Test und Technik

Test Moto Morini 1200 Granpasso

Fahrbericht Moto Morini Granpasso

11.07.2008 00:00

Moto Morini baut das Motorrad für Gebirgsfüsiliere mit Gardemass: Die Granpasso 1200 führt in neue Höhen. So oder so. Text: Daniel Riesen Bilder: Emanuel Elsa


Zieht wie ein Bär: neue Moto Morini Granpasso 1200

Woran erkennt man eine Moto Morini aus schlechten Zeiten? Es gab Jahre, da sparte man bei den Tankaufklebern und liess nur eine Version drucken. Die Folge: Auf der einen Seite blickt der Adler im Emblem nach vorn, auf der anderen nach hinten. In guten Zeiten reichte das Geld für beide Versionen.

Auf der Moto Morini Granpasso 1200 blickt der Adler ausschliesslich nach vorn. Gute Vorzeichen also für die erste Reise-Enduro aus dem Familienbetrieb in Casalecchio bei Bologna.

Grosse Reise-Enduros stammen üblicherweise aus Bayern. Das ist auch in Italien so, wo die neue BMW R 1200 GS das bislang meistverkaufte Motorrad 2008 ist. Kein Wunder also, dass nach Ducati (Multistrada), Benelli (TreK) und Moto Guzzi (Stelvio) nun auch Moto Morini einen Ausfallschritt vom Asphalt auf losen Untergrund wagt.

Hohe Sitzhöhe

Wie hoch hinaus das neue Modell den Bologneser Nischenhersteller tragen wird, ist offen. Den Piloten hingegen führt die Granpasso zweifelsfrei in neue Höhen: Keine der genannten Konkurrentinnen und auch nicht die KTM 990 Adventure platziert den Fahrer so hoch. Leuten unter 1,80 m bleibt nur das Trippeln. Weil damit der Grossteil der Einheimischen als Kunden wegfällt, pröbelt man am Vorserienmodell noch mit diversen Sitzbankkonstruktionen, bevor im August die Auslieferung anläuft.

Leistung

In neue Höhen führt Moto Morini die Gilde der Reise-Enduros auch leistungsmässig. Dermassen Qualm wie die Granpasso hat (ausser der Benelli)  keine zu bieten. Auch wenn eine GS ähnlich Druck in der Mitte produziert, bleibt die Konkurrenz in Sachen Leistungsentfaltung und Spitzenleistung hinter dem 87°-Kurzhub-V2 zurück. Man baue eine «Enduro veloce», nennt das Moto Morini.

Design

Auch optisch trägt die Granpasso ihre sportliche Gesinnung zur Schau. Weder BMW-Entenschnabel-Ästhetik noch Guzzi-Glubschaugen-Gemütlichkeit, sondern der konzentrierte Blick aus den Projektor-Rundlichtern macht klar, wohin die schnelle Reise geht.

Bei Moto Guzzi ärgert man sich übrigens über die gelungene Optik der Granpasso. Denn das Design stammt vom Spezialisten Marabese, und der hat auch die Moto Guzzi Stelvio zu verantworten. Man habe etwas Neues und Sportliches in Auftrag gegeben, heisst es dazu bei Moto Morini, wo man generell weniger auf die Karte Klassik setzt als beim Traditionshersteller vom Comersee.

Verbrauch, Reichweite

Moto Morini setzt auf Fahrdynamik, auch bei der Gross-Enduro. Der V2 stammt aus der in MSS 13/08 vorgestellten Corsaro Avio, doch soll eine modifizierte Brennraumform dem grossen Durst abhelfen. Kombiniert mit dem 27-Liter-Spritfass liegt eine ordentliche Reichweite drin.

Motor

Die Granpasso glänzt indessen nicht nur mit Power. Der Motor hängt sehr direkt, doch nie hinterhältig am Gas, die Vibrationen sind bis rund 5000/min gemässigt, fahren allerdings ab 6000/min ziemlich heftig über Füsse und Hände her. Das Getriebe schaltet sich picobello, die Kupplung allerdings fordert den Unterarm. Dafür verhindert wie bei den teureren Corsaro-Modellen ein Rückdrehmomentbegrenzer das Stempeln des Hinterrades.

Handlichkeit

In Sachen Handlichkeit geben Enduros selten Anlass zur Klage, auch die Granpasso nicht, obgleich deren Lenker nicht die enorme Spannweite einer BMW GS (800 oder 1200) erreicht. Im Gelände womöglich ein Nachteil, im Autobahn-Gegenwind aber ein Segen.

Fahrwerk

Das Fahrwerk wirkt straff, von der beim Bremsen tief eintauchenden Gabel abgesehen. Auch zackige Fahrmanöver sitzen präzis, selbst bei Tempo 150 gibts kein Geschaukel. Am Kurvenausgang tendiert das grosse Vorderrad übersteuernd zur weiten Linie – wohl eine Folge des langen Radstands und der satten Motorpower.

