Test und Technik

Obercooler, kleiner Streetfighter

Fahrbericht: Triumph Street Triple

17.07.2007 00:00

Streetfighter oder Anfängertöff? Noch selten konnte man diese Frage so ernsthaft stellen wie bei der neuen Triumph Street Triple. Denn die Böse kann auch nett sein. Und umgekehrt. Testbericht von Daniel Riesen.


Britischer Raufbold in den italiennischen Alpen: Triumph Street Triple am Lago di Garda.

Konzept

Eigentlich konnte kaum etwas schieflaufen. Dass Triumph obercoole Naked Bikes bauen kann, ist seit der Erfindung der Speed Triple unbestritten. Und seit wir das erste Mal die kompromisslose Sportlerin Daytona 675 gefahren haben, wussten wir, dass der erstaunliche, kleine Dreizylindermotor – mit Pfuus von 2000 bis 12 '000/min – in ein Strassenmotorrad gehört.

Foto: Dimensionenunterschiede Street Triple - 675 Daytona


Das wusste man natürlich in Hinckley auch. Und tatsächlich, just während ausgewählte Journalisten Anfang 2006 erstmals die Daytona über die Rennstrecke in Malaysia jagten, fuhren Triumph-Tester die ersten Kilometer mit einem Prototypen dessen, was nun ab August 2007 zu kaufen ist: die Street Triple, eine Fusion von Speed Triple (der Geist und der Look) und Daytona 675 (die Technik).

Foto: Doppelglubschaugenlook


Der Motor
Die Street Triple ist ein fantastisches kleines Bike für die grossen Momente des Motorradfahrerlebens. Warum dieser Enthusiasmus? Weil die neue Triumph alles bietet, was man von einem Mittelklassemotorrad erwartet. Dazu aber eine ganze Menge mehr, wofür primär der Motor zuständig ist, der in diesem Segment ab sofort einen neuen Standard setzt.
Beispiel gefällig? Man rollt im 5. Gang durchs Dorf, zieht am Ortsausgang bei 2000/min auf und kommt sofort flott weg. Kein Hacken und Stottern (wie bei Zweizylindern), kein Warten auf Leistung (wie bei Vierzylindern). Ähnliches bietet auch die Daytona, im Durchzug ist die Street Triple aber noch besser. Weil erstens ein geändertes Nockenprofil die Leistung bis gegen 9000/min leicht erhöht und zweitens, weil die Endübersetzung deutlich kürzer gewählt wurde. Von den 125 PS der Daytona blieben deren 106 übrig. Genug für ein trocken 167 kg leichtes Naked Bike.

Foto: Nahaufnahme Fahrt


Diverse Auspuff-Optionen
Nervt man den leistungswilligen Triple mit tieftourigem Schleichbetrieb, nervt der mit einem Singsang aus Primärtrieb und Kupplung zurück. In der Drehzahlmitte brummelt er verhalten, darüber knurrt er … immer noch verhalten, so wollen es unbeteiligte Ohren und der Gesetzgeber. Seine laute, dreckige Seite schreit er nur mit der nicht homologierten und rund 8 kg leichteren Arrow-Zubehörauspuffanlage hinaus. Demnächst bietet Triumph zudem eine legale Arrow-Anlage mit zwei im Vergleich zum Original deutlich schlankeren Schalldämpfern an.

Foto: Auspuffanlage komplett

Komfort
Aufsitzen, losfahren, wohlfühlen: Einst besassen japanische Hersteller das Geheimnis der unauffälligen Instant-Ergonomie. Triumph kanns auch, wie die Street Triple beweist. Man sitzt integriert in der Maschine, die klein und leicht wirkt, auch dank der geringen Sitzhöhe: Mit 167 cm Körpergrösse steht man mit beiden Fersen fest auf dem Boden. Vom ersten Meter an dirigiert man das Bike am breiten Lenker ganz locker.

Foto: Sitz

Foto: Daniel Riesen reisst die Kleine hoch

Foto: Frontmaske

Bremsen
Die ersten Kurven der Teststrecke am Lago di Garda umrundet man lieber noch vorsichtig, die Dunlop Qualifier wirken kalt etwas unstet, harmonieren warm gefahren aber bestens mit der Triumph. In dieser Einfahrphase ist es besonders angenehm, dass die Anpassungsbremsungen einfach dosierbar gelingen. Hinten bremst man wacker mit, vorn geht die unspektakuläre Doppelkolbenbremse – irgendwo musste Triumph ja sparen, um die Street Triple 4000 Franken günstiger als die Daytona anbieten zu können – sanft zu Werk. Sanft heisst dabei nicht kraftlos, im Laufe des Testtags ergaben sich Zweifinger-Stoppies wie von selbst. Immerhin bestehen die Bremsleitungen aus solidem Stahlflex.

Fahrwerk
Allmählich sind Reifen und Menschen warmgefahren. Vorn erhöht Simon Warburton die Schlagzahl. Der Product Manager lässt es sich nicht nehmen, die Reaktionen der Journalisten gleich live mitzuerleben.
Tester können bekanntlich eine mühsam meckernde Meute sein, doch im Fall der Street Triple werden die kritischen Rückmeldungen nach Hinckley rar bleiben. Denn auch fahrwerksseitig ist die Mutation vom Sportbike zum Streetfighter gelungen. Hauptrahmen und Schwinge sind identisch (also sportiv steif), während bei den Federelementen (von Kayaba) auf Einstellbarkeit mit Ausnahme der Federbein-Vorspannung verzichtet und so gespart wird. Weitgehend ohne Nachteil. Einzig das in der Federrate softe Federbein wird unter Schwergewichtigen oder im Zweipersonenbetrieb ans Limit geraten. Unter dem 65-kg-Autor lieferte das Hinterteil hingegen viel Feedback und geriet erst bei sehr forcierter Fahrt in Bewegung. Zudem steckt die Street Triple wellige Passagen besser weg als Bikes mit supersportlicher Federhärte.

