Test und Technik

Leistungsspritze für Italo-Klassiker

Fahrtest Moto Guzzi Griso 8 V

25.09.2007 00:00

Fahrbericht: Noch nie gab es eine serienmässige Moto Guzzi, die so viel Dampf hatte wie die neue Griso 8V. Neben einer Hubraumerweiterung setzt die Motorradschmiede aus Mandello erstmals auf Vierventiltechnik. Von Tobias Kloetzli.


Abschied von der Zweiventiltechnik: Als eine der ersten Mandello-Italienerinnen erhielt die Moto Guzzi Griso 8 Ventile.

Vor zwei Jahren wurde die Moto Guzzi Griso 1100 mit schwungvoller Linienführung und wuchtigem Endschalldämpfer als Erkennungsmerkmale vorgestellt. Die neue Griso 8 V ist die erste Guzzi, die in den Genuss des neuen «Quattrovalvole»-1200er-Motors kommt.

Motor: Viele neue Lösungen

Tatsächlich war die Weiterentwicklung des bisherigen 1100er-Zweiventilers zum 1200er-Vierventiler umfassender, als man vermuten könnte. Abgesehen vom Motorkonzept, dem 90°-V2 mit längs liegender Kurbellwelle, blieb kaum ein Stein auf dem anderen. 75 % der Bauteile, die im Quatrovalvole zum Einsatz kommen, sind neu. Die wichtigsten Änderungen betreffen natürlich die grösseren Zylinder mit geschmiedeten Kolben und die Vierventil-Zylinderköpfe.

Blick von hinten auf den längsliegenden (nicht quer!) Motor: Zentral die grosse Kupplungsscheibe. Oben in den Zylindern sieht man die Einlässe. Ganz oben in der Mitte thront über allem der Alternator.

Während beim 1100er-Motor die Ventile von einer zentral zwischen den Zylindern liegenden Nockenwelle über Stösselstangen und Kipphebel gesteuert wurden, verfügt der neue Achtventiler über je eine kettengetriebene, seitlich am Zylinderkopf lie­gende Nockenwelle. Diese betätigt über hydraulische Stössel zwei Kipphebel, welche die vier Ventile steuern.

Foto: Blick auf den ausgebauten Motor. Ganz links oben die Drosselklappe (1). In der Mitte die Kupplungsscheibe (2). Bei Nummer (3) finden wir die Steuerkette und den Steuerkettenspanner (links davon). Nummer (4) ist der Einlass, Nummer (5) die vier Ventile pro Zylinder. Unter der Nummer (6) - allerdings nicht zu sehen - dürfte sich die Nockenwelle verbergen. Es dürfte sich dabei um eine Nockenwelle vom Typ HC (high camshaft) handeln, also eine halbhohe Anwendung der Nockenwelle. Bei Nummer (7) vermuten wir die Kerze...

Motor der Griso 8V von seitlich vorne: Man beachte den Auslass (1) der Abgase aus dem Motortrakt. Der Krümmer ist zur besseren Isolierung (Hitze, Lärm) doppelwandig gestaltet. Ganz wichtig bei der neuen Griso: natürlich der Schriftzug (2) auf dem Deckel - damit auch ein jeder wisse, wieviele Ventile die Guzzi auch wirklich hat. Unter der (3) finden wir die längs eingebaute Kurbelwelle (nicht sichtbar). Die Kurbelwelle treibt vermutlich auch ein Zahnrad (4) am, das wiederum die Ölpumpe antreiben dürfte. Im Nasssumpf unten finden wir schliesslich auch ein Sieb (5), durch das das Motorenöl nach oben gesaugt wird. Bei (6) sitzt der Alternator, bei (7) der Polyriemen. Unter der auffällen Ausbuchtung von Nummer (8) vermuten wir schliesslich den grossen Anlasser.

Mehr Leistung

Die konnte im Vergleich zur 1100er-Griso von 88 PS auf 110 PS gesteigert werden. Um trotz dieser Leistungsausbeute die Temperaturen unter Kontrolle zu halten, würde der Ölkreislauf des luft-/  ölgekühlten Aggregats überarbeitet. So beliefern nun neue Ölpumpen, die über eine Fördermenge von 25 Liter pro Minute verfügen, die Düsen, welche die Kolbenböden zur Kühlung mit Öl bespritzen.

Foto: Einlasstrakt. Wer genau hinschaut, erkennt sogar noch einen Teil der Ventile dahinter.

Foto: Auslasstrakt

Sitzposition

Die neue Sitzbank ist bequem und liegt nicht zu weit oben, sodass auch Fahrer unter 170 cm mit beiden Füssen festen Stand haben. Der Kniewinkel ist nur gerade so eng, dass er auf längeren Etappen nicht zu Tortur wird. Beim Rangieren kann die voll getankt rund 250 kg schwere Griso ihr Gewicht nur schwer verbergen, allerdings glänzt sie hier mit einem ausgezeichneten Lenkeinschlag. Im Stop-and-go-Betrieb durch das innerstädtische Verkehrslabyrinth verlangt die schwergängige Kupplung eine kräftige Hand.

Getriebe, Schaltung

Die Schaltung ist leichtgängig, aber Gangwechsel fallen eher laut aus. Die sind aber nur selten nötig, denn der 1200er-Motor ist sehr elastisch und nimmt auch unter 2000/min geschmeidig Gas an, sodass man im sechsten Gang problemlos unter 50 km/h fahren kann. Mit einem satten Drehmoment beschleunigt der Quattrovalvole kraftvoll bis rund 4500/min, begleitet von wohltuenden Vibrationen.

