Auf Achse

GEORGIEN

KAUKASUS OVERCROSS

05.06.2017 00:00 (purtschert/cr)

Gewaltige Gebirgslandschaften, schwierige Pisten, skurrile Ortschaften, kommunistische Überbleibsel und engagierte Menschen. Das und noch viel mehr ist Georgien, ein Land, das für Endurowanderer ein Paradies ist.


Das Grauen jedes Schweizer Bauern: mit dem Töffdurchs hohe Gras fahren! (Für mehr Bilder klicken)

AUF DER SUCHE NACH

einem neuen Abenteuer stossen wir im Internet auf www.caucasus-enduro.com und sind sofort Feuer und Flamme für eine Reise ins Kaukasusgebirge, genauer nach Georgien. Nach erster Kontaktaufnahme stellen wir schnell fest, dass wir auf einen zuverlässigen, hochmotivierten, lokalen Veranstalter gestossen sind, der uns zu bezahlbaren Konditionen ein unvergessliches Abenteuer bieten kann, und just ist die 10-Tagestour auch schon gebucht.

Wir fliegen über Istanbul nach Tiflis, wo wir frühmorgens um 5 Uhr von Gio, einem unserer Guides, abgeholt werden. Nach einem ausgiebigen Frühstück und einem Nickerchen im Hotel nehmen wir die ersten 160 km nach Kazbegi unter die bis dahin noch vier Räder, da die Motorräder erst dort auf uns warten. Nach kurzen kulturellen Zwischenstopps treffen wir am späteren Nachmittag in Kazbegi ein. Hier beziehen wir ein Zimmer in einem Guesthouse und machen uns gleich danach auf, unsere KTMs Probe zu sitzen.

 

HINAUF IN DIE BERGE

Am nächsten Tag geht es dann endlich erstmals ins Gelände. Herrlich kühle Temperaturen werden erwartet, da wir uns fast auf der gesamten Tour hauptsächlich in Höhen von mehr als 1700 m bewegen. Wir erkunden die Gegend um Kazbegi und fahren erst ein schmales Tal entlang, bis die Strasse ansteigt und hinauf in die Berge führt. Inzwischen ist auch Levan, unser zweiter Guide, dazu gestossen, der ebenfalls zum Teil mit uns auf dem Motorrad unterwegs ist, bei Überführungsetappen allerdings für den Transport des Gepäcks und des Ersatzmotorrads auf vier Räder umsteigt. Mit seinem winzigen Suzuki 4×4-Pickup, den er liebevoll Bad Ragazzi (kleiner, starker Mann) nennt, wird er uns noch einige Male überraschen.

Schon nach wenigen Kilometern kommt bereits die erste grosse Aufgabe auf uns zu: Wir müssen einen Bergbach überqueren, der ziemlich viel Wasser führt und eine beängstigende Strömung hat. Gio bewältigt den Bach mehr oder weniger bravourös, während ich als Zweite schon zu Beginn für viel Arbeit sorge. Ich setze schwungvoll zur Überquerung an, wobei es schon bald vorbei ist mit dem Schwung – und ich mitten im Bach hängen bleibe. Da meine KTM etwas zu hoch ist (oder meine Beine zu kurz), habe ich einen nicht gerade sicheren Stand, und schon nach wenigen Sekunden reisst mir die Strömung das Motorrad unter dem Hintern weg, sodass ich samt Töff so richtig auf Tauchstation gehe.

Danach läuft natürlich gar nichts mehr, und bis Werkzeug und Ersatzkerze vor Ort sind und alles wieder funktioniert, verlieren wir fast eine Stunde. Dafür kann ich in der Sonne bereits wieder etwas trocknen. Die wilde Fahrt über Stock und Stein geht dann noch geraume Zeit weiter, bis wir nach mehreren Flussdurchquerungen, vorbei an einem Bergsee, beschliessen, den Rückzug anzutreten.

 

SINTERTERRASSEN ZUM BEFAHREN

Oberhalb von Kazbegi, im Schatten des dritthöchsten Berges Georgiens, des Kasbek (5047 m), thront eine imposante Klosterkirche, und wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, auch diesen Hügel noch zu erklimmen, um die Kirche aus der Nähe zu betrachten.

Am nächsten Tag erkunden wir das Trusotal, dessen Highlight klar die Sinterterrassen (Terrassen, die meist aus Kalkablagerungen entstehen) sind. Kennt man diese vor allem aus der Türkei, wo sie nur barfuss betreten werden dürfen und natürlich gehörig Eintritt verlangt wird, kommt man im Trusotal kostenlos hin und kann diese sogar befahren. Da stehen 4×4-Taxis mit Touristen inmitten dieser schneeweissen Mineralienablagerungen, und es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, diese mit dem Motorrad zu erklimmen.

