Test und Technik

Racen wie in den 70ern

BMW R nineT Racer

15.06.2017 10:22 (ps)

BMW baut die Familie rund um die äusserst erfolgreiche R nineT in diesem Jahr um drei Modelle aus. Die sportlichste darunter ist die Racer, welche vom Stil an die Rennmaschinen der 70er erinnert. Ob sie genauso sportlich fährt, wie sie aussieht, haben wir in unserem Test überprüft.

Vintage, Heritage, Retro, Classic – es gibt viele ­Namen für den aktuellen Töfftrend schlechthin. Die Formel jedoch scheint grundsätzlich bei allen gleich zu sein: moderne Technik, klassischer Look. Bei den Bayern bestand die Heritage-Familie bis zu diesem Jahr aus der originalen R nineT und der R nineT Scrambler. Da sich diese Modelle verkaufen wie geschnitten Brot, legt BMW 2017 drei neue Versionen der R nineT nach: Die Pure ist am nächsten am Original, die Urban G/S bezieht ihre Inspiration aus der legendären R 80 G/S, und die Racer ist die Sportliche der Familie.

 

Design geht vor

 

Wer die R nineT kennt, wird in der Racer sofort ihre Familienzugehörigkeit erkennen. Vor allem der ­altbekannte Boxer mit 1170 cm3 Hubraum, aber auch der charakteristische Tank, machen unmissverständlich klar, dass die Racer im ­Herzen immer noch eine R nineT ist, auch wenn sie sich in diversen Punkten doch stark von ihr unterscheidet. Am augenfälligsten wird dies bei der Sitz­position: Wo diese beim Original relativ aufrecht war, muss ich mich bei der Racer praktisch aufs Motorrad legen, um den Stummellenker zu erreichen. Auch die neu platzierten Fuss­rasten – höher und weiter hinten – tragen zur sport­lichen Sitzposition bei. Nur die Sitzbank hat die Memo wohl irgendwie nicht gekriegt: Bis auf den Höcker, dem der Soziusplatz weichen musste, bleibt sie nämlich gleich wie bei der Mutter aller R nineTs. Die Sitzposition ist also nicht gerade bequem. Aber sie ist authentisch: Auch die Rennmaschinen der 70er, welche ja als Vorbild und Inspiration dienten, spannten ihre Fahrer über den langen Tank weit nach vorne, hier wurde das ­Design also schon fast BMW-untypisch konsequent umgesetzt.

BMW-typisch hingegen, ist die erneut äusserst hochwertige Verarbeitung dieses Motorrads. Keine billigen Plastikteile, keine hässlichen Schläuche, nichts, das scheppert, und die Spaltmasse passen überall perfekt.

 

Fahren top, stehen flop

 

Ausgangspunkt unseres Tests mit der momentan ­lediglich in der weissen Farb­variante erhältlichen R nineT Racer ist Dielsdorf im Zürcher Unterland, wo wir die Hübsche in Empfang nehmen dürfen. Von hier aus jagen wir die Bayerin erstmal über die kurvigen und zu diesem Zeitpunkt praktisch leeren Landstrassen der Region. Hier macht die Racer einen äusserst positiven ersten Eindruck. Der altbekannte, luftgekühlte Boxer, hat auch unter Euro 4 nichts an Güte und Charisma verloren – noch immer zieht er, begleitet von dumpfem Röhren, schon aus niedrigen Drehzahlen schön an und beschleunigt munter bis zum roten Bereich bei rund 8000/min weiter. Wer sich mit den Eigenheiten eines Boxermotors – so etwa das Seitwärtsmomentum, das beim starken Beschleunigen aufkommt – anfreunden kann, wird mit diesem Aggregat seine wahre Freude haben.

 

Auch das Fahrwerk vermag uns bei Überlandfahrten durchaus zu überzeugen. Weder zu straff noch zu soft abgestimmt, macht die Racer immer genau das, was wir von ihr erwarten. Mit einem leichten Impuls am Lenker kippt sie willig in Schräglage und hält die gewählte Linie äusserst stabil. Und brennen wir einmal ­etwas zu schnell auf eine Kurve zu, reicht ein beherzter Griff in den Bremshebel – der übrigens, wie der Kupplungshebel auch, fünfstufig einstellbar ist – und wir sind im Nu wieder im grünen Bereich. Bei freier Fahrt und kurvigen Stras­sen ist die Racer also ein Genuss.

 

In der Stadt sieht das Ganze aber leider etwas anders aus. Die extreme Sitzposition ist im stadtzürcherischen Stop-and-Go-Verkehr eine Qual und die Kombination aus Lederkombi, brennender Sonne und heissem Boxermotor zwischen den Beinen trägt nicht gerade zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Doch zum angenehmen Pendeln wurde die Racer ja auch nicht entwickelt, wozu sie da ist, sehen wir an den sich drehenden Köpfen und interessierten Blicken – und schon geht’s wieder besser.

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