Test und Technik

Froschkönig

Kawasaki Versys-X 300

19.06.2017 17:00 (tk/ps)

Dicke Dinger vom Schlage einer BMW R 1200 GS sind Ihnen zu mächtig, die Leistung einer 1290er-KTM zu beängstigend? Da haben wir was für Sie: Kawasakis neuer Zweizylinder Versys-X 300 kommt harmlos pfeifend im leichten Reisetrimm um die Ecke – und macht dann auf dicke Hose.


Manchem Töff der unteren Mittelklasse sieht man den kleinen Hub-raum auf den ersten Blick an. Nicht so bei der Kawasaki Versys-X 300, die mit ihren ausgewachsenen ­Dimensionen im unteren Reiseenduro-Segment richtig was hermacht.

 

In Asien ein Big-Bike

 

Eigentlich ist der Neuzugang für Südostasien gemacht, wo er als Big Bike die Kawa-Palette mit anführt. Deshalb bekommt er für ­Europa eine höhere Sitzbank verpasst. Und das tut der X-Versys richtig gut: Im grosszügigen Dreieck Sitzbank, Lenker und Fussrasten finden selbst lange Kerle ein lässiges Daheim mit entspannten Kniewinkeln und aufrechtem Oberkörper – die Ergonomie erfüllt gehobene Ansprüche. Zur tourentauglichen Sitzposition gesellt sich ein ­guter Schutz vor Wind und Wetter hinter der nicht ­einstellbaren Scheibe. Allzu lange Touren machen verwöhnte europäische Hinterteile aber nicht mit – die Sitzbank ist einfach zu hart gepolstert. Im schützenden Vorbau fällt der Blick auf ein gnadenlos funktionales, aber prima ablesbares Instrumentarium, das neben dem zentralen Analog- Drehzahlmesser auch eine Gang­anzeige aufweist.

 

Elastischer Twin trotz nur 300 ccm

 

Der aus der Ninja 300 abgeleitete Reihenzweizylinder gibt sich überraschend elastisch: Der Vierventiler mit 296 cm3 rollt ohne zu Mucken im 6. Gang durchs Dorf und nimmt nach dem Abbiegen im 3. Gang fast aus dem Stand wieder flüssig Fahrt auf. Hier macht sich die kurze Endübersetzung bezahlt, die einen unkomplizierten Charakter mit leichtester Fahrbarkeit kombiniert. In der Praxis braucht man die ersten drei Gänge ausser zum Anfahren kaum. Andererseits ist aber auch klar: Der 300er Töff will getriezt werden, soll es vorwärts gehen. Das legen die fünfstelligen Nenndrehzahlen nahe – 40 PS bei 11 500 Touren und knapp 26  Nm bei 10 000/min. Dabei entwickelt der Zweizylinder seine Kraft gleichförmig, ab 7000 Touren legt er an Zug zu, doch einen Bereich, in dem es richtig abgeht, gibt es nicht.

 

Handzahm und easy

 

Die Entwickler haben diesen handzahmen Antrieb in ein ebenso unkompliziertes Fahrwerk gesteckt. Mittellange Federwege und die im Endurobereich üblichen Radgrössen gehören dazu: Mit extra schmalen Reifen – 19 Zoll vorn, 17 hinten – legt die Versys-X ein erfrischendes Fahrverhalten an den Tag, dem übertriebene ­Nervosität fremd ist. Noch kurvenfreundlicher wäre die Kawa mit anderen Pneus – die IRC-Reifen zeigen zwar eine artgerechte Profilierung und passablen Grip, der aber wegen des indifferenten Feedbacks nicht ausgekostet werden mag. Nichtsdestotrotz durcheilt die Kawa Kurven jeglicher Couleur handlich und stabil, auch bei höheren Tempi gibt sie sich keine Blösse. Keinerlei Kritik erntet die Präzision beim Lenken, wohl aber der Fahrkomfort: Nicht nur auf pockennarbigem Untergrund agieren Gabel wie Federbein stuckerig und unangenehm hart, zudem wäre ein sensibleres Ansprechverhalten auf kleine Unebenheiten wünschenswert.

 

Erfreulicher ist der grosse Lenkeinschlag, der das Wenden selbst auf einspurigen Strässchen in einem Zug erlaubt. Wer mit der Kawa ins Gelände möchte, wird die defensiven Bremsen schätzen. Spätbremsern verzögert der Nissin- Schwimm­sattel vorne aber zu stumpf – man muss fest reinlangen, bis das Bosch-ABS eingreift. Zweckmässig: der robuste Gepäckträger und das 17-l-Spritfass, das Reichweiten weit über 300 km garantiert. Fazit: Die Versys-X 300 bereichert die untere Mittelklasse um eine abenteuerliche Facette – für lediglich 5900 Franken.

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