Roller

Yamaha Tricity

Flotter Dreier

31.07.2014 00:00 (ff/br)

Yamaha hat mit dem Dreirad-Roller Tricity ein Fahrzeug entwickelt, um dem stetig wachsenden Verkehrsaufkommen vieler europäischer Städte die Stirn zu bieten. Es richtet sich nicht nur an gestresste Pendler.


Leichtfüssig wie ein Velo,macht der Tricity auchausserhalb der Stadtviel Spass. (Für mehr Bilder klicken)

Das letzte Mal war ich als Dreikäsehoch auf einem Dreirad unterwegs, auf dem ich noch trampen musste. Der Sandkasten und dessen Umgebung war damals mein Terrain, auf dem ich den dreirädrigen Untersatz mit jugendlicher Akrobatik ans Limit führte. Bei allzu viel Einsatz gab es dann schon mal einen Kipper, aufgeschürfte Knie oder Ellbogen, und Mutti musste mit Merfen und dem einen oder anderen Pflästerli aus der Misere helfen. Heute muss ich zum Glück nicht mehr treten, sondern darf auf einen neu entwickelten, flüssigkeitsgekühlten Viertaktmotor mit 125 Kubik zurückgreifen, der als Antrieb für Yamahas Tricity dient. Geblieben ist das Chassiskonzept, bestehend aus einem Rahmen und drei Rädern, garniert mit einem Lenker, jedoch mit nun zwei Rädern vorne und einem hinten. Also genau umgekehrt wie in meinen Bubenjahren. Die Spielwiese ist unterdessen auch grösser geworden und hat sich für diesen Fahrbericht auf die Innenstadt von Amsterdam und dessen nahe Agglomeration ausgeweitet.

 

Aus der Fahrerperspektive ein üblicher Scooter

Spacig und modern sieht der Tricity aus, viele Passanten begutachten ihn neugierig und interessiert. Die beiden 14-Zoll-Vorderräder fallen auf und sorgen für Gesprächsstoff. In der Seitenansicht fällt die markante Linienführung auf, die sich schwungvoll von der Frontverkleidung über den flachen Fussraum bis zum Heck erstreckt. Die Beinschilder reichen weit nach oben und bieten guten Schutz vor Wind und Wetter, das Aufsteigen ist bequem, ich fühle mich auf dem komfortablen Sitzplatz sofort pudelwohl. Erfreulich, dass sich unter diesem ein Staufach für einen Integralhelm befindet.

Aus der Fahrerperspektive kommt mir alles wie bei einem konventionellen 125er-Roller vor, denn die beiden Vorderräder sind nicht sichtbar, im Gegensatz zum modern und gut eingerichteten Cockpit mit einwandfrei ablesbaren LCD-Anzeigen. Meine Füsse finden aufgrund der tiefen Sitzposition sicheren Halt am Boden und die moderaten 152 kg Gewicht lassen sich gut zwischen den Beinen balancieren. Das ist wichtig, denn auch der Tricity steht nicht von alleine und verfügt wie ein normaler Scooter über einen Seiten- und einen Hauptständer, um im Stand nicht umzukippen.

 

Kreuz und quer durch Amsterdam

Angeführt von Yamaha-Mitarbeiter Piet van Wijngaarden, der in Amsterdam aufgewachsen ist und jeden Winkel seiner Heimatstadt aus dem Effeff kennt, stürzt sich unsere Gruppe, bestehend aus sechs Tricity-Artisten, in jede noch so knifflige Herausforderung, welche die niederländische Metropole bietet. Für rot hinterleuchtete Schaufenster oder Amsterdamer Coffeeshops, denen nachgesagt wird, dass dort stimulierende Substanzen über den Tresen wandern, haben wir heute keine Zeit. Unser Blick gilt den Schlaglöchern und Pflastersteinen der Grachten-Uferstrassen, den Tramschienen der City, den Bordsteinen, den Schlupflöchern zwischen Autokolonnen; Hindernisse, die eine Grossstadt wie Amsterdam einem Zweiradfahrer so vors Vorderrad legt – oder eben einem Dreiradfahrer vor die Vorderräder legt. Nicht weil wir Angst davor hätten, sondern weil wir uns auf jede neue Möglichkeit freuen, den Parallelogramm-Hebelmechanismus der Vorderachse immer wieder aufs Neue zu prüfen. Dieser Mechanismus ermöglicht ähnliche Schräglagenfreiheit wie bei einem konventionellen Roller und nimmt auf der einen Seite die Tandem- Teleskopgabel auf, auf der anderen Seite ist er mit dem Lenkkopf des Rahmens verbunden. Wird in Schräglage eine Kurve gefahren, führt das System beide Vorderräder parallel zueinander. Die Spurweite zwischen den beiden Vorderrädern bleibt während der Kurvenfahrt nahezu konstant. Das Resultat verblüfft: Ein vertrautes, bekanntes und natürliches Fahrgefühl stellt sich ein. Flink und wendig, jedoch mit viel mehr Vertrauen in die Front, denn nichts bringt meinen City-Feger aus der Ruhe. Absolut stabil, unkompliziert und zudem komfortabel, auch auf schlechtem Untergrund ziehe ich meine Runden durch die Innenstadt und habe meinen Spass daran. Gut zu wissen, dass der Tricity trotz seines Konzeptes nicht breiter als die anderen Roller ist und durch jede noch so kleine Lücke passt.

Beruhigend ist auch die Funktionsweise des Kombibremssystems UBS (Unified Brake System), das nicht nur die Effizienz der Bremsanlage steigert, sondern auch für eine bessere Fahrwerkcharakteristik beim Verzögern sorgt. Wird nur mit dem linken Handbremshebel verzögert, aktiviert die Bremsanlage neben der hinteren auch die vorderen Scheibenbremsen, sodass die Bremskräfte gleichmässig auf alle Räder verteilt werden. Das Fehlen von ABS habe ich nicht vermisst, wahrscheinlich wegen der Kräfteverteilung auf zwei Vorderräder. Auch bei beherztem Einsatz habe ich kein Rad zum Blockieren gebracht, weder geradeaus noch in Schräglage, und ich durfte immer auf eine sehr gute Bremswirkung vertrauen. Für das ausgewogene und sichere Fahrverhalten ist die Radlastverteilung von 50:50 mitverantwortlich. In diesem Punkt ist der Tricity identisch mit den MotoGP-Renntöff von Yamaha.

 

Kein Merfen und Pflästerli nötig

Die Feuertaufe in den Strassenschluchten von Amsterdam hat der Tricity mit Bravour bestanden. Für die Anforderungen der Schweizer Städte dürfte er somit bestens gerüstet sein.

Falls der Filius – oder die Tochter – mit einem Tricity liebäugelt, so muss sich Mutti keine Sorgen wegen aufgeschürfter Knie oder Ellbogen machen. Die Kippgefahr ist inexistent und der tägliche Umgang pflegeleicht. Merfen und Pflästerli dürfen also getrost im Arzneischrank bleiben. Papa kann demzufolge mit der Tricity am Wochenende ungeniert Gipfeli und die Sonntagslektüre am Kiosk einkaufen gehen. Besonders coole Mütter dürfen sogar unbekümmert auch den Nachwuchs in die Schule bringen. Der Auftritt wird für Aufsehen sorgen und kostet mit CHF 4590.– nicht die Welt.

Ausprobieren lohnt sich also!

 

Meine Meinung - Fabrizio Foiadelli (City-Blitz in Amsterdam)

Technische Daten - YAMAHA TRICITY

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