischen Sommernacht (mit Thermofutter). Zippt man Membran und Innenfutter zusammen ein, hat man eine Jacke, mit der man die Töffsaison bis weit in die kalte Jahreszeit verlängern kann.

Wie die Pharao Rally ist auch die Drive Mohawk mit einem Ventilationssystem ausgestattet, bei Polo MVS-1 genannt. Durch (verschliessbare) Ventilationsöffnungen trifft kühler Fahrwind auf die Membran, was deren Funktion unterstützt und Hitzestaus vermeiden soll.

Die Pharao Rally trumpft mit neun Taschen auf, die Mohawk hat deren fünf, die Road Atlanta sieben.

 

Was sich Protektor nennt, ist geprüft

Keine Kompromisse gibt es bei den Protektoren, wobei bei allen drei Jacken der Rückenprotektor separat nachgerüstet werden muss. «Damit ein Teil als Protektor bezeichnet werden darf, muss es die neue Norm EN 1621-1 bestehen», sagt Benten. «Wir haben nur Bekleidung mit geprüften Protektoren im Sortiment. Das gilt, so denke ich, für alle seriösen Anbieter.» Auf Protektoren, die nach aktueller Norm EN 1621-1 geprüft sind, müssen diverse Kennzeichnungen angebracht sein. Dazu gehört unter anderem die Bezeichnung, für welche Körperstelle sie bestimmt sind (E = Ellenbogen, S = Schulter, K = Knie), dazu die Grössenbezeichnung A (klein) oder B (gross), das CE-Zeichen sowie die geltende Norm, derzeit EN 1621-1:2012.

 

Kein günstiger Preis um jeden Preis

Produziert werden alle drei Polo-Jacken in Asien. «Wir haben ein Büro in Shanghai, von dort aus besuchen wir regelmässig unsere Produktionsstandorte », sagt Benten. «Die Arbeitsbedingungen an unseren Produktionsstandorten sind gut. Es kam schon vor, dass wir wegen misslicher Arbeitsbedingungen Angebote für Produktionsstandorte abgelehnt haben. Bei jeglichen Missständen, die nicht unseren hohen Kooperationsanforderungen entsprechen, stellen wir die Zusammenarbeit ein. Mit Kinderarbeit wollen wir absolut nichts zu tun haben.»

 

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