Im hinteren Teil des Tals werden wir dann an einem georgisch/ russischen Grenzposten aufgehalten und zur Umkehr gezwungen. Die bewaffneten Männer sind alle ganz friedlich, solange man nicht die Kamera zückt, das mögen sie gar nicht. Ansonsten hat man nichts zu befürchten.

Tags darauf heisst es dann schon Koffer packen und umziehen. Während Bad Ragazzi mit unserem Gepäck auf möglichst direktem Weg nach Akhmeta holpert, suchen wir uns natürlich erneut möglichst viele Herausforderungen.

Es geht über steile, steinige Abhänge und über kriminelle Brücken hinauf in eines der grössten Skigebiete Georgiens. Dort laufen bereits die Vorbereitungen für den Endurowettbewerb, der die nächsten Tage dort stattfinden soll. Den Tag lasse ich schliesslich bei einem erfrischenden Bad im See ausklingen. Abends im Guesthouse wird dann noch gut gegessen, bevor wir todmüde ins Bett fallen.

Das Essen in Georgien ist übrigens überraschend bekömmlich. Wir hatten nie Probleme mit dem Magen, und Wasser kann man, ausser in den grossen Städten, direkt vom Hahn trinken. Wer sich zudem mit Gurken und Tomaten anfreunden kann, kann sich ernährungstechnisch definitiv gut versorgen.

 

NERVENPROBE ABANOPASS

Von Akhmeta geht es dann am nächsten Tag weiter Richtung Tusheti und schliesslich über den Abanopass nach Olmeta. Der Abanopass (2850 m) ist der höchste befahrbare Pass des Kaukasus, und er erfordert ganz schön starke Nerven. Die Strasse ist extrem ausgesetzt und schlängelt sich in schwindelerregende Höhen, mit Gegenverkehr aller Art ist jederzeit zu rechnen. Um die Nerven wieder etwas zu beruhigen, können wir zwischenzeitlich eine Pause bei heissen Quellen einlegen und uns in einem ausgesprochen originellen Bad etwas erholen.

In Olmeta beziehen wir ein Zimmer in einem sehr schönen Guesthouse und haben, während wir auf Bad Ragazzi mit unserem Gepäck warten, eine unglaublich spannende Begegnung: Eine junge Frau aus Singapur reist mit ihrer Vespa an. Wie sie es über den Abanopass geschafft hat, ist uns noch immer ein Rätsel. Und sie erzählt uns spannende Geschichten von ihrer Reise. Seit 14 Monaten sei sie nun schon unterwegs, war in Nepal, Indien, Pakistan, Iran usw., und all das mit ihrer Vespa und tonnenweise Übergepäck. Pläne habe sie keine, und reisen wolle sie so lange, bis entweder das Geld ausgehe oder ihre Vespa den Geist aufgebe. So erleben wir einen äusserst unterhaltsamen Abend.

 

AUF TUCHFÜHLUNG MIT DEN EINHEIMISCHEN

Die nächsten zwei Tage gilt es dann, die Region Tusheti zu erkunden. Bad Ragazzi hat vorerst mal Pause, und wir werden wieder von beiden Guides auf dem Motorrad begleitet. Levan ist in Tusheti aufgewachsen und besitzt in einem abgelegenen Seitental ein Guesthouse, das wir uns natürlich unterwegs etwas genauer anschauen wollen. Wie sich herausstellt, steckt es im Juli aber noch immer mitten in der Winterpause, es ist aber ein ausgesprochen erholsames Plätzchen. Mit lokalen Guides unterwegs zu sein, birgt für uns erfreuliche Vorzüge: Bei dem einen Cousin wird mal ein Tee getrunken, und beim anderen ein Schwätzchen gehalten, sodass man sich richtiggehend dazugehörig fühlt.

Die Täler in Tusheti sind atemberaubend. Typisch allerdings für unsere Tour: Es geht meist in ein Tal hinein und wieder hinaus. Aber unsere Guides machen das ganz clever. Hinein fahren wir meist querfeldein, wobei man überall durchfahren darf, ob Weg oder nicht, ob hohes Gras oder Sumpf, alles ist erlaubt. Erst auf dem Rückweg nehmen wir in der Regel die reguläre Piste, sodass es einem niemals vorkommt, als würde man zweimal das Gleiche machen.

