Menschen und Politik

Belgien, Nordfrankreich

Spurensuche in Flandern

25.11.2014 00:00 (Kohler/vd)

Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, wovon die Schweiz weitgehend verschont blieb. Wer mit offenen Augen durch Flandern und Nordfrankreich fährt, stösst überall auf die Spuren des Grossen Krieges.


Hektarenweise Gräberfelder – einhundert Jahre ist esher, doch die Spuren des Ersten Weltkriegs sind nichtzu übersehen in Flandern und in Nordfrankreich. (Für mehr Bilder klicken)

Wenn der heutige Motorradreisende, von England her kommend, aus dem Bauch der Fähre hinausfährt, durcheilt er Erdölraffinerien und Dünen. Damals nannten die Wikinger den Ort «Kirche-in-den-Dünen », heute heisst er Dunkerque. Der Reisende, der noch die Bilder der üppigen Landschaft Kents mit seinen malerischen Dörfern, den uralten Gasthöfen und den efeuüberwachsenen Kirchen in seiner Seele trägt, durchmisst nun eine Landschaft, die geeignet ist, Melancholie zu fördern.

Flach und weit ist Flandern, so flach, dass ein Kirchturm oder gar eine Baumgruppe zum Ereignis wird. Darüber spannt sich ein dramatischer Himmel, wie an manchen Orten, wo sich Meer und Land treffen. Die Strassen sind alle auf soliden Dämmen gebaut, überall blubbern kleine Wasserläufe, die die lang gezogenen, schmucklosen Dörfer umziehen und die Felder entwässern. Die Dörfer wurden alle nach 1918 neu erbaut. Von der Üppigkeit der Gärten Englands ist hier nichts zu spüren, die Menschen, die in dieser schutzlosen, windigen Ebene wohnen, hatten es nie einfach. Sie hatten es sehr schwer, als 1914 die Front näher kam, als man das Donnern der Geschütze hörte, als endlose Kolonnen von Soldaten und Pferden ausgeladen wurden, die der nahen belgischen Grenze zustrebten. 1915 existierten die meisten der Dörfer nahe der Front des Ersten Weltkriegs nicht mehr.

 

«Der Unschuldige wurde geopfert für den Schuldigen, der arme Mann für die Gier des reichen, der Mann ohne Einfluss für den Mann, der Ämter angesammelt hatte.»

David Starret, 9th Royal Irish Rifles

 

Tunnelbauer stoppten den deutschen Vormarsch

Zuerst zerschoss die Artillerie die Kirchtürme, in denen man Beobachter wusste, dann kamen die Häuser dran. Nur die Keller blieben, bewohnt von Soldaten, die sie als sichere Orte ausbauten. Die Armeen hatten sich ab 1915 beidseits der Front in einem dichten Netz von Schützengräben und Kavernen eingegraben. Tag und Nacht liefen Pumpen, um das Wasser wegzubekommen. Tausende Geschütze lieferten sich Stahlgewitter, bis zu zwanzig Tonnen Munition wurden von kleinen Schmalspurbahnen jede Nacht zu jeder der jeweiligen Stellungen gefahren.

Jenseits des Kanals von Ypern hatten sich die Deutschen eingegraben, in drei Reihen tiefen Festungen, mit einem Geflecht von Stacheldraht umsponnen. In monatelanger Arbeit gruben englische Mineure, die aus den Kohlebergwerken Yorkshires stammten, Tunnels unter die deutschen Stellungen. In 30 m Tiefe legten sie 19 Kammern an, diese wurden mit je 22 Tonnen Sprengstoff gefüllt. Um drei Uhr morgens des 7. Juni 1917 wurde die gewaltige Menge gezündet, man sagt, der Knall sei bis nach London zu hören gewesen. Die nachfolgende Schlacht dauerte sieben Tage, das Inferno endete mit dem deutschen Rückzug, es war der Anfang vom Ende der deutschen Offensive.

 

Alles zu Staub und Mehl zermalmt

Der Bauer Gilles Payen erzählt mir, dass seine Grosseltern 1915 von den deutschen Soldaten von ihrem Hof weggewiesen wurden. Als sie 1918 wieder ins Dorf kamen, hätten sie nicht einmal mehr genau gewusst, wo einst die Häuser gestanden hätten. Auf dem Hof Payen zeigt man mir einen zerbrochenen Stein eines gotischen Fensters. Dies sei das Einzige, was von der einstigen Dorfkirche übrig geblieben sei.

Überall Friedhöfe. Weisse Steine für die englischen, australischen, kanadischen, irischen oder neuseeländischen Soldaten, braune Steine für die Franzosen, Marokkaner, Senegalesen, die hier im Morast verendeten, schwarze für die Toten der Deutschen. Doch die Farbe spielt keine Rolle, es waren ja alles die gleichen jungen Männer, im Schnitt 22 Jahre alt – «In loving memory to my husband » oder «Meinem geliebten Sohn, gefallen fürs Vaterland», liest man auf den Grabsteinen.

 

Tief sitzendes Misstrauen gegen Grossmächte

Man vergisst hier nicht so schnell, wie es die europäische Politik möchte: Belgien ist, das fühle ich, auch heute noch ein zerrissenes Land. Die obrigkeitlich gewünschte Einigkeit zwischen Deutsch sprechenden Flamen und Französisch sprechenden Wallonen wird, je weiter man sich von der EU-Hauptstadt Brüssel entfernt, zum gegenseitigen Misstrauen. Man vergisst auch hier die zwei Kriege nicht, die das Land verwüstet haben. Die Narben liegen unter der Haut, unter dem Humus, unter den Weizenfeldern. Beim Eggen hätten Bauern immer wieder Stahlhelme an den Zinken, erzählt man mir.

Alle am Ersten Weltkrieg beteiligten Personen sind gestorben. Die Geschichten aber bleiben, und sie sollen uns eine eindrückliche Lehre sein, alles in unserer Kraft Stehende zu unternehmen, damit ein Krieg nie wieder begonnen werden kann. Das sind wir den Toten von 1914 bis 1918 und ihren Frauen und Kindern schuldig.

 

Freudenschreie am 11.11.1918

So fiel der Vorhang über diesem gemarterten Land mit den unbeschrifteten Gräbern und unbestatteten Resten gefallener Männer. «Alle Feindseligkeiten werden um 11 Uhr am 11. Tag des 11. Monats enden. Ab diesem Moment schweigen die Waffen », so wurde das Ende des Krieges ankündigt. «Das war eine freudige Nachricht! Kurz vor elf Uhr wurde es in unserem Sektor so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Als elf Uhr kam, wurden freudige Rufe laut. Der Krieg war für uns vorbei», hielt Terence Poulter, 2nd Royal Dublin Fusilers, fest. Und David Starret, 9th Royal Irish Rifles , schrieb treffend: «Es war Mord und Massaker, der Unschuldige wurde geopfert für den Schuldigen, der arme Mann für die Gier des schon reichen, der Mann ohne Einfluss für den Mann, der Ämter für sich angesammelt hatte und diese behalten wollte.»

Im September 1911 wurde vom Chef der kriegstechnischen Abteilung eine Versuchsfahrt mit drei Lastwagen von Berna, Saurer und Martini unternommen, um das neue Transportmittel unter schwierigen Umständen zu erproben. Befahren wurden Grimsel, Furka, Oberalp, Lukmanier und Gotthard. Der Lastwagen begann im Ersten Weltkrieg seinen Siegeszug und verdrängte das Pferd. Seine Kraft und Verfügbarkeit machte ihn gerade bei der Artillerie in kurzer Zeit unersetzlich. Lastwagen spielten ausserdem eine wesentliche Rolle bei der Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber Motorfahrzeugen, da sie allen nützten und ihre Fahrer «Männer aus dem Volk» waren.

 

Das freiwillige Automobil-Corps

Die Mitglieder des Automobil-Clubs der Schweiz organisierten sich bereits 1905 zum «Freiwilligen Automobil-Corps». Seinen ersten grossen Auftritt hatte das Corps im September 1912 an den Herbstmanövern des III. Armeecorps unter Oberst Ulrich Wille, die vom deutschen Kaiser Wilhelm II. und General von Moltke besucht wurden. Mit dem Ausbruch des Kriegs wurden die «freiwilligen Automobilisten » Mitglieder der Armee. Dort erregten die halbzivilen Chauffeure Anstoss, hielt man in der Armee von persönlichen Freiheiten doch nicht eben viel. Von Januar bis März 1917 wurden die ersten 32 Freiwilligen des ehemaligen Automobil- Corps in einer Offiziersschule ausgebildet.

 

Fliegertruppe: Die Schweiz im Hintertreffen

Mehrere Flugpioniere stammten aus der Schweiz, und ab Frühjahr 1913 nahm der Bieler Flugpionier Ernest Burri während fünf Monaten als Erkundungsflieger der bulgarischen Armee am bulgarisch- türkischen Krieg teil. Die damaligen Flugzeuge waren schwach motorisierte Flugapparate aus Holz, Stoff und Stahlseilen. Fallschirme waren unbekannt, wer fiel, war verloren. Die Schweizerische Offiziersgesellschaft organisierte zusammen mit dem Aero-Club der Schweiz 1912 eine Bundesspende, um eine schweizerische Luftwaffe aufzubauen. Zur selben Zeit besass Frankreich, dessen Luftwaffe erst drei Jahre zuvor gegründet worden war, bereits 27 Schwadronen mit 344 Flugzeugen, verteilt auf 8 Militärflugplätze. Deutschland hatte 2 Militärflugschulen und 400 Flugzeuge, im Kaiserreich Österreich-Ungarn gab es 25 Flugzeuge, Russland besass 55 Militärflugzeuge und weitere 77 zivile Maschinen, und England hatte mehr als 50 Militärflugzeuge und war mitten im Aufbau des Royal Flying Corps, in dem etliche britische Motorradrennfahrer Dienst leisteten.

 

Die Radfahrertruppe

Radfahrer leisteten in der Schweizer Armee seit 1891 Dienst. Bei den September-Manövern 1905 wurden erstmals Radfahrer nicht nur als Kuriere eingesetzt. Es wurden zwei Radfahrerkompanien gebildet, die den Generalstab von der neuen Truppe überzeugten. 1907 wurden acht Radfahrerkompanien gegründet. Die Radfahrer wurden in Aufrufen bei den Radsportvereinen gesucht. Wer seinen Dienst als Radfahrer leisten wollte, musste bestätigen, dass er an einem Tag 100 km fahren konnte. Die Kandidaten mussten Armeefahrräder erwerben, die zum halben Kaufpreis abgegeben wurden, oder sie konnten eigene der Marken Cosmos, Condor oder Helvetia mitbringen. Die Radfahrertruppe wurde in der Schweizer Armee zu einer Eliteeinheit, aus der in ihrer über 100-jährigen Geschichte acht Offiziere im Generalsrang stammten. Das Fahrzeug der in Europa einzigartigen Radfahrertruppe war das bis 1981 gebaute Ordonnanzrad 05. Die Armeereform XXI machte dieser Truppe, deren Corpsgeist legendär war, im Jahre 2001 ein Ende.

 

Das Motorrad im Dienste der Nation

Am 17. Oktober 1916 ersuchte der Bundesrat das Parlament um ein entsprechendes Budget zur Bildung einer Motorradfahrertruppe. Gleichzeitig begann die Registrierung aller Automobile und Motorräder zwecks Requirierung für militärische Verwendung. Die Motorräder wurden als Kurierfahrzeuge benutzt, manchmal auch als schnelles Transportmittel. Im Gegensatz zum freiwilligen Automobil-Corps hatten die Motorradfahrer keine Organisation, die in Friedenszeiten ihren Einsatz vorbereitet hätte, also musste nach der Mobilmachung zuerst eine Struktur geschaffen werden. Die von der Armee requirierten Maschinen – man gab den schweizerischen Fabrikaten den Vorrang – wurden dem Radfahrercorps zugeteilt. Die Requirierung war für die Fahrer bitter, auch wenn es weder Reifen noch Benzin zu kaufen gab. Auf Fotos aus der Zeit bekommt man ein Sammelsurium an Maschinen zu sehen – die Mechaniker im Feld waren gewiss Künstler der Improvisation!

 

Hier zum ersten Teil


 

Die Schweiz im Ersten Weltkrieg

 

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. besuchte mit seinen Generälen die Schweiz im Sommer 1912 zu einem Manöver der Schweizer Armee. Er wurde von der Deutschschweizer Bevölkerung begeistert mit Hurrarufen empfangen. In der Westschweiz weckte das schneidige Auftreten des deutschen Kaisers Antipathie. «Wir brauchen einen reinigenden Krieg ...», schrieb der Schweizer Schriftsteller Konrad Falk 1913. Am 3. August 1914 überfiel das deutsche Heer das neutrale Belgien, um durch Flandern in Richtung Paris vorzustossen. Am gleichen Tag mobilisierte die Schweizer Armee und besetzte die Grenzen mit 220 000 Mann und 45 000 Pferden. Niemand rechnete mit einem Krieg, der länger als drei Monate dauern würde. Die Ausrüstung war alles andere als einheitlich, und das Ausbildungsniveau war erst 1917 auf dem Höchststand, bis 1915 hätte die Schweizer Armee einem Angriff wenig entgegenhalten können. Die Armee hatte 1914 nur 72 Maschinengewehre, zu denen es kaum Munition gab! Der Stahlhelm wurde erst 1918 eingeführt, sein erster Einsatz war bei den Truppen, die den Landesstreik bekämpften, wohl um ihnen ein kriegerisches Aussehen zu geben.

Die Mechanisierung der grossen Armeen war 1917 abgeschlossen. Für die kleine neutrale Schweiz verzögerte sich das aus verschiedenen Gründen. Die Schweiz war auch wirtschaftlich wenig vorbereitet, weder Kohle- noch Getreidevorräte gab es für mehr als einen Monat. Politisch war das Land tief gespalten. Hielten die Romands und die Tessiner zur Entente Frankreich, England und Italien, waren die aggressive, hochfahrende Art des deutschen Kaisers und die anfänglichen deutschen Erfolge vielen Deutschschweizern angenehm. Der Schweizer Oberkommandierende, General Ulrich Wille, verheiratet mit einer Tochter des Kanzlers Otto von Bismarck, galt als treuer Freund Deutschlands. Er war im Sommer 1915 gar bereit, ab einem bestimmten Zeitpunkt die schweizerische Neutralität aufzugeben, um mit dem künftigen Sieger Deutschland gemeinsame Sache zu machen, wie er das in einem Brief an Bundesrat Arthur Hoffmann am 20.7.1915 erklärte. Ab 1916 schien der Krieg etwas anders zu verlaufen, als sich Wille das vorgestellt hatte, und der Bundesrat forderte von ihm eine ausgeglichene Haltung.

Die Hauptlast der Grenzbesetzung trugen die Arbeiter und Angestellten, sie hatten nur den Sold von 80 Rappen pro Tag. Erwerbsausfalloder Sozialversicherung gab es nicht, sie kamen erst nach dem Generalstreik von 1918 ins politische Programm der Parteien. Die Zeit des Ersten Weltkrieges ist für das Selbstverständnis der Schweiz prägend. Damals entstand die Legende von der «sicheren Insel im Sturm». Diese geistige Haltung prägt die Schweiz noch bis in die jüngste Vergangenheit.

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