Test und Technik

Test Aprilias RSV4 SBK

Fahrbericht Aprilia RSV4

21.05.2009 00:00

Die Aprilia RSV 4 wurde für den Rennsport gebaut. Dank schier grenzenlosen Einstellmöglichkeiten gelang der Spagat zwischen Superbike-WM-Renner und Alltagsmotorrad eindrücklich. Text: Tobias Kloetzli Bilder: Milagro, Kloetzli


Aprilia sorgt mit ihrem ersten Vierzylinder für Furore. Die RSV4 ist in der Szene eines der Highlights von 2009 und feierte in der Superbike-WM einen fulminanten Einstand: Max Biaggi sicherte sich mit der V4 aus Noale (I) auf Anhieb Startplätze in der erste Reihe, ja führte in Katar gar lange das Feld an. Schnell wurde der Vorwurf laut, Aprilia trete mit einem Prototypen an, die laut Superbike-Reglement vorgeschriebenen entsprechenden Serienmodelle gebe es gar nicht.

Edle Teile an der RSV4

Doch jetzt haben die Italiener ihr auf 1000 Stück limitiertes Basismodell und ihr Erfolgsrezept der Presse präsentiert. Die RSV4 ist ein ausgesprochen kompaktes Superbike, das vor edlen Teilen nur so strotzt und Einstellungsmöglichkeiten wie keine andere Serienmaschine bietet. Damit liefert sie überzeugende Argumente für den sensationellen Einstand in der Superbike-WM und bietet hohes Erfolgspotenzial auf dem Markt.

Kompakter Kraftwürfel

Im knackigen Sportbike sitzt der mit 180 PS stärkste Serienmotor, den Aprilia je konstruiert hat. Der moderne V4 ist sehr kurzhubig ausgelegt und fällt mit einem Zylinderwinkel von 65° ausgesprochen kompakt aus. Seine DOHC-Zylinderköpfe sind sehr flach. Pro Zylinderbank treibt eine Steuer­kette die Einlassnockenwelle an, welche ihrerseits via Zahnrad die Auslassnockenwelle bewegt.

Abheben der Saurohre

Das Motormanagement von Magneti Marelli steuert die elektronische Benzineinspritzung und die in der Länge variablen Ansaugrohre. Bis 10'000/min sorgen lange Saugrohre für sattes Drehmoment, bei höheren Drehzahlen wird die obere Hälfte des Saugrohrs abgehoben, damit der Motor freier atmen und bis 14'000/min hochdrehen kann. Bis 6000/min wird von den Einspritzdüsen unterhalb der Drosselklappen eingespritzt. Oberhalb 6000/min erfolgt die Einspritzung für eine optimale Füllung über in der Airbox positionierte Düsen.

Zwei Designskizzen zur neuen RSV4:

Windkanaltests:

Ride by Wire

Das Motormanagement sorgt stets für die optimale, beziehungsweise die gewünschte Leistungsausbeute und -charakteristik. Der Modellierung der Leistungskurve sind dank modernstem Ride-by-Wire-System kaum Grenzen gesetzt. Beim im Aprilia-MotoGP-Projekt entwickelten, bereits in Shiver und Dorsoduro eingesetzten System wird durch den Gaszug lediglich ein Potenziometer angesteuert, ein Rechner steuert dann unter Einbezug sämtlicher nützlicher Parameter Benzineinspritzung und Drosselklappen.

RSV4 Factory von rechts und links:

Das erste Werbevideo zur RSV4 von Aprilia:

3 Mappings

Drei hinterlegte Mappings können bei laufendem Motor über den Anlasserknopf angewählt werden. «R» für Road oder Regen kappt die Motorleistung übers ganze Drehzahlband um 25 Prozent, «S» für Sport arbeitet in den ersten drei Gängen mit einer Drehmomentbegrenzung, im Rennstreckenmodus «T» (Track) wird auf Bestellung in allen Gängen die volle Leistung geliefert.

Geometrie: Viel Spielraum

Auf Höhe der Zylinder ist der V4 nur gerade 23 cm breit, der Rahmen konnte also sehr schmal geführt werden. Der aus Gussteilen und gepressten Blechen verschweisste Alurahmen, wiegt lediglich 10,1 kg. Dieses Rahmenbauprinzip ist bereits ein typischer Bestandteil der Aprilia-Ästhetik. Bei der RSV4 kann der Lenkkopfwinkel über Exzenter angepasst, der Motor angehoben oder abgesenkt und die Position der Schwingenachse variiert werden.

