Test und Technik

Komfort-Sportler

Ducati Supersport

28.06.2017 17:30 (jd/ps)

Die neue Ducati Supersport hat hohe Ziele. Sie will nicht nur Sportgerät sein, sondern auch Alltagsgefährt und Multitool für Reisen, Stadtbetrieb und Kurztrips – selbst mit zwei Personen und Gepäck. Wir haben den schicken V2-Sportler mit 937 cm3 im sonnigen Süden Spaniens bei perfekten Bedingungen getestet.

Die Hälfte des Testprogramms liegt hinter uns. Ich sitze auf der Rennstrecke von Monteblanco bei Sevilla (E) im Sattel der neuen Ducati Supersport in der S-­Konfiguration, die mit hochwertigen Öhlins-Feder­elementen und Quickshifter ausgestattet ist; das Raufschalten und Runtersteppen der sechs Gangstufen erfolgt also ohne Kupplungsbetätigung. Bei der S gehört dieser Schaltassistent zur Serienausstattung, bei der Standard-Ausgabe ist er nur ­Option (CHF 216.–). Der ­zugelassene Akrapovic-­Schalldämpfer, mit dem die auf der Renn­strecke eingesetzten Modelle bestückt sind, schlägt auch bei der S mit CHF 959.– zu Buche.

 

Komfort-Racer

 

Auf der 960 m langen Geraden erreiche ich hinter der rauchfarbenen Version (ebenfalls aufpreispflichtig) der zweistufig einstellbaren Verkleidungsscheibe locker 230 km/h, ohne mich übermässig hinter der Scheibe zusammenzufalten. Überhaupt entpuppt sich der Sitzkomfort auf der Ducati als überraschend kommod, trotz der Bezeichnung Supersport ist die Sitzbank alles andere als ­bretthart, liegen die hoch angebrachten Lenkerstummel weit auseinander und sind die Beine weniger stark angewinkelt als bei ­einem «echten» Sportler. Die Sitzhöhe ist ebenfalls alltagsgerecht: Trotz meiner bescheidenen 170 cm Körperlänge komme ich problemlos in den Sattel und habe keine Mühe, im Stand die Balance zu halten und die Supersport mit den Füssen zu rangieren. Kein Wunder angesichts der niedrigen Sitzhöhe (810 mm, wahlweise +25/–20 mm) und der vollgetankt bescheidenen 210 Kilogramm Kampfgewicht.

 

Die Leichtigkeit des Seins

 

Drei Fahrmodi stehen zur Auswahl: Sport, Touring und Urban. Das Wechseln ist ein Kinderspiel und kann auch in Fahrt erledigt werden. Im Sport-Modus ist die einstellbare Traktionskontrolle vom Werk auf der dritten von acht möglichen Stufen kalibriert worden, das ABS auf der mittleren von drei Stufen.

Schon nach wenigen Kurven enthüllt die Ducati ­ihren treuherzigen Charakter: Sie macht exakt, was der Reiter will, lässt sich mit dem ganzen Körper und auch nur den Händen oder den Beinen präzise lenken, fährt genau dorthin, wo sie hinfahren soll, und gibt ein glasklares Feedback über den Zustand der Fahrbahn. Die Pirelli Diablo Rosso III passen hervorragend zum Charakter der ­Supersport, ohne gleich die Performance (und Gewöhnungsbedürftigkeit ) echter Rennslicks imitieren zu wollen. Die Bremsen sind genauso dem Verwendungszweck angepasst – die ­Monoblockzangen von Brembo beissen bei Bedarf heftig zu, nerven aber im Alltag nicht durch übertriebene Bissigkeit. Kurven-­ABS gibt’s (noch) nicht, im Regelfall ist das Pulsieren im Handhebel unaufdringlich sanft zu spüren. Racing-­Superhelden können das ABS komplett ausschalten. Der Quickshifter funktioniert bei sportlicher Gangart in den oberen Dreh­zahl­regionen tipptopp, unten rum hackt und hakelt es des Öfteren. Es empfiehlt sich (wie bei diversen grossvolumigen Zweizylindern anderer Hersteller), beim gemütlichen Rumdödeln den Kupplungshebel beizuziehen.

 

Sport für Jedermann

 

Das Fahrwerk ist nicht nur komfortabel, sondern auch stabil. Selbst in engen Passagen kann das Gas früh und heftig aufgerissen werden, die (abschaltbare) Trak­tionskontrolle erledigt ihre Aufgabe hervorragend. Auf der Rennstrecke ist auf Stufe 3 von 8 sogar an den Kurvenausgängen ein sanftes Wheelie möglich, ohne dass gleich der grosse Abflug droht. Die Stufen 1 und 2 sind für das Tänzchen der Profis am ultimativen Grenzbereich gedacht. 113 PS Topleistung liegen weit unterhalb der Werte vergleichbarer Super­sport-­Bikes. Dafür drückt der Supersport-V2 ab 3000 U/min die Fuhre samt Besatzung mit Nachdruck nach vorne, Drehmoment-orientiertes Fahren ist angesagt. 10 500 U/min sind möglich, der Begrenzer setzt überraschend weich ein. Fazit auf der Rennstrecke: Den persönlichen Rundenrekord werde ich mit der neuen Ducati Supersport nicht brechen. Aber ich werde jede Menge Spass mit ihr haben, und – Komfort und Sitzposition sei Dank – werde ich am Abend beim Fachsimpeln das Bier noch locker in den Händen halten können.

 

Auch ein Spielzeug für die Strasse

 

Wechseln wir nun auf die Strasse und die Standardversion ohne die teuren Aufhängungselemente von Öhlins. Nach einigen Kilometern Landstrasse, Dutzenden von Kreiseln und Zuckeltempo durch Innenstadt und Industriequartier überzeugen erneut als erstes die entspannte Sitzhaltung, die neutrale Lenkung und die spielerische Handhabung. Der Wetterschutz der Verkleidung für die Beine ist effektiv, der Kopf hingegen wackelt auch bei hoher Position der Scheibe ungeschützt im Wind. Der Testastretta 11 º-Motor, der auch in der Hyper­motard 959 und der Multi- strada 950 Verwendung ­findet, rumpelt unterhalb von 2500 U/min unwillig vor sich hin. Darüber glänzt er im «Street»-Modus mit sanftem Ansprechen, geschmeidigem Druck und knackigem V2-Sound.

 

Mit Passagier? Unbedingt!

 

Ein paar Details unterstreichen den Allround-Charakter: Die Spiegel sind anders als bei den «echten» Sport-Ducati wirklich brauchbar, der Seitenständer ist gross und easy auszuklappen, und das Cockpit ist komplett und übersichtlich gestaltet. Und – mit dieser Ducati kann man auch zu zweit angasen! Sitz und Rasten sind optimal positioniert, der Körperkontakt zum Piloten perfekt. Zum ungetrübten Glück für das flotte Duett fehlen nur noch stabile ­Haltegriffe statt der praxisuntauglichen Einbuchtungen im Heck. Doch dagegen hat sich der Designer wohl erfolgreich gewehrt …

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