Test und Technik

Schönheit muss leiden

Yamaha XSR 900 Abarth

20.09.2017 11:14 (jd/ps)

Nein, so sieht kein Alltagsmotorrad aus. Die Yamaha XSR 900 Abarth wird in einer limitierten Serie von lediglich 695 Exemplaren gebaut, genau wie das vierrädrige Sondermodell Fiat Abarth 695 XSR. Wir haben uns auf den Cafe Racer von Yamaha geschwungen und sind den edlen Klassiker Probe gefahren.

Einen wichtigen Aspekt bei der Testarbeit mit dieser speziellen XSR-­900-Variante erledigen die Augen. Denn das zentrale Kriterium der XSR 900 Abarth ist die Optik. Der Betrachter erkennt an der grauen Farbe mit den roten Streifen sofort die Synergie zwischen Auto (Fiat) und Motorrad (Yamaha). Auch der in limitierter Stückzahl ­gebaute Fiat Abarth 695 XSR ­basiert auf der japanisch-italienischen Zusammenarbeit. Die Yamaha XSR 900 Abarth glänzt mit zahlreichen Karbonfiber-Teilen, darunter einer fast kugelrunden Frontverkleidung. Die ganze Optik ist ein gelungener Mix aus Vintage und Moderne; sie passt hervorragend in das «Faster Sons»-­Konzept von Yamaha, welches moderne Technik und ebensolche Fahrleistungen mit dem Flair und der Ästhetik aus vergangener Zeit – insbesondere den Jahren 1950 bis 1990 – kombinieren will. Der «Cafe Racer»-Look der XSR 900 Abarth ist also eine Reminiszenz an die einst in Gross­britannien angesagten «Bar-to-bar»-Rennen mit technisch und optisch aufgepeppten Heizgeräten ­vorwiegend britischer Herkunft. Konkret hiess das: entweder eine Verkleidung im Embryo-​Format oder gar keine, aber auf jeden Fall ein Paar tief angesetzte Lenkerstummel, die eine gebückte, weit nach vorn gerichtete Haltung bewirken.

 

Steh- bzw. Liege- vermögen nötig

Und genau das unterscheidet die Abarth-Variante im Stand und beim Fahren von der Basisversion der ­Yamaha XSR 900. Letztere ist ein klassischer Roadster mit aufrechter, entspannter Sitzhaltung. Bei der Abarth hingegen muss man sich weit nach vorn beugen und den Kopf fast auf dem Tank platzieren. Aber übertreiben wir nicht: Man hat nicht das Gefühl, wie auf ­einem Supersportler mit stark angewinkelten Knien und extrem nach vorn gestreckten Armen zu sitzen. Aber das wohlig-gemütliche Sofa-Gefühl wie auf einem Roadster stellt sich halt doch nicht ein … Immerhin: Selbst grossgewachsene Reiter finden genügend Platz für ihre langen Beine, und Kurzbeinige halten die Abarth wenigstens mit einem Fuss relativ sicher in der Senkrechten.

 

Technik der MT-09

Die technische Basis der Abarth stammt vollumfänglich von der erfolgreichen Yamaha MT-09. Wie diese lässt sich auch die Italo-­Diva mit ihren japanischen Genen locker-flockig um die Ecken werfen und glänzt mit Präzision und Leichtfüssigkeit. Dennoch werden nur Hartgesottene mit diesem Töff mehrere hundert Kilometer am Stück ab­spulen, und auch sie werden von einer intensiven Nackenmassage durch eine zweibeinige Schönheit ­träumen.

 

Der stärkste Café Racer der Gegenwart

Yamaha preist die Abarth als stärksten Cafe Racer im Serienbau an. Mit strammen 115 PS ist diese Werbeansage korrekt. Dennoch dürfte das die potenziellen Kunden nicht zwingend ­interessieren, denn diese werden sich vielmehr von der echt gelungenen Optik begeistern lassen. Wie das Fahrwerk stammt auch der Dreizylinder-­Motor un­verändert aus der MT-09. Auf der Strasse entfacht der Japan-Triple beim Dompteur einen Sturm der Begeisterung, der Gasgriff scheint direkt mit dem Hinterrad verbunden zu sein – Gasannahme, Leistungs­entfaltung, Laufkultur, Dreh­freude, Durchzug sind kaum besser zu machen. Auch das Fahrwerk spielt hervorragend mit; das Feedback ist so gut, dass man auf die zweistufige und abschaltbare Traktionskontrolle fast verzichten könnte.

 

Sport und Polyvalenz

Die aktive und nach vorn orientierte Sitzhaltung ­ermöglicht eine genaue Kontrolle des Vorderrads, welches förmlich auf dem Asphalt zu kleben scheint; wenigstens so lange, wie dieser trocken ist. Trotz des sportlichen Charakters und der dazu passenden Sitzhaltung kann durchaus auch komfortabel im Bummeltempo gefahren werden. Da bleibt auch genügend Zeit, dem betörenden Dreizylinder-Gebrabbel aus der formschönen 3-in-1-in-2-Auspuffanlage von Akrapovic zuzuhören. USD-Telegabel und Zentralfederbein bieten einen guten Kompromiss aus Sport und Komfort und erledigen ihre Aufgaben ausgesprochen gut. Wem die relativ softe Grundabstimmung nicht zusagt, dem bieten die diversen Einstellmöglichkeiten genügend Spielraum um bei Bedarf den knallharten Kerl zu spielen. Auch die Bremsen funktionieren tadellos, nur das hintere ABS setzt etwas früh ein. Die optisch auffälligen Lenkerendspiegel sind nicht nur chic, sondern bieten auch eine überraschend gute Sicht nach hinten.

 

Im Regen: Bitte Vorsicht

Während die XSR Abarth auf trockenem Untergrund viel Vertrauen einflösst, gilt bei Nässe Vorsicht. Die Traktionskontrolle regelt zwar beim Beschleunigen sauber, genauso wie das ABS beim Bremsen, aber die extreme Sitzhaltung und der drehmomentstarke Motor verlangen erhöhte Aufmerksamkeit. Eine defensiv geprägte Fahrweise ist empfehlenswert. Wäre echt schade, die schöne Kopfschale und die Karbonteile zu zerdeppern … 

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