Leistung

Bis kurz vor 6000/min gönnt er sich dann allerdings eine Verschnaufpause, bevor er den Fahrer mit faszinierendem Leistungszuwachs über die Nenndrehzahl von 7500/min in den Begrenzer oberhalb 8000/min katapultiert. Mit der zunehmenden Leistung werden allerdings auch die Vibrationen eher ungemütlich. Nichtsdestotrotz begeistert der neue Motor sowohl im oberen als auch im unteren Drehzahlbereich. Nur das Zögern in der Drehzahlmitte nervt zuweilen. Fährt man auf der Autostrada beispielsweise im 6. Gang mit 120 km/h und will beschleunigen, muss zwei Gänge runtergeschaltet werden, um in den Genuss von ordentlich Vortrieb zu kommen.

Da hatte der Zweiventiler klar eine transparentere Leistungsentfaltung. In Mandello sollte man bezüglich der Abstimmung des Quattrovalvole also nochmals über die Bücher. Dabei könnte möglicher­weise auch dem Ruckeln zwischen 3000 und 4000/min bei konstanten Tempi entgegengewirkt werden.

Foto: Sieht mächtig aus: Der Endschalldämpfer. Ein Motojounalist verglich sie einmal mit den Abgasrohrem russischer Braunkohlekraftwerke...


Erstaunlich handlich
Viele Kurven gab es auf der Test­runde zwar nicht, trotzdem begeistert die Griso mit überraschender Handlichkeit, zeigte im Kreisverkehr bei Bremsmanövern kaum Aufstellmoment und reagierte auch auf Lastwechsel ausgesprochen neutral. Geradeaus verhielt sie sich sehr spurstabil und liess sich auch in Schräglage nur durch eine Brückenschwelle auf der Autobahn zu einem leichten Schlenker verleiten.

Bremsen

Die neuen Bremsen sind gut dosierbar und verfügen über einen präzisen Druckpunkt. Sie sind nicht zu aggressiv, verlangen im Gegenzug für Vollbremsungen aber überdurchschnittlich viel Handkraft.

Fazit
Die Griso 8 V ist ein schöner, charakterstarker Klassiker für sportliche und dennoch bequeme Ausfahrten. Der stärkste, serienmässige, luftgekühlte Zweizylinder aus Mandello begeistert mit kraftvoller Leistungsentfaltung im oberen Drehzahlbereich sowie mit viel Elastizität und sattem Drehmoment im unteren Bereich. Zusammen mit dem attraktiven Fahrverhalten tröstet die neue Italienerin so über ihre magere Mitte hinweg. Bleibt zu hoffen, dass diese Schwäche dem Quattroval­vole noch wegtrainiert werden kann, ansonsten ist der Aufpreis von rund
Fr. 4000.– zur überzeugenden Griso 1100 nur schwer zu rechtfertigen. 

Foto: Tobias Kloetzli greift auf der neuen Griso an


Technische Daten

Motor

Luft-/ölgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 90°, Kurbelwelle längs liegend. Je eine kettengetriebene, seitlich am Zylinderkopf liegende Nockenwelle betätigt über Stösselstangen und Kipphebel vier Ventile pro Zylinder.

Elektronische Zündung und Benzineinspritzung von Magneti Marelli mit je einer Multipoint-Düse pro Zylinder. 2-1-2-Auspuffanlage mit 3-Wege-Katalysator, Nasssumpfschmierung. Elektrostarter.


Bohrung×Hub 95×81,2 mm
Gesamthubraum 1151 ccm
Verdichtungsverhältnis 11:1
Drosselklappen-ø 50 mm


Leistungsdaten ab Werk

max. Leistung 110 PS (81 kW) bei 7500/min
max. Drehmoment 11 mkg (108 Nm) bei 6400/min

Kraftübertragung 

Zahnradprimärtrieb. Hydraulisch betätigte Einscheibentrockenkupplung. Klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, Endantrieb über rechts liegende Kardanwelle.

Fahrwerk

Doppelschleifen-Rohrbrückenrahmen aus Stahl. Vorne voll einstellbare USD-Telegabel von Showa. Hinten Alu-Einarm­schwinge. Über Hebel­umlenkung progressiv angelenktes voll einstellbares Zentralfederbein.

Gabelinnenrohr-ø 43 mm
Federweg vorne 120 mm
hinten 110 mm

Räder

Aluguss-Dreispeichenräder. Schlauchlose Radialreifen Metzeler Sportec M3.

Felgendimension vorne3.50×17
hinten 5.50×17

Reifendimension vorne120/70-ZR17
hinten180/55-ZR17

Bremsen

Brembo. Vorne Doppelscheibenbremse mit gelochten, halb schwimmend gelagerten Stahlscheiben und Doppelkolbenzangen. Hinten fix montierte gelochte Scheibe mit Doppelkolbenzange.

Bremsscheiben-ø vorn 320 mm
hinten 282 mm

Abmessungen und Gewichte

Radstand 1554 mm
Lenkkopfwinkel 64°
Nachlauf 108 mm
Sitzhöhe 800 mm
Tankinhalt/dav. Res. 16,7 l/3,3 l
Trockengewicht (Werk) 222 kg

Preis 

Um Fr. 23'000.– inkl. MwSt. und NK. Lieferbar ab Ende Oktober in Mondweiss oder Schwarz . Keine 34-PS-Version lieferbar.

CH-Import Mohag AG
Bernerstrasse Nord 202 8048 Zürich
Tel. 044 434 86 86
Fax 044 434 86 06

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