Bremsen

Etwas überraschend die Abstimmung der Bremsen: Vorn greifen die einfachen Doppelkolbenzangen eher zögerlich zu, wohl eine Konzession an die Offroad-Tauglichkeit. Hinten hingegen geht der Stopper voll giftig zur Sache. Wer den Bremsdrift im Griff hat, wird Letzteres bestimmt mögen.

Auf dem kurzen Probegalopp kaum zu testen war die Wirksamkeit der per Rändelschraube in der Neigung verstellbaren Windschutzscheibe. Dafür fiel im Stadtverkehr die aufsteigende Motorhitze an den Schenkeln auf. Entsprechende Abdeckungen seien in Arbeit, heisst es bei Moto Morini. Man tastet sich allmählich ans Reise-Enduro-Optimum heran. Die Basis jedenfalls ist richtig gut.

Fazit

Auch wenn noch etwas Feinabstimmung nottut, wage ich die Behauptung: Die Morinisti könnens. Auch Reise-Enduros bauen. Obige Wertung «zu zweit» beruht übrigens auf Einschätzung ohne Fahrpraxis.


Detailfotos:

Leichte, per Waserdruck bearbeitete Alu-Schwinge, bissige Hinterradbremse:

Straffes Fahrwerk - nicht zuletzt dank eines edlen Öhlins-Federbeines:

Eher zögerliche Vorderradbremsen, ABS ist keines lieferbar. Schön: Drahtspeichenräder:

Zieht wie ein Bulle: Moto Morini-V2:

Eher aus dem Raumschiff Enterprise denn aus dem italienischen Designer-Büro: Cockpit

Schönes Heck, flach auslaufend. Darunter ein Endschalldämpfer mit drei (3?) Öffnungen.

Diodenlicht, kurzes Spritz-Schutz-Schnäbelchen:


Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt3 Punkte
Auf grosser Tour3 Punkte
Sportlich fahren4 Punkte
Zu zweit unterwegs3 Punkte
Emotionen4 Punkte


 Motor Moto Morini Granpasso 1200

BauartFlüssigkeitsgekühlter 87°-V2-Viertaktmotor.
Ventilsteuerung 4 Ventile pro Zylinder
Bohrung x Hub107 × 66 mm
Hubraum1187 ccm
Verdichtung12,5:1
GemischaufbereitungEl. Motormanagement mit Benzineinspritzung und CDI-Zündung.
Drosselklappen-Durchmesser54 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass-
SchmierungNasssumpfschmierung
Auspuffanlage-
StarterE-Starter

Leistungsdaten

Max. Leistung 118 PS (86,5 kW) bei 8500/min
Max. Drehmoment10,6 mkg (104 Nm) bei 7000/min
V-max.-

Kraftübertragung

Kupplung Zahnradprimärtrieb. Hydraulische Nasskupplung.
GängeSechsganggetriebe.
EndantriebEndantrieb über Dichtringkette.

Fahrwerk

RahmenStahlrohrahmen.
Federung vorneUSD-Telegabel
Gabelinnenrohr-Durchmesser ø 50 mm
Federung hintenSchwinge aus Aluguss, seitliches Öhlins-Monofederbein, voll einstellbar
Federweg vorn/hinten190/200 mm.

Räder

RädertypSpeichenräder. Radialreifen Metzeler Tourance,
Felgendimension vorn-
Felgendimension hinten-
Reifendimension vorn110/80-19
Reifendimension hinten150/70-17

Bremsen

Bremse vornDoppelscheibenbremse (ø 298 mm) mit Doppelkolbenzangen vorn
Bremse hintenEinzelscheibe (ø 255 mm) mit Doppelkolbenzange hinten
ABSnein, nicht erhältlich

Abmessungen und Gewichte

Radstand1505 mm
Lenkkopfwinkel63,5°
Nachlauf110 mm
Leergewicht fahrfertig voll getankt230 kg
Sitzhöhe875 mm
Tankinhalt (davon Reserve)27 / 5,5 l

Farben

Weiss
Titansilber
x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 19'990.–, inkl. MwSt
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import über

Mosport SA, 6928 Manno TI

Tel. 091 611 50 90

Sonstiges, Bemerungen

Bemerkungnicht mit 34 PS/25 kw lieferbar

Konkurrenten

Benelli TreK, Trek Amazonas
BMW R 1200 GS; Adventure
Ducati Multistrada
KTM Adventure
Moto Guzzi Stelvio
Triumph Tiger 1050
Suzuki DL 1000 V-Strom
Honda Varadero


Und auch dieses Foto wollen wir euch nicht vorenthalten. Bei unserem Besuch im Moto Morini-Werk trafen wir diese Legende an: Moto Morini 250 Gran Premio. 246 ccm, (69 x 66 mm), Sechsganggetriebe, wassergekühlter Einzylinder-Motor. Um ein Haar hätte 1963 Tarquinio Provini mit diesem rassigen Maschinchen den WM-Titel geholt. Sein Hauptkonkurrent war damals Jim Redman auf Honda (und die hatte vier Zylinder...!)

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