Ratgeber

Modetrend Vintage

Über alle Moden erhaben

05.03.2014 16:06 (bb/br)

Seit einigen Jahren erfährt Bejahrtes und Gebrauchtes erhöhte Wertschätzung. «Vintage» nennt sich dieser Trend, und er macht auch vor der Motorrad- Mode nicht halt. Patina stilisiert die Klamotten zum Unikat, die Lederhaut ist die Hülle, in die die Sehnsucht nach dem Echten und Wilden gepackt wird.


Nicht nur Steve McQueen vertraute bei seinenRenneinsätzen auf Barbour, auch diese Geländefahrerstarteten 1957 am Scottish Six Days Trial in derunverwüstlichen Wachsjacke. (Für mehr Bilder klicken)

Was waren das für Kerle: Marlon Brando in «Der Wilde», Steve McQueen in «Gesprengte Ketten» oder James Dean, die Zigarette lässig im Mundwinkel balancierend, als der Inbegriff des Bad Boys. Auch die Mädels, etwa Marianne Faithful in «Nackt unter Leder», mischten fröhlich mit in der von Aufbruch geprägten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Zeit, in der die Rebellion gegen das Establishment Programm war und im Juli 1947 die Rocker ihre Subkultur im kalifornischen Hollister begründeten. Und eine war immer dabei: die Lederjacke. Sie zementierte nicht nur den Look aufmüpfiger Filmhelden, sondern liess Michael Jackson in «Thriller» rot sehen und ist an Treffen der Hells Angels nicht wegzudenken. In die Haut von Wagemut und Rebellion hüllen sich heute aber bei Weitem nicht nur die Motorradfahrer, sondern Stadtindianer und Fashion- Victims rund um den Globus. Leder ist mehr als salonfähig geworden – umso mehr, wenn es, wie dem jüngsten Trend folgend, mit Makeln und Patina, jahrelangen Gebrauch erzählend, versehen ist.

 

Das wachs-lederne Rad der Zeit

Doch werfen wir einen Blick zurück. Was trugen die mutigen Pioniere auf ihren Höllenmaschinen? Womit schützten sie sich vor Wind und Wetter, rasten in Dirt-Track-Arenen rundum oder jagten an Bergrennen in halsbrecherischer Geschwindigkeit die Serpentinen hoch? Bilder aus jener frühen Zeit zeigen die mutigen Piloten zumeist in langen Wachs- oder Lederjacken, nicht selten steckten sie in Reithosen, die Füsse in bis fast zum Knie hochreichenden, robusten Reit- oder Schnürstiefeln. Motorradbekleidung, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht, man(n) behalf sich mit allem, was der (Arbeits-)Kleiderschrank hergab, und stürzte sich per Zweirad auf die staubige Strasse.

Viele der heute noch produzierenden (oder wieder produzierenden) Hersteller, meist mit England als Ursprungsland (klar, die verrückten Briten!), sind heute mehr denn je up to date und schwimmen in der Vintage-Welle oben mit.

Klingende Namen wie Belstaff, Barbour, Vanson, Aero, Davida oder Harro erkannten die Zeichen des die Strassen erobernden zweirädrigen Vehikels zum Glück schon früh und waren dafür verantwortlich, dass ordentliche Motorradbekleidung auf den Markt kam.

 

Beliebt bei den Fischern

So begann die Geschichte des britischen Labels Barbour bereits 1894, als das Unternehmen im Hafen von South Shields (GB) Regenumhänge und Mützen für die Fischer und Hafenarbeiter anfertigte, die bei Wind und Wetter arbeiten mussten. Die Qualität und Zuverlässigkeit der robusten Arbeitskleidung machte Barbour zur beliebten Schutzkleidung bei allem, was draussen stattfand. So schneiderte man 1908 einen Ölanzug für Motorradfahrer, der undurchlässig für Wind und Nässe war. Und mit Beginn des Ersten Weltkriegs stattete Barbour alle Motorradfahrer der British Army mit schneesturmfesten Jacken und Overalls aus. 1938 fertigte Barbour den ersten einteiligen Motorradanzug aus dunkelgrünem Wachstuch – den «International Suit», der später als zweiteiliger Anzug zur Standardausstattung für britische U-Boot-Fahrer wurde. Den entscheidenden internationalen Durchbruch schaffte Barbour mit der schwarzen Wachsjacke «Barbour International», als sie 1953 zur offiziellen Uniform des Vincent Owners Club wurde. Das Heavyweight Wax Cotton mit Baumwollfutter machte sie zur idealen Schlechtwetter- Jacke von Töfffahrern. Berühmtester Träger des edlen Stücks war Steve McQueen, der damit am «International Six Days Trial» in Deutschland um die Wette fuhr. Erst Bond-Darsteller Daniel Craig rückte Barbour im Film «Skyfall» wieder in den Fokus, und heute werden die klassischen (Helden-) Motorradjacken aus Wachs und Leder wieder hergestellt und vertrieben.

 

Für Farmer und Arbeiter

Die andere bekannte britische Marke ist Belstaff. Ihre Geschichte beginnt 1924 in England, als sich Harry Grosberg vornahm, die besten Jacken gegen das nasskalte englische Wetter zu schneidern, und das Wax Cotton erfand. Die dicht gewebte Baumwolle, mit feinsten Ölen imprägniert, machte die Jacke regendicht und wurde initial von Farmern und Arbeitern getragen. Erst als die Motorradstreifen der englischen Bobbys mit der markanten Belstaff- Jacke ausgerüstet wurden, trat die Jacke ihren Siegeszug als ultimativer Regenschutz an. 1934 kam die erste Jacke speziell für Motorradfahrer auf den Markt – das Black Prince Motorcycle Jacket – bis heute die meistverkaufte wasserdichte Jacke. Sogar Che Guevara vertraute auf seinen Motorradreisen durch Südamerika auf Belstaff, und wiederum der kernige Steve McQueen trug in seinen Filmen «The Getaway» und «Gesprengte Ketten» mit dem Icon-Racing-Jackett eine Belstaff-Jacke, die daraufhin unzählige Anhänger fand.

 

Neu- oder Wiedergeburt

Nicht nur die klassischen, auch viele neue Hersteller haben sich dem Thema Vintage verschrieben und bieten klassisch geschnittene Töff-Klamotten aus Wax Cotton oder Leder an. Diese sind dann natürlich neu und verfügen noch nicht über das nötige Charisma, das in einer bereits von vielen Strassenkilometern erzählenden Schutzhaut wohnt. In Secondhand-Läden, im Internet oder sogar auf dem Estrich kann man vielleicht fündig werden. Die Zeiten aber, wo man auf eBay noch eine alte Belstaff oder Barbour für 3,50 Euro ersteigern konnte, sind definitiv vorbei; es muss tief in die Tasche greifen, wer sich in geschichtsträchtige Klamotten hüllen will, denn wegen des derzeitigen Vintage-Trends sind die Preise für Occasionen arg gestiegen.

Glücklich, wer seine erste Lederjacke oder -hose nie dem Müll oder der Kleiderentsorgung anheim gegeben hat – mit etwas Fett oder Öl aufgefrischt, ist er hipper als jeder Hipster. Für Neuanschaffungen gilt: Ist zwar mitunter exorbitant teuer, dafür bekommt man aber ein Teil, das über alle Moden erhaben ist und eine Investition ins (sehnlich herbeigewünschte) wilde Leben darstellt.

 

Mehr als nur ein Mode-Look

Vintage ist nicht gleich Vintage

 

Aktion:

««zurück
NEU! ePaper hier lesen!

Newsletter abonnieren

* Pflichtfeld