Radstand-Anpassungen

An der Schwinge ermöglicht der mit rund 6 cm auffällig grosse Einstellbereich der Kettenspannvorrichtung zudem Anpassungen des Radstands. Klar, dass kaum ein Käufer diese Möglichkeiten nutzen wird, zumal die Standardeinstellungen von den Aprilia-Testpiloten erprobt und als optimal befunden wurden. Diese Einstellmöglichkeiten geben dem Superbike-WM-Team aber viel Spielraum. Punkto Geometrie war man so nicht an einen für die Strasse tauglichen Kompromiss gebunden.

Tuchfühlung in Misano

Stolz präsentieren die Italiener nun das Ergebnis ihres 25-Millionen-Euro-Projekts als Wendepunkt in der Geschichte von Aprilia und schicken die versammelte Journalistenmeute auf die GP-Strecke von Misano (I) zum Selbstversuch. An den Vortagen sind hier bereits Journalisten durch den Regen gerutscht und haben den Testmaschinenbestand tüchtig geschmälert. Wir dürfen die Fähigkeiten der RSV4 als erste bei Sonnenschein auskosten.

Sitzhaltung: Sportlich, aber nicht extrem

Obwohl die RSV4 sehr kompakt ausgefallen ist, finden auch gross gewachsene Fahrer problemlos auf ihr Platz. Durch den kurzen Tank – der Grossteil des Tankvolumens befindet sich schwerpunktgünstig unter der Sitzbank – und die nicht übermässig tiefe Position der Lenkerstummel fällt die Fahrerhaltung sportlich, aber nicht zu extrem aus. Die Fussrasten liegen hoch, der Kniewinkel ist aber noch akzeptabel, der Knieschluss am Tank eng.

Ein weiteres Werbevideo von Aprilia zur RSV4:

Sound: heiser

Bei laufendem Motor begeistert die Aprilia mit einem heiseren, mechanischen Klangbild, faucht beim kleinsten Dreh am Gasgriff angriffig und erinnert bei hohen Drehzahlen mit sportlichem Gebrüll an eine MotoGP-Maschine – nur wurde die Symphonie hier natürlich in einer der Zivilisation noch zumutbaren Lautstärke komponiert. Eine Ausgleichswelle putzt Vibrationen sauber weg.

Getriebe

Der erste Turn auf abtrocknender Strecke erfolgt auf Regenreifen. Ich wähle zum Kennenlernen von Motorrad und Piste Modus «S» und ziehe los. Der erste Gang ist lang übersetzt (bis ca. 140 km/h), was dank gut dosierbarer Seilzugkupplung jedoch kein Problem darstellt. Die sechs Gänge des Kassettengetriebes lassen sich leichtgängig durchschalten und rasten sauber ein.

Lineare Kraftentfaltung

Der Motor geht sehr sanft ans Gas, der Widerstand am Gasgriff fällt trotz Ride by Wire wie gewohnt aus. Aus dem Drehzahlkeller schiebt der Kurzhuber anständig an, legt mit zunehmender Drehzahl stetig Leistung nach und glänzt mit einer linearen Kraftentfaltung. Weder das Fahrverhalten noch der Motor oder die Bremsen sind speziell aggressiv ausgelegt. Im  Neuland fühle ich mich dank klarem Feedback sofort wohl.

Der Motor mit den variablen Ansaugtrichtern:

Effizienz und Vertrauen

Zweiter Turn: Es ist trocken, nicht zulassungsfähige Dunlop-Supersportreifen sind aufgezogen, erhöhtes Tempo ist angesagt. Die Aprilia bleibt gutmütig, gibt sich nicht übermässig kurvengierig, aber dennoch sehr handlich. Richtungswechsel gehen ausgesprochen leicht von der Hand. Das Fahrverhalten ist neutral und lässt selbst auf der Bremse kein störendes Aufstellmoment erkennen. Die RSV4 verwöhnt mit hoher Zielgenauigkeit und zieht stets eine saubere Linie. Selbst bei unsensiblem Turnen von der einen zur anderen Hang-off-Position wird sie nicht nervös.

Bremsen, Fahrwerk

Das fein ansprechende, edle Fahrwerk von Öhlins liefert stets klares Feedback. Die Brembo-Mono­bloc-Bremsen glänzen mit glasklarem Druckpunkt und lassen sich sehr präzise dosieren. Das Motormanagement sorgt dafür, dass das Bremsmoment des  mit 13:1 sehr hoch verdichteten Motors nicht zu krass ausfällt, die mechanische Anti-Hopping-Kupplung glättet es zusätzlich und hält das Hinterrad auch bei ruppiger Kupplungsbetätigung am Boden – eine saubere, schwarze Linie belegt die perfekte Abstimmung.

