Ratgeber

Das Motorfahrrad_Mofa_Töffli

Freiheitsmaschine

28.03.2015 00:00 (Kohler/br)

Längst werden sie nicht mehr belächelt, sondern sind anerkannt als das, was sie einst waren: als Maschinen, die ihre Fahrer in die Freiheit beförderten.


Gang rausschnippen und im Leerlaufzu Tale rauschen – was für ein Gefühlvon Freiheit und Abenteuer! (Für mehr Bilder klicken)

Stetig weniger Töffli auf den Strassen

«Heute ist das Mofa praktisch ausgestorben», titelte die NZZ einen Artikel der Sonntagsausgabe im Juli 2009. Die altehrwürdige Firma Amsler im zürcherischen Feuerthalen, die letzte Mofaherstellerin der Schweiz, produziert noch einige Hundert Mofas der Marke Pony im Jahr. Mittlerweile wird der Ururenkel der legendären Mofas (2012 feierte Amsler 50 Jahre Pony) mit allen Raffinessen wie Kat und E-Starter in Schweizer Qualität für dreitausend Franken angeboten. Der billige Roller aus Fernost, mit Elektrostarter und schnittigem Design, schnell und auf Abzahlung zu haben, hat dem Mofa offensichtlich den Rang abgelaufen. Und die Rentner, einst auch eine treue Anhängerschaft des kleinen, preiswerten Fahrzeugs, schaffen sich eher ein wetterunabhängiges, beheizbares, kleines Automobil an. Heute sind in der Schweiz immerhin noch etwa 160 000 Mofas im Verkehr. In den goldenen Zeiten des Mofas wurden jährlich Zehntausende neu zugelassen. 1960 waren über 200 000, 1990 über 464 000 auf unseren Strassen unterwegs. Jeder Fahrradproduzent hatte eine oder mehrere Variationen dieses immer gleichen Themas im Angebot. Hatte es Fransen am Sattel, hiess es «Fury», war es rot lackiert, hiess es «Sport».

Sie wurden alle von denselben unermüdlichen 49-cm3-Zweitaktmotoren von Sachs oder Puch angetrieben. Dann gab es noch die französischen Aussenseiter – von jungen, der Bohème verpflichteten Lebenskünstlern oder ihren farbenfrohen Freundinnen gekauft, geliehen, gefahren. Sie hiessen Solex oder Velo-Vap und hatten den Motor über dem Vorderrad, der dieses per Reibrolle antrieb. Für uns waren sie ein absoluter Anachronismus, und bei Regen waren sie fast unbrauchbar, weil die Reibrolle durchrutschte.

An italienische Mofas in den 60er-Jahren kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Italiener produzierten zu jenen Zeiten die schönsten Motorräder der Welt, sie hatten wohl anderes zu tun. Aber dann kamen die Ciao von Piaggio: ein Fahrzeug, das etwas Ambiente mitbrachte vom Süden, ein Mofa, dem auch ein Hintergrundwissen mit- oder nachgeliefert wurde von italienischen Frisierwerkstätten, wo man anlässlich der Familienferien in Italien geheimnisvolle, illegale Rennsätze günstig erwerben konnte und sie in die Schweiz einschmuggeln musste. Eine MV Agusta wurde ein Ciao damit immer noch nicht, aber man sprach von einem knappen Achtziger, mit dem im Kanton Zürich ein Ciao amtlich gemessen wurde. Der Fahrer hatte auf der Seestrasse ein ziviles Polizeifahrzeug «leichtfüssig» überholt. Für uns war er ein erklärter Held, von der Ungunst des Schicksals gefällt, denn die kleine Rakete wanderte unbarmherzigerweise in die Schrottpresse.

 

Teil 1
Freiheitsmaschine
Teil 2
Stetig weniger Töffli auf den Strassen

Teil 3
Mehr als ein Gebrauchsfahrzeug
Teil 4
Den Schatz auf dem Gepäckträger
Teil 5
Easy Rider in der Schweizer Provinz
Teil 6
Grüne Dumpfbacken als Mofa-Ausrotter

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