Foto: Rahmen der Street Triple

Foto: Burnout


Klagen? Nur kleine!
Bei den vielen Rhythmuswechseln erspart selbst das konstant hohe Drehmoment (für eine «600er») von 60 Nm und mehr zwischen 3500 und 12  300/min gelegentliches Schalten nicht. Wie bei der Daytona rücken die Gänge oft nur mit ein wenig Widerstand am Schalthebel ein, zum Problem wird die Hakeligkeit aber nie.


Auch die Erwähnung des leichten Rucks im Antriebsstrang beim Übergang vom Schiebe- in den Vortrieb ist Jammern auf hohem Niveau, denn bei tausend Kurven auf 160 Testkilometern verhagelte dieser Lastwechsel die Linie nie. Die Gashand hats offenbar instinktiv kompensiert.


Nicht immer zu kompensieren ist hingegen der zu knappe Lenkeinschlag. So gelingen Wendemanöver und das Schlängeln durch den Verkehr nicht ganz so geschmeidig, wie es die so leichtfüssige Street Triple sonst zulassen würde.

Foto: Gabel

Alltagstauglichkeit/Soziusplatz
Zügig gefahrene Testkilometer anlässlich von Motorradpräsentationen lassen Dinge wie Alltagstauglichkeit und Komfort etwas in den Hintergrund rücken. Aufgefallen sind die ausgesprochen bequeme Sitzhaltung, aber auch die dünne Polsterung. Hingegen  sass der Tester – auf kurzer Distanz – oberbequem auf dem Soziusplatz: Das Polster ist weich (aber kurz), der Kniewinkel entspannt, man thront nicht allzu hoch, wie auf Supersportlern üblich. An Haltemöglichkeiten bleibt aber nur die Taille des Piloten, und auch Abstützen am Tank bei Bremsmanövern ist nicht einfach. Für den Gepäcktransport eignet sich die Street wegen der Schalldämpfer unter dem Heck ebenfalls nur bedingt. Immerhin lässt sich ein Magnet-Tankrucksack montieren.

Foto: Spoiler

Foto: Cockpit


Aber letztlich sind dies alles Petitessen angesichts des überragenden Vergnügens, das die Street Triple vermittelt. Einfach, weil die Kompaktheit des Motorrades (Radstand auf Supersport-Niveau), der feurige Motor, das steife und doch verzeihende Fahrwerk und die tollen Bremsen ein solch homogenes Paket bilden. Und vom coolen Streetfighter-Look sowie der tadellosen Verarbeitung haben wir noch gar nicht geredet.

Foto: Burnout

Foto: Kommt gut - Triple abends in der Stadt



TECHNISCHE DATEN
TRIUMPH STREET TRIPLE

Antrieb 

Flüssigkeitsgekühlter Reihen-Dreizylinder. Zylinderbank quer. DOHC, vier Ventile pro Zylinder, Ventilwinkel total 23°. Eine Ausgleichswelle. Saugrohr-Benzineinspritzung. 3-1-2-Auspuffanlage mit geregeltem Kat und Sekundärluftsystem. E-Starter. Nasssumpfschmierung. Zahnradprimärtrieb, Mehrscheiben-Nasskupplung, Sechsganggetriebe, Endantrieb über Dichtringkette.

Bohrung × Hub  74 × 52,3 mm
Gesamthubraum  675 cm3
Verdichtungsverhältnis  12,65:1
Drosselklappen-ø  44 mm

Leistungsdaten Werk


max. Leistung 106 PS bei 11  700/min
max. Drehmoment  6,9 mkg bei 9200/min

Fahrwerk 

Alu-Brückenrahmen, Alu-Rahmenheck geschraubt. USD-Telegabel. Alu-Zweiarmschwinge, Federbein arbeitet über Umlenkhebel progressiv, einstellbar in der Vorspannung.
Gabelinnenrohr-ø 41 mm
Federweg vorn/hinten 120/126 mm

Räder

Bremsen  Alu-Gussräder, Radialreifen Dunlop Sportmax Qualifier. Vorn 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17. Zweischeibenbremse mit Doppelkolbenzangen vorn, Einzelscheibe mit Einkolbenzange hinten. Bremsscheiben-ø 308/220 mm.

Abmessungen und Gewichte   


Radstand  1395 mm
Lenkkopfwinkel 65,7°
Nachlauf 95,3 mm
Sitzhöhe 800 mm
Tankinhalt 17,4 l
Trockengewicht 167 kg


Preis 

Fr. 11  490.– inkl. MwSt. u. NK. Farben Weiss, Grün und Schwarz, erhältlich ab 6. August. Auch mit 25 kW/34 PS.

Infos siehe Linkbox



AUF EINEN BLICK
TRIUMPH STREET TRIPLE

Punktebewertung (Maximal mögliche Punktzahl: 5, minimale Punktzahl: 1)

In der Stadt                             4
Auf grosser Tour                    3
Sportlich fahren                      4
Zu zweit unterwegs                 2
Emotionen                               4



Fazit
So viel Motorrad fürs Geld gabs wohl noch nie. Ähnliches galt einst auch für die wenig geliebte Street Four. Ihr Mauerblümchendasein wird die Street Triple aber garantiert nicht teilen. Denn die Mischung aus Normalo- und Hooligan-Bike ist extrem gut gelungen.


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