Stopper von Brembo:

Mappingstufe S

Nachdem die Crew beteuerte, dass sich selbst die Aprilia-Testfahrer auf der mittleren Mappingstufe «S» am wohlsten fühlen, nehme ich diese genauer unter die Lupe. Hier wurde tatsächlich ein guter Kompromiss gefunden: Der Motor liefert nur so viel Leistung, wie übertragen werden kann, das Vorderrad hebt selbst im ersten Gang nicht ab, und doch hat man nie das Gefühl, zu wenig Leistung abrufen zu können.

Alex Hofmann berät mich

Nachdem mich Aprilia-Testfahrer und Ex-GP-Pilot Alex Hofmann zuvor auf der letzten Rille freundlich grüssend überholt hatte, steht er in der Box wieder beratend zur Seite: «Auf T musst du dann schon ein bisschen easy machen! Du wirst sehen, da kommt nochmals deutlich mehr.» Also Modus «T» rein, volle Dröhnung! Der Unterschied ist deutlich spürbar.

180 PS stehen an

Die Leistungskurve ist immer noch gleichmässig, steigt aber steiler an. Bei 8000/min reisst der V4 im ersten Gang das Vorderrad in die Luft. Von 12'500/min bis 13'500/min stehen 180 PS an. Darüber wird die Leistung gedrosselt, erst nach 2 Sekunden setzt die Einspritzung aus. Das kann dir zwischen zwei Kurven auch mal ein Schaltmanöver ersparen. Die Gasannahme fällt  in Modus «T» sehr direkt aus, ist aber mit etwas Feingefühl auch in Schräglage noch gut in den Griff zu bekommen.

Rutschgrenzen austesten

Es kann noch kraftvoller aus den Ecken gepowert werden, der Rennreifen signalisiert am Kurvenausgang die Rutschgrenze, das Vorderrad hebt immer wieder ab, wird – wie auch die Fahrerpsyche – vom Öhlins-Lenkungsdämpfer aber stets beruhigt.

Gut dosierbare Leistung

Die RSV4 gibt sich deutlich spektakulärer, lässt noch mehr Begeisterung aufkommen, und doch bleibt die Leistung dank ausgesprochen homogener Kraftentfaltung stets gut dosierbar. Mitverantwortlich dafür ist wohl auch die unregelmässige Zündfolge von 0° bis 115°, bis 360°, bis 475°. «Unser V4 ist so einfach zu fahren, dass wir im Gegensatz zu einigen Konkurrenzprodukten keine Traktionskontrolle brauchen», so der Tenor von Aprilia. Dennoch laufen in Noale natürlich auch in diese Richtung Projekte.

Wende gepackt

Obwohl Aprilia in den letzten Jahren einige beachtliche Maschinen gebaut hat, könnte die RSV4 für die Italiener tatsächlich nicht nur einen Meilenstein, sondern einen Wendepunkt darstellen. Denn trotz 254 Siegen und 33 Titeln in der WM haftet an der Motorradschmiede aus Noale teils noch der Ruf des Roller- und 125er-Herstellers. Mit der RSV4 hat Aprilia nun aber eindrücklich bewiesen, dass sie an den Besten zu messen sind und grossen Respekt verdienen.

RSV4 Factory

Die in Italien offiziell «RSV4 Factory» ge­nannte Superbike-Basismaschine ist auf 1000 Stück limitiert. Trotz grösserer Nachfrage sind bisher nur 25 dieser Edelrenner für den Schweizer Markt vorgesehen. Die Ofrag AG kämpft als neuer Schweizer Aprilia-Importeur noch um eine Kontingenterweiterung.

RSV4 SBK

In der Schweiz wird die Maschine übrigens als «RSV4 SBK» verkauft. Hintergrund: Im Herbst wird an der Eicma in Mailand neben der Standardversion «RSV4 R» eine neue «RSV4 Factory» präsentiert, welche preiswerter ausfallen und mit weniger Einstellmöglichkeiten aufwarten wird als die hier vorgestellte Maschine.

Fazit

Die RSV4 misst sich in beachtlicher Manier mit den Besten! Sie ist clever konzipiert, birgt raffinierte Lösungen, ist kraftvoll, einfach zu bändigen, effizient, charmant und begeisternd. Die RSV4 schafft es auch ohne sagenumwobene, glorreiche, historische Erfolgsgeschichten in die High Society! Mit ihr dürfte Aprilia die Beachtung zuteil werden, die ihren Modellen längst zugestanden hätte.


Technisches Video:



Personen:

Max BiaggiAlex HofmanAprilia-Racerinnen



Technische Fotos und Details:

Rahmen mit Schwinge und Federbein:

Und das Rahmen auf einer Zeichnung - gut zu sehen die Aufhängpunkte für den Motor.

Der Soziussitz ist nicht wirklich für lange Reisen gedacht:

Edle oberere Gabelbrücke:

Schwinge, Hinterradabdeckung Kettenspanner:

Aggressive Front:

Endschalldämpfer mit Kat:

Gestrippte RSV4:

Motor:

Geöffneter Motor

Motor

von links:

Motor

von rechts:

Ventiltrieb:

Heck:

Chassis mit Telegabel, Schwinge, Federbein und angeschraubtem Heck:

Lufthörner: Ansaugstutzen mit dahinterliegender Airbox:

Race-Version RSV4 in Karbon für die Rennstrecke:



Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt2 Punkte
Auf grosser Tour2 Punkte
Sportlich fahren5 Punkte
Zu zweit unterwegs2 Punkte
Emotionen5 Punkte



Technische Daten Aprilia RSV4 Factory (oder "RSV4 SBK" genannt)

Motor

BauartFlüssigkeitsgekühlter V4-Viertakter, Kurbelwelle quer, Zylinderwinkel 65°
VentilsteuerungDOHC, die über eine Steuerkette angetriebene Einlassnockenwelle treibt über Zahnräder die Auslassnockenwelle an. Vier über Tassenstössel betätigte Ventile pro Zylinder
Bohrung x Hub78×52,3 mm
Hubraum999,6 ccm
Verdichtung13:1
GemischaufbereitungMotormanagement von Magneti Marelli mit elektronisch geregelter Benzineinspritzung (in der Länge variable Ansaugtrichter, 8 Einspritzdüsen). Digitale Zündung, Ride-by-Wire mit drei wählbaren Mappings
Drosselklappen-Durchmesser48 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass
SchmierungNasssumpfschmierung mit Ölkühler
Auspuffanlage4-2-1-Auspuffanlage mit integrierter Drosselklappe und geregeltem 3-Wege-Katalysator.
StarterE-Starter.

Leistungsdaten

Max. Leistung 180 PS (132 kW) bei 12'500/min
Max. Drehmoment11,7 mkg (115 Nm) bei 10'000/min
V-max.-

Kraftübertragung

KupplungGerade verzahnter Primärtrieb. Seilzugbetätigte Mehrscheibenkupplung im Ölbad mit mechanischem Anti-Hopping-System.
Gänge

6-Gang-Kassettengetriebe

EndantriebDichtringkette.

Fahrwerk

RahmenBrückenrahmen aus gegossenen und gepressten, miteinander verschweissten Aluteilen, angeschraubtes Alu-Rahmenheck. Position der Motorverschraubung und Aufnahme der Schwingenachse variabel.
Federung vorneVorn voll einstellbare, TiN-beschichtete Upside-down-Telegabel von Öhlins
Gabelinnenrohr-Durchmesser43 mm
Federung hintenHinten Alu-Zweiarmschwinge. Über Umlenkhebel progressiv angelenktes, voll einstellbares Zentralfederbein von Öhlins. Lenkungsdämpfer von Öhlins.
Federweg vorn/hinten120 mm / 130 mm

Räder

RädertypGeschmiedete Leichtmetallräder. Radialreifen Pirelli Diablo Supercorsa SP.
Felgendimension vornMT 3.50×17"
Felgendimension hintenMT 6.00×17"
Reifendimension vorn120/70 ZR 17"
Reifendimension hinten190/55 ZR 17"

Bremsen

Bremse vornBrembo. Vorn zwei schwimmend gelagerte Stahlscheiben (320 mm) mit Monobloc-Vierkolbenzangen
Bremse hintenHinten fix montierte Stahlscheibe (220 mm) mit Zweikolbenzange
ABSNein

Abmessungen und Gewichte

Radstand1420 mm
Lenkkopfwinkel65,5°
Nachlauf105 mm 
Leergewicht fahrfertig vollgetankt200 kg
Sitzhöhe845 mm
Tankinhalt (davon Reserve)17/4 l

Farben

schwarz-rot
x
x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 28'995.–, inkl. MwSt. und NK
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überOfrag Vertriebsgesellschaft
Hübelacherstr. 1, 5242 Lupfig
Tel. 056 202 00 00,

Sonstiges, Bemerkungen

Bemerkungnicht mit 34 PS erhältlich

Konkurrenten

BMW S 1000 RR
Ducati 1098 S
Honda CBR 1000 RR Fireblade
Kawasaki ZX-10R Ninja
KTM RC8
Suzuki GSX-R 1000 K9
Yamaha YZF-R1




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