Nachdem wir dann beim zweiten Tal aufgrund des hohen Wasserstandes eines Flusses etwas früher umdrehen müssen, beschliessen wir, stattdessen einfach den Berg zwischen den beiden Tälern zu überfahren. Unglaublich, dass dasüberhaupt funktioniert! Wir kämpfen uns mehr oder weniger direkt bis ganz nach oben auf etwa 3500 m und befahren dann mehrere Kilometer den Bergkamm, sodass wir beste Sicht auf beide Täler haben. Da oben ist einfach nichts, nur wir, unsere Motorräder und gelegentlich ein paar Pferde oder Schafe sowie diese unbeschreibliche Aussicht.

Zum krönenden Abschluss des Tages gibt es dann am Abend noch eine kleine Überraschung auf unseren Tellern. Haben wir uns am Morgen noch gefragt, wie ein hyperaktiver Hahn, der sich täglich um halb sechs die Seele aus dem Leib kräht, in einem Guesthouse toleriert wird, werden wir am Abend bereits eines Besseren belehrt. Scheinbar hat er die Besitzerin längst zur Weissglut getrieben. Als sich schliesslich noch herausstellt, dass der Gute mit seinen Damen nichts anzufangen weiss, landet er flugs im Kochtopf.

 

BAD RAGAZZI IM HAGELSTURM

Tags darauf hat dann Bad Ragazzi wieder seinen grossen Auftritt. Wie es dieses kleine Gefährt geschafft hat, mit all dem aufgeladenen Krempel über den Abanopass zu kommen, und das gleich zweimal, wird uns für immer unbegreiflich bleiben. Während wir mehr oder weniger trockenen Fusses den Pass überqueren, geraten Levan und Bad Ragazzi, die etwas langsamer unterwegs sind, in einen Hagelsturm. Wir hingegen werden die ganze Reise über vom wohlgesinnten Wettergott begleitet und packen, obwohl Georgien für schnelle Wetterumschwünge bekannt ist, nicht ein einziges Mal das Regenzeug aus.

Unser Weg führt uns nach Telavi, wo wir bereits die letzte Nacht in einem Guesthouse ausserhalb der Hauptstadt verbringen. Der eigentlich letzte Tag unserer Tour führt uns dann über das Tsivi-Gebirge zurück nach Tiflis. Die Fahrt ist erneut sehr abenteuerlich und anstrengend, da wir die ersten Kilometer in einem ausgetrockneten Bachbett zurücklegen. Sich durch diese Steinwüste einen Weg zu bahnen, kostet ganz schön viel Muskelkraft. Die Gebirgskette, die wir im Anschluss überqueren, ist von steilen Abbruchwänden geprägt. Eigentlich ist alles sehr grün, doch da der Untergrund ausgesprochen sandig ist, sind immer wieder ganze Bergflanken einfach abgerutscht, und es bilden sich riesige Täler. Man steht oben an den Abrisskanten wie auf gigantischen Schneewehen.

 

EINE ENDRUO-EXTRARUNDE

Zurück in Tiflis ist es drückend heiss, und wir kühlen uns bei einem Bad im See nahe der Stadt etwas ab, bevor es dann ins Hotel geht. Da wir uns bei der Buchung des Rückfluges etwas vertan haben, haben wir nun trotz Tourende noch einen Tag übrig und können noch eine Endurorunde in der Region Tiflis anhängen. Wer jetzt denkt, wo man rund um eine Millionenstadt wohl Endurofahren kann, der täuscht sich gewaltig. Denn vom Hotel aus, das zwar gefühlt mitten in der Stadt, aber doch irgendwie am Rand liegt, fahren wir ganze zwei Minuten auf Asphalt, und dann stehen wir schon wieder irgendwo in einem Wald.

Auf schmalen Pfaden kämpfen wir uns einen Hügel hinauf, den wir dann dem Kamm entlang mit gigantischer Sicht auf die Grossstadt befahren. Es gibt Dutzende von Wegen durch dichtes Gebüsch, hohes Gras, lichte Wälder und über Wiesen, sodass wir den Tag locker noch mal so richtig mit Abenteuer füllen können.

Am nächsten und letzten Tag, greifen wir schliesslich erneut auf vier Räder zurück und erkunden noch einige historische Stätten rund um Tiflis, bevor wir am Abend zur Goodbye-Party geladen sind und nach ausgiebiger Verköstigung begleitet von einheimischer Live-Musik zum Flughafen chauffiert werden. Dann liegt nur noch eine lange Nacht der Heimreise vor uns, bis wir wieder in unseren eigenen vier Wänden stehen und uns einmal mehr bewusst wird, mit wie viel Luxus wir hier eigentlich gesegnet sind.

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