Test und Technik

Die Zeitmaschine

Fahrbericht Moto Guzzi V7

28.05.2008 00:00

Die neue 750er Moto Guzzi versetzt dich im Handumdrehen zurück in eine Zeit, als Motorräder noch Motor-Räder waren, mit Drahtspeichenrädern und maximal vier Zoll breiten Hinterreifen, als das Leder schwarz, die Helme offen und 180 sehr, sehr schnell war. Text: Markus Schmid Bilder: Thomas Macchabelli, Schmid


Die neue Moto Guzzi V7 - mit ihr ist Mann und Frau immer richtig angezogen. Egal ob Landstrasse, Stadt oder Bikertreffen.

Etwas Guzzi-Geschichte...

Obwohl Moto Guzzi seit der Gründung 1921 über 40 Jahre lang in der «grosse» Hubraumklasse – und alles oberhalb von 350 ccm war damals gross – ausschliesslich liegende Einzylinder-Viertakter verkaufte, gilt heute der luftgekühlte 90-Grad-V2 mit längsliegender Kurbelwelle als typisch für die Maschinen aus Mandello del Lario am Comersee.
Die V7-Modellreihe mit diesem V2 war ab 1965 mit auf dem Markt, bis 1968 noch mit 703,3 ccm, ab 1969 waren es in der V7 Special durch eine um 3 mm auf 83 mm vergrösserte Bohrung 757 ccm.

Foto: Moto Guzzi V7 aus dem Jahre 1967

Die «Guzzi» war damals das erste moderne «Big Bike» aus Italien und in der Version V7 California ab 1971 die europäische Harley-Davidson schlechthin. Sie stach jene bei den Polizeikorps nicht zuletzt aus wegen ihrer Zuverlässigkeit und Wartungsfreundlichkeit.

Und genau in diese Zeit von Rockmusik, Flowerpower und Make-Love-not-War-Groove fühlst du dich zurückversetzt, sobald du ein Bein über die tiefe, flache, gerade richtig gepolsterte Sitzbank schwingst. Die niedrige, harmonische und versammelte  Sitzposition wird auch der Damenwelt auf Anhieb passen!

Und, weiteres Foto: Blick  von hinten

Puls, nicht Vibration

Auf den ersten Anlasserdruck stampft der V2 los. Das elektronische Motormanagement verfügt über kein Kaltstartprogramm, für die Gemischanreicherung ist noch wie früher bei Vergasermaschinen der Chauffeur per Chokeschieber links am Lenker zuständig.Bei frühlingshaften Temperaturen gehts aber auch ohne, solange man nicht gerade den Drehgriff voll aufreisst. Nach einer halben Minute erträgt der gutmütige V2 auch das.

Das offizielle Moto Guzzi V7-Video:

Mit jedem Gasstoss lehnt sich die V7 mit sanftem Druck innen an deinen linken Oberschenkel an, eine Folge des Rückdrehmomentes der Schwungmasse auf der längsliegenden Kurbelwelle, und ein herzerwärmendes Gefühl, wie das Anlehnungsbedürfnis eines Berner Sennenhundes, der um ein paar Kopfkraul-Einheiten bittet.Die V7 lebt.

Getriebe, Kupplung

Die traditionelle Einscheiben-Trockenkupplung lässt sich perfekt mit mittlerer Handkraft am – leider nicht einstellbaren – Handhebel dosieren, keine Spur von der zuweilen progressiv-bissigen Eigenart dieser Bauweise. Nur beim Herunterschalten braucht sie einen entschlossenen Gasstoss, um komplett zu trennen. Dann aber laufen die Gangwechsel problemlos.

Nehmen wir es vorweg. Das Getriebe ist der einzige wirkliche Kritikpunkt an der klassisch Schönen: Wer präzise mit dem Gasgriff umgeht, die Drehzahlwechsel bei der Schalterei im Griff hat, hat keine Probleme. Untypischerweise für eine Kardan-Guzzi lässt sich die Fünfgang-Box dann sogar ohne Kupplung ab dem zweiten Gang butterweich hochschalten. Aber wer unentschlossen im Innerortsverkehr mitschwimmt, unkonzentriert ein wenig «im Getriebe rührt», der wird öfter mal die hakelige Seite dieses Getriebes kennen lernen, und den eingelegten Gang nur mit massivem Druck am Schalthebel wechseln können. Aber wie gesagt: Ein beherzter Gasstoss hilft immer.

Ein äusserst sanfter Traktor

Die Motorcharakteristik des V2 ist für Geniesser und Zweiradwanderer ein Gedicht: Warmgefahren kann man ihn selbst im vierten Gang noch auf Leerlaufdrehzahl, also 1000/min, zusammenfallen lassen und dann brutal die Drosselklappen auf Durchzug stellen: Der Twin schüttelt sich wie der Berner Senn, wenn er gerade aus dem Wasser steigt, und stampft dann weich vorwärts. Kein Verschlucken, kein Hacken, einfach sanft-druckvoller Vortrieb.

Drehzahlniveau

Bei 3500/min liegt das maximale Drehmoment von 55 Nm an. Das tönt heutezutage nicht mehr nach viel, aber die Kurve scheint keine Kurve zu sein, sondern ein sanft geschwungener Hügelrücken. Alles geht mit einem Dreh am Griff. Traktorartig, nur ohne jegliches Gerappel. Puls, Beat, ja, aber bis auf 5000/min nie eine nervige Vibration.

Dort oben allerdings machen sich die Massen immer stärker bemerkbar, und ab der Nenndrehzahl von 6800/min fühlt sich der V2 etwas gestresst an. Wohl dreht er bis 7800/min, bis der Drehzahlbegrenzer einsetzt, aber dort oben fühlt er sich definitiv nicht mehr wohl. Das entspricht schliesslich im fünften Gang auch an die 190 und das will mit diesem Motorrad nun wirklich gar keiner fahren.

Wozu ist sie gemacht?

Die V7 ist gemacht, um mit mittlerem Tempo – was auf Schweizer Landstrassen sowieso schon wieder oft des Guten zuviel ist – dahinzuswingen, mit lässigen Gasstössen von Kurve zu Kurve zu grummeln, den Fahrtwind und den mechanische Herzschlag der Maschine zwischen den Knien zu geniessen.

Ergonomie

Keine Angst, dies ist keine Entschuldigung für allenfalls fehlende Kurventalente. Wer es darauf anlegt, wird auf winkligen Landstrassen nicht wesentlich langsamer sein als die Sportlichen, denn die ausgewogene, klassische Rahmengeometrie der V7 ergibt, zusammen mit der aufrecht «englischen» Sitzposition, eine exzellente Kontrolle am perfekt gekröpften Lenker. Die Guzzi zirkelt auf ihren für heutige Verhältnisse schmalen Reifen auf geringste Lenkimpulse leichtfüssig um jeden Kurvenradius.

Federelemente

Die Marzocchi-Telegabel in der Front ist zwar mit ihrer Dämpferabstimmung eher auf der weichen Seite. Aber sie erledigt die anstehenden Aufgaben anständig auch über grobe Schlaglöcher und Wellen. Bei den zwei direkt angelenkten Federbeinen mit schön verchromten Federn von Sachs im Heck ists genau umgekehrt. Ihre Abstimmung fällt für einen Solopiloten eher zu straff aus, aber wahrscheinlich liegt man damit genau richtig für den Zweipersonenbetrieb.

Und dazu, für die Ausfahrt mit der Liebsten auf dem Sozius, scheint die V7 wie geschaffen: Bequemer Sitzplatz, sehr menschenwürdige Soziusrastenanordnung – ich spüre es schon, wie sie sich an meinen Rücken schmiegt.

Modernes Nostalgiegefährt

Ja eben, die V7 Classic ist einerseits ein Nostalgiegefährt, auf dem Spät-68er wie ich innert Sekunden eine Zeitreise 35 Jahre zurück absolvieren, sobald man sich nur draufsetzt. Aber die neue Guzzi mit dem Look der Sechziger- und Siebziger-Jahre ist nicht nur ein Nostalgiebolzen. Sie bietet dem Einsteiger – und dank ihrer kompakten Proportionen und niedrigen Sitzhöhe gerade auch der Einsteigerin – einen sanften und doch von ganz unten weg durchzugsstarken Motor, dazu ein sicheres Fahrwerk ohne Zicken und Komponenten, deren Leistungsfähigkeit auch für dies etwas zügigere Tour alleweil reicht.

Bremsen

Dabei sind die Bremsen trotz Stahlflexleitungen zwar effizient, aber nie bissig. Wir wissen es, wir waren hauptsächlich auf nasser Strasse unterwegs. Und dort bewährte sich auch die Originalbereifung, der Metzeler Lasertec 6, mit exzellentem Nassgrip. Insgesamt ist die Moto Guzzi V7 Classic ein richtig problemloses Wohlfühlpaket – ein nostalgisch-schönes obendrein!

Fazit

Die neue Moto Guzzi V7 Classic ist auf den ersten Blick vor allem ein Retrobike. Sie ist aber dank ihrer Schlankheit und guten Ergonomie auch eine sehr gute Wahl für Einsteiger, da leicht beherrschbar. Zudem ist sie mit ihrer zeitlosen Formensprache und den geschickt gewählten Proportionen ein Blickfang! Etwas für StilistInnen!

Guzzi V7 vor einem eigenartigen Gebäude. Es könnte sich dabei um den Guzzi-Windkanal handeln..

Beherztes Kurvenschwingen geht auch:


Detailfotos:

Das klassisch angehauchte Stereofederbein (von Sachs) mit hochschraubarer Federbasis:

Cockpit - natürlich mit Rundinstrumenten. Alles andere wäre Sakrileg..

Foto des Sitzes:

Auch das Heck sieht sehr ansprechend aus. Man bemerke die Qualität des Sitzes:

Auspuffanlage mit Hitzeschutzblech.

Seitenständer:

Der Tankdeckel ist leider komplett abnehmbar (wo habe ich ihn nun schon wieder hingetan?). Immerhin ist er abschliessbar.

Motor von hinten. Der V-2 ist der gleiche wie in der Moto Guzzi Breva 750.


Auf einen Blick

(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)

In der Stadt4 Punkte
Auf grosser Tour3 Punkte
Sportlich fahren2 Punkte
Zu zweit unterwegs4 Punkte
Emotionen3 Punkte


Technische Daten Moto Guzzi V7 Classic

Motor

BauartLuftgekühlter V2-Viertakter, Zylinderwinkel 90°, Kurbelwelle längs liegend.
VentilsteuerungPro Zylinder betätigt eine untenliegende Nockenwelle über Stössel, Stösselstangen und Kipphebel zwei Ventile.
Bohrung x Hub80 × 74 mm
Hubraum744 ccm
Verdichtung9,6 : 1
GemischaufbereitungElektronische Zündung und Benzineinspritzung von Weber Marelli mit je einer Düse pro Zylinder.
Drosselklappen-Durchmesser36 mm
Ventildurchmesser: Einlass/Auslass-
SchmierungNasssumpfschmierung 2,4 l.
Auspuffanlage2-in-2-Auspuffanlage mit Interferenzrohr, zwei 3-Wege-Katalysatoren (Euro 03)
StarterElektrostarter

Leistungsdaten

Max. Leistung 48,8 PS (35,5 kW) bei 6800/min
Max. Drehmoment5,6 mkg (55 Nm) bei 3600/min
V-max.-

Kraftübertragung

KupplungZahnradprimärtrieb. Seilzug-betätigte Einscheiben-Trockenkupplung.
GängeKlauengeschaltetes Fünfganggetriebe,
EndantriebEndantrieb über im rechten Schwingenarm gekapselte Kardanwelle

Fahrwerk

Rahmen Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, Unterzüge verschraubt.
Federung vorneVorne Telegabel von Marzocchi, nicht einstellbar
Gabelinnenrohr-Durchmesser40 mm
Federung hintenHinten Aluguss-U-Schwinge mit zwei direkt angelenkten Federbeinen von Sachs, Federbasis einstellbar.
Federweg vorn/hinten130 mm / 118 mm

Räder

RädertypStahlspeichenräder, schlauchlose Radialreifen Metzeler Lasertec Z6.
Felgendimension vorne
Felgendimension vorn2.50×18
Felgendimension hinten3.50×17
Reifendimension vorn100/90-ZR18
Reifendimension hinten130/80-ZR17

Bremsen

Bremse vornVorne eine Einscheibenbremse (320 mm) aus Stahl, gelocht, halb schwimmend gelagert mit Vierkolbenzange von Brembo.
Bremse hintenHinten fix montierte gelochte Scheibe (260 mm) mit Einkolbenzange von Brembo.
ABSnein, nicht erhältlich

Abmessungen und Gewichte

Radstand1449 mm
Lenkkopfwinkel62,17°
Nachlauf109 mm
Trockengewicht805 mm
Sitzhöhe182 kg
Tankinhalt (davon Reserve)17,0 l / 2,5 l

Farben

Weiss-Schwarz.
x
x
x
x

Preis, Lieferung per, Import

PreisFr. 13'115.- inkl. MwSt. und NK
Erstmöglicher Lieferterminab sofort
Import überMohag AG, Bernerstr. Nord 202, 8048 Zürich
Tel. 044 434 86 86
Fax 044 434 86 06

Sonstiges, Bemerungen

Bemerkung25-kW-Version ohne Aufpreis.

Konkurrenten

Moto Guzzi Breva 750 und Moto Guzzi 750 Nevada
Triumph